Am Dienstag hat ein Prozess um Listerien-Todesfälle und -Erkrankungen in Wiener Neustadt begonnen. Der Angeklagte bekannte sich nicht schuldig.
Dem früheren Chef der inzwischen geschlossenen Käserei Gloggnitz (Bezirk Neunkirchen) wird grob fahrlässige Tötung in fünf Fällen und grob fahrlässige schwere Körperverletzung bzw. grob fahrlässige Körperverletzung in je drei Fällen angelastet. Der 39-Jährige bekannte sich nicht schuldig. Der Prozess wurde auf 23. November vertagt.
Staatsanwältin sprach von "ganz besonders tragischen Fall"
Staatsanwältin
Silke Pernsteiner sprach von einem "ganz besonders tragischen Fall".
Der ehemalige Firmenchef soll Hygienebestimmungen missachtet, vom
Lebensmittelinspektor aufgetragene Mängelbehebungen u. a. aus
finanziellen Gründen nicht durchgeführt und Gerätschaften nicht in Stand gehalten haben.
Verteidiger Elmar Kresbach bezeichnete die Listerienfälle
als "emotionale und furchtbare Geschichte", erklärte aber: "Die Brücke
zwischen dem unbescholtenen Angeklagten und den traurigen Ereignissen
ist nicht nachvollziehbar." Es handle sich um ein "wackliges Konstrukt".
Angeklagter: Es habe nie Hygieneprobleme gegeben
Es
habe nie Hygieneprobleme gegeben, meinte der aus Serbien stammende
Angeklagte laut Dolmetscher - im Gegensatz zu den Kontrollergebnissen,
die im Laufe der Einzelrichterverhandlung Thema waren. Im Dezember 2021
wurde Schwarzschimmelbildung an Wänden festgestellt, zudem wurde ein
"muffiger, dumpfer Geruch" wahrgenommen. Beanstandet wurde weiters das
Fehlen von Insektenschutzgitter und ein Eindringen von Ungeziefer wie
Mäusen und Ratten in den Produktionsbereich sei "sofort durch geeignete
Maßnahmen zu verhindern", hieß es in dem entsprechenden Bericht. Dabei
handle es sich schon um ein Hygieneproblem, hielt Richterin Birgit Borns fest. Fünf Wochen danach seien die Mängel noch immer nicht behoben gewesen.
Bereits
2018 und auch in den beiden folgenden Jahren waren Listerien in
Gullyproben in dem Betrieb nachgewiesen worden. "Sie machen nicht den Eindruck, als hätte Sie das beunruhigt", sagte die Richterin zum Angeklagten. Im Gully seien Listerien nicht
problematisch, meinte der 39-Jährige sinngemäß. Im September 2022 wurde
laut der Staatsanwältin ein konkreter Bakterienstamm u. a. im Reiferaum
der Betriebs nachgewiesen, die Produktion wurde per Bescheid untersagt.
Das Unternehmen rief Kajmak, Trinkjoghurt und Frischkäse zurück. Zuvor
hatten routinemäßig durchgeführte Clusteranalysen der Agentur für
Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) ergeben, dass mehrere
Erkrankungen in Wien auf einen identen Listerienstamm zurückzuführen
sind.
Prozess um Listerien-Tote: Fünf Menschen starben
Fünf Menschen starben nach dem Verzehr kontaminierter
Produkte. Zwei Personen erlitten eine dauerhafte Hirnschädigung, drei
weitere eine chronische Nierenschwäche, Lungenentzündungen oder
ausgeprägte Schwächezustände. Eine Frau soll wegen einer Listeriose eine
Frühgeburt erlitten haben. Das Baby musste künstlich beatmet werden und
erlitt eine lebensbedrohende Sepsis.
Als Zeuge wurde am Dienstag
ein 44-Jähriger befragt, der im September 2020 erkrankt war. Der frühere
Bauarbeiter wird nun über eine Sonde ernährt, weil er nicht
mehr schlucken kann. Sein Mandant sei ein "Pflegefall, sitzt im
Rollstuhl und musste neu sprechen lernen", sagte ein
Privatbeteiligtenvertreter. Eine 73-Jährige, die ebenfalls als Zeugin
befragt wurde, lag 2021 nach dem Verzehr einer Semmel mit Käse neun Tage
lang im Krankenhaus. Für den 44-Jährigen wurden 15.000 Euro an
Schmerzengeld beantragt, für die Frau 5.000 Euro. Ein 54-Jähriger starb
Ende 2021 an einer Listerien-Erkrankung, seine Witwe wurde ebenfalls
befragt. In den Zeugenaussagen wurde zwar kein direkter Zusammenhang mit
Produkten der Käserei hergestellt. Aufgrund des Gutachtens sei aber
"eindeutig", dass der entsprechende Listerienstamm aus der Käserei
Gloggnitz kam, betonte die Staatsanwältin.
Angeklagter bekannte sich nicht schuldig
Eine ehemalige
Büromitarbeiterin, die rund zwei Jahre in dem Unternehmen beschäftigt
war, hatte laut ihrer Aussage 2019 je eine tote Ratte im Lagerraum und
im Kaffeeautomaten gesehen. Die 42-Jährige verwies - ebenso wie ein
ehemaliger Kollege - auf Finanzprobleme des Betriebs. Reinigungsmittel
habe der Firmenchef etwa teilweise selbst mitgebracht, Käsekulturen
seien aus Serbien gekommen. Die 42-Jährige berichtete auch über
Beschwerden vor allem betreffend Kajmak, etwa wegen gewölbter Deckel.
Das
Unternehmen meldete Ende 2022 zum zweiten Mal Insolvenz an. Ein
Konkursverfahren war die Folge. Mit Beschluss vom 12. April wurde die
Schließung der Käserei angeordnet.
Der Prozess wird am 23. November fortgesetzt. Bei diesem Termin sollen weitere Zeugen sowie ein Sachverständiger zu Wort kommen.