Trotz des Angriffkriegs auf die Ukraine will Außenminister Alexander Schallenberg auch weiter Gesprächskanäle mit Russland offen lassen.
Das erklärte Schallenberg gegen Ende seines Aufenthalts bei der UNO-Generaldebatte in New York im APA-Gespräch. Bezüglich der Chancen, dass Österreich 2026 für zwei Jahre als nichtständiges Mitglied in den UNO-Sicherheitsrat gewählt werden könnte, zeigte sich der Außenminister optimistisch. Ebenso, dass eine Reform des Gremiums möglich sei.
Interview mit Alexander Schallenberg
Im Folgenden das Bilanz-Interview zur "High Level Week" der Vereinten Nationen im Frage-Antwort-Modus:
APA:
Sie haben in Ihrer Rede vor der UNO-Generalversammlung einen ebenso
proaktiven wie pragmatischen Zugang zum Multilateralismus gefordert. Es
solle mehr miteinander geredet und vor allem zugehört werden. Und zwar
nicht nur in "Echokammern", wo ohnehin alle eine einheitliche Position
haben. Wie sieht es diesbezüglich angesichts des Angriffskriegs auf die
Ukraine etwa mit Russland aus? Soll mit Moskau auch mehr geredet werden?
Schallenberg:
Natürlich muss man das. Wir haben auch entsprechende Plattformen, sei
es in der UNO oder zum Beispiel der OSZE, der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Solche Organisationen waren
noch nie Clubs von Gleichgesinnten. Dieser Dialog war ja auch in Zeiten
des Kalten Krieges immer sehr schwierig. Das dürfen wir nicht verlernen.
Wir
teilen uns diesen Planeten. Wir haben viele Fragen. Denken wir an das
Klimathema, denken wir an Abrüstung, wo wir nur vorankommen werden, wenn
wir auch mit Moskau reden. Aus unserer westlichen Warte gesehen ist es
natürlich schwierig. Russland versucht in einer neoimperialistischen Art
und Weise, einfach einen anderen Staat einzunehmen. Das ist nicht
etwas, wo wir die Hände in den Schoß legen können, weil es geht um
unsere eigene Sicherheit. Wir leben davon, dass sich alle, egal ob sie
Nuklearwaffen besitzen oder nicht, an das Völkerrecht halten.
Zukunft des Multilateralismus
APA:
Zur Zukunft des Multilateralismus: Besteht nicht die Gefahr, dass die
UNO als Weltgremium fragmentiert wird? Wenn man sich anschaut, dass sich
Bündnisse wie die BRICS-Staaten bilden. Dass die Reform des
Sicherheitsrats zwar von vielen Seiten gefordert wird, manche Player
aber wohl nicht ihre Macht aus der Hand geben wollen?
Schallenberg:
Die UNO kann immer nur das Spiegelbild der Realität sein. Und wir haben
eine multipolare Welt, verschiedene Machtzentren. Die Vereinigten
Staaten, Europa, China, Russland. Natürlich gibt es auch andere
Organisationsformen oder Plattformen wie die BRICS zum Beispiel. Das hat
es in der Vergangenheit aber auch gegeben. Ich glaube, das Wichtigste
aus unserer Warte ist, dass man die Dialogkanäle offen hält, dass man
auf Augenhöhe spricht, von Respekt getragen, und nicht belehrend mit
erhobenem Zeigefinger.
Schallenberg möchte Gesprächskanäle mit Russland offen lassen
APA: Wie stehen die Chancen auf eine Reform des Sicherheitsrats?
Schallenberg:
Der Sicherheitsrat muss reformiert werden. Er ist eigentlich das
Spiegelbild der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Ganze Kontinente,
denken wir an Afrika, denken wir an Lateinamerika, sind überhaupt nicht
repräsentiert in diesem Gremium, das aber gleichzeitig - wenn man so
will - der Weltpolizist ist. Ich glaube, Inklusivität ist ein
wesentliches Zeichen, wenn der Sicherheitsrat in Zukunft nicht nur
handlungsfähig sein soll, sondern auch glaubwürdig bleiben will. Aber
ich habe hier stärker als in der Vergangenheit eine Bereitschaft
gespürt, dieses Thema anzugehen, auch von größeren Staaten. Der
amerikanische Präsident hat immerhin in seiner Rede selber gesagt, dass
der Sicherheitsrat reformiert werden muss.
APA: Österreich will ja
2026 um einen Platz als nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrats
kandidieren. Wie stehen da die Chancen?
Schallenberg: Momentan
bewerben sich drei Staaten: Portugal, Deutschland, Österreich. Wir sind
sehr gut im Rennen, aber noch ist es ein ganzes Stück Zeit bis dorthin.
APA: Ist es nicht so wie im Fußball, dass das kleine Österreich gegen das große Deutschland in der Regel doch eher verliert?
Schallenberg: In der Außenpolitik ist Größe manchmal sogar ein Nachteil.
