Kritiker hinterfragen die Messmethoden von Forschern, nachdem diese einen Anstieg der Durchschnittstemperatur weltweit belegen. Wie kann man die Kritik einschätzen? - Ein Faktencheck.
Einem viralen Video zufolge sollen sich heutzutage etwa mehr Messstationen in städtischen Regionen befinden, wodurch die Temperaturmesswerte verzerrt würden, da es in der Stadt erwiesenermaßen heißer wird. In Wirklichkeit hat dies aber kaum Auswirkungen auf die Messungen.
Faktencheck: Temperatur steigt auch ohne Wärmeinsel-Effekt
Einschätzung: Der städtische Wärmeinseleffekt fließt in Österreich in die Messungen ein, trägt aber nur einen Bruchteil zum Gesamtanstieg der beobachteten Temperaturwerte bei. In Deutschland, das auch im Mittelpunkt des Videos steht, fließen städtische Messungen gar nicht in diese Berechnungen ein.
Überprüfung: Dass es den sogenannten Wärmeinsel-Effekt gibt, ist erwiesen. In Städten wird es heißer als auf . Die Frage, ob städtische Messstationen somit einen großen Anteil am Temperaturanstieg vor allem angesichts zunehmender Besiedelung und Verbauung ausmachen, ist daher durchaus berechtigt.
38 Wetterstationen maßen Temperatur über 250 Jahre hindurch
In der Realität stellt dies allerdings kein Problem für die Berechnungen dar. Nur wenige der 38 Wetterstationen des , mit dem die Durchschnittstemperatur über eine Zeitspanne von mehr als 250 Jahre gemessen wurde, lägen im städtischen Raum, sagt der Klimatologe Alexander Orlik von der Geosphere Austria auf Anfrage von APA-Faktencheck. Dazu gehörten etwa Stationen in Innsbruck und Wien. Bei sechs der 38 Messstationen handle es sich hingegen um Gipfelstationen.
Wärmeinsel-Effekt würde in städtische Werte miteinfließen
Der
Wärmeinsel-Effekt würde durch die städtischen Werte zwar miteinfließen
und sei auch schwer aus der Statistik zu eliminieren, er mache aber nur
einen Bruchteil des Gesamtanstiegs der Durchschnittstemperatur aus. In Wien
lag die Temperaturerhöhung etwa nur 0,2 Grad Celsius über dem allgemein
in Österreich beobachteten Wert. "Der Wärmeinseleffekt erklärt den
hohen Anstieg der Gesamttemperatur in Österreich nicht", so Orlik.
Zu
Änderungen der Standorte sei es in den letzten Jahrzehnten natürlich
regelmäßig gekommen. Hierbei würde man aber vergleichbare Standorte in
der Nähe suchen. Durch eine Homogenisierung der Datensätze würden
unnatürliche Sprünge und Einflüsse durch Standortwechsel und Änderungen
in den Messmethoden ohnehin in regelmäßigen Abständen korrigiert. Auch
gebe es bei Messstationen keinen Trend hin zu städtischen Regionen.
In Deutschland gibt es ein separates Messnetzwerk
Doch
wie ist die Situation in Deutschland, die auch im viralen Video
explizit angesprochen wird? Hier ist noch eindeutiger als in Österreich,
dass der Wärmeinsel-Effekt wenig bis keinen Einfluss auf die Erhebung
der Durchschnittstemperatur hat. Um den Wärmeinsel-Effekt besser messen
zu können, existiere in Deutschland ein eigenes Netz von
Stadtklimastationen, erklärte der Deutsche Wetterdienst (DWD) auf
Anfrage von APA-Faktencheck: "Diese Stadtklimastationen sind nicht Teil
des offiziellen DWD-Messnetzes und fließen somit auch nicht in die
Berechnung der Gebietsmittel der Temperaturen für die Bundesländer und
für Deutschland mit ein". Die Stationen würden auch im eigenen Open
Data-Bereich entsprechend gekennzeichnet werden.
DWD-Stationen aus den Innenstadtgebieten in Umland verlegt
Darüber hinaus
würden auch immer wieder DWD-Stationen aus den Innenstadtgebieten in die
Peripherie der Städte oder in das Umland verlegt, da durch die
zunehmende Bebauung die ursprünglichen Standorte nicht mehr als geeignet
eingestuft werden. Beispiele hierfür aus der jüngeren Vergangenheit
seien Freiburg, Karlsruhe oder Kassel.
Auch Meteorologe Felix Ament von der Universität Hamburg verneint auf Anfrage von APA-Faktencheck eine zunehmende Errichtung von Wetterstationen in der Stadt: "Nein, diese Entwicklung gibt es nicht." Das eigene städtische Messnetz sei aufgezogen worden, da man in der Stadt aufgrund der Regeln der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zu wenig gemessen hätte. Diese Werte würden nicht einfach mit allen anderen Stationen in einen Topf geworfen, um einen Mittelwert zu bilden, sagt Ament.