UNO-Friedenseinsätze gehen zurück
APA:
Es ist ja auch so, dass die UNO-Friedenseinsätze zurückgehen. So wird
etwa die Mali-Mission MINUSMA per Jahresende eingestellt. Stattdessen
dürften sich dort die russischen Wagner-Söldner breit machen. Gibt das
Anlass zur Sorge? Die UNO-Friedensmissionen waren doch jahrzehntelang
ein Aushängeschild der Vereinten Nationen?
Schallenberg: Ich sehe
das genauso, die Blauhelm-Missionen waren immer ein Aushängeschild.
Österreich ist ja auch stolz, seit 1960 daran teilzunehmen, vom Kongo
beginnend über Zypern. Und jetzt sind wir immer noch im Libanon präsent
und am Balkan. Auch in Mali. Das darf nicht enden. Ich glaube aber, dass
es in Wirklichkeit in Zukunft mehr UNO-Missionen geben wird als
weniger. Wenn ich mir den Planeten anschaue, gibt es leider Gottes eine
ganze Reihe von Brandherden und Krisensituationen, wo es eine Präsenz
international der Blauhelme braucht.
"Globaler-Süden-Schwerpunkt" bei Gesprächen
APA: Sie haben bei Ihren
Gesprächen eine Art "Globaler-Süden-Schwerpunkt" gehabt. Sie haben zum
Beispiel mit mehreren Vertretern von Schwellen- oder Entwicklungsländern
aus Afrika gesprochen. Was haben diese Treffen gebracht?
Schallenberg:
Also man kann nicht alle Länder Afrikas über den Kamm scheren. Das ist
ein Fehler, den wir Europäer nicht machen sollten. Das sind viele
unterschiedliche Staaten mit unterschiedlichen Situationen, auch
unterschiedlicher Geschichte. Wichtig ist, dass man das Gespräch sucht.
Sie sind nicht in allen Punkten einer Meinung mit uns, sie verstehen uns
auch teilweise nicht. Aber gleichzeitig gibt es auch eine große Neugier
und Interesse. Denken wir auch an den wirtschaftlichen Bereich. Viele
meiner Partner haben großes Interesse an Investitionen von
österreichischen Unternehmen. Sie wollen Entwicklung.
Da ist
vielleicht gerade auch ein Staat wie Österreich, wo es keine koloniale
Vergangenheit gibt, ein glaubwürdiger Gesprächspartner. Weil bekannt
ist, dass wir eigentlich nicht mit Investitionen österreichischer
Unternehmen eine geheime politische Agenda verfolgen. Da sind wir dann
oft gefragt, und das müssen wir auch nutzen.
APA: Es ist immer
wieder davon die Rede, dass die Länder des Globalen Südens mit den
Industrieländern des Westens unzufrieden sind. Ist die Spaltung
vorhanden?
Schallenberg: Ja, sie ist bei vielen Themen da. Es ist
so, dass es oft das Gefühl gibt, hier entscheiden die Industriestaaten,
und die anderen müssen quasi mitziehen, ob sie wollen oder nicht. Wir
hören ja auch bei der Klimadebatte, dass einige Schwellenländer oder
Entwicklungsländer sagen, wir haben das ja nicht verursacht. Ihr habt
das CO2 in die Luft geblasen, und jetzt sollen wir dafür mit die Zeche
zahlen. Das sind Diskussionen, die notwendig sind.
Thema Kampf gegen den Klimawandel
APA: Wie sieht
es mit dem Thema Kampf gegen den Klimawandel aus? Haben Sie das Gefühl,
dass da etwas weitergeht? Oder gab es da vor allem Lippenbekenntnisse?
Schallenberg:
Die Bereitschaft ist zunehmend da. Es kann ja keiner mehr leugnen, dass
es den Klimawandel gibt. Das kann ja jeder im eigenen Haus verspüren.
Die wesentliche Frage wird sein, dass man es so macht, dass es
erträglich ist, dass keine Arbeitsplätze vernichtet werden, dass nicht
die industrielle Basis gefährdet wird. Das ist in Wirklichkeit die Crux.
APA:
Gibt es aus Ihrer Sicht nach dieser intensiven Woche ein besonderes
Fazit? Eine neue Erkenntnis, die Sie aus New York nach Hause mitnehmen?
Schallenberg:
Es war eine UNO-Generalversammlung, die nicht ausschließlich vom Thema
Ukraine und Russland dominiert war. Wir haben sehr viel über den
Mittleren Osten gesprochen, über die Situation zwischen Israel und
Saudi-Arabien, sehr viel natürlich auch über die Sahelzone oder
Westafrika.
Wir dürfen nicht nur eine eurozentrische Nabelschau
durchführen und nur an uns denken. Wir haben Krisenherde von Afghanistan
über Äthiopien bis zu Burkina Faso, Mali und Niger, Myanmar in Asien.
Da müssen wir auch engagiert sein, da müssen wir am Ball bleiben und
auch als Europa zeigen, dass wir hier nicht mit zweierlei Maß messen und
uns die Ukraine wichtig ist, aber andere Situationen nicht.
(Das Gespräch führte Edgar Schütz/APA)