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Wirecard-Skandal: Wiener Marsalek weiter verschollen

19-07-2023, 12:53

Kurz vor der Wirecard-Pleite soll sich Ex-Manager Jan Marsalek mit hilfe heimsicher Geheimdienstler nach Russland abgesetzt haben. Noch immer fehlt von dem Wiener jede Spur.

Im Strafprozess um die milliardenschwere Pleite des deutschen Zahlungsabwicklers Wirecard sorgt ein Brief des untergetauchten Ex-Vorstands, des Österreichers Jan Marsalek, für Streit. Der Brief wurde nicht verlesen, stattdessen wurde die ehemalige Wirecard-Vorständin und gebürtige Österreicherin, Susanne Steidl, befragt.

Wirecard-Skandal: Aufenthaltsort von Marsalek weiterhin unklar

Bei Wirecard sollen die mutmaßlichen Betrüger um den Hauptverdächtigen Marsalek ihre Geschäfte sogar vor dem übrigen Vorstand abgeschottet haben. Das sagte die frühere Produktvorständin Steidl am Mittwoch als Zeugin im Münchner Wirecard-Prozess aus. "Ich habe keine Passwörter gehabt", so die 52 Jahre alte österreichische Managerin.

Anwaltsbrief von Marsalek sorgte für Aufregung

Für Aufregung sorgte zu Beginn des Prozesstags das Lebenszeichen von Marsalek per Anwaltsbrief. Während die Verteidiger des angeklagten früheren Chefs Markus Braun in der Verhandlung des Landgerichts München am Mittwoch eine Verlesung des bisher nicht veröffentlichten Schreibens an die Strafkammer forderten, lehnte der Vorsitzende Richter Markus Födisch dies vorläufig ab. Er sehe kaum Möglichkeiten, den Brief in die Gerichtsverhandlung einzuführen, sagte Födisch ohne nähere Begründung. Darüber entscheiden werde er zu einem späteren Zeitpunkt.

Brauns Anwälte: Marsaleks Brief enthält Angaben zu brauns Entlastung

Brauns Anwälte Alfred Dierlamm und Nico Werning protestierten, da Marsaleks Brief wesentliche Angaben zu Brauns Entlastung enthalte. "Wollen Sie das Schreiben in der Schublade verschwinden lassen?", rief Dierlamm. Dies mündete in minutenlange heftige Wortgefechte zwischen den Anwälten, dem Richter und Staatsanwältin Inga Lemmers, worauf Födisch die Sitzung unterbrach und mit den übrigen Richtern den Saal verließ. Wenige Minuten später setzte Födisch die Verhandlung fort und erklärte, er werde Brauns Anwälten im späteren Tagesverlauf das Wort für einen Beweisantrag erteilen. Zunächst solle wie geplant die österreichische Ex-Produktvorständin Susanne Steidl als Zeugin vernommen werden.

43-jähriger Wiener war vor Wirecard-Pleite untergetaucht

Der 43-jährige Wiener war beim Zusammenbruch von Wirecard vor drei Jahren untergetaucht und wird international gesucht. Marsalek galt als führender Kopf bei Wirecard und war dort für das Asien-Geschäft verantwortlich. Wirecard war im Juni 2020 zusammengebrochen, als aufflog, dass auf Treuhandkonten in Asien 1,9 Mrd. Euro fehlten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Österreicher Braun und zwei weiteren Angeklagten Bilanzfälschung und großangelegten Betrug vor. Demnach sollen die Manager Milliardenerlöse von so genannten Drittpartnern erfunden haben, um den Konzern schönzurechnen. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf Angaben des angeklagten Ex-Managers Oliver Bellenhaus, der als Kronzeuge gilt. Braun und seine Anwälte hingegen haben erklärt, dass das Geld existiert habe und hinter Brauns Rücken beiseitegeschafft worden sei.

Mit dem Brief habe sich Marsaleks Anwalt bereits vor einigen Wochen im Namen seines Mandanten an das Gericht gewandt, sagten mehrere mit dem Schreiben vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Marsalek lasse darin erklären, das Drittpartnergeschäft habe existiert, und Bellenhaus habe in mehreren Punkten nicht die Wahrheit gesagt. Die "Wirtschaftswoche" hatte zuerst über das Schreiben berichtet. Von Marsaleks Verteidiger war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Gericht und Staatsanwaltschaft bestätigten lediglich die Existenz des Schreibens.

Weiterhin ist Marsaleks Aufenthaltsort unbekannt

Der Aufenthaltsort von Marsalek ist weiter unbekannt, bestätigte die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in Wien am Dienstag auf APA-Anfrage einmal mehr. Sie hat zwar eine gewisse Zuständigkeit, weil Braun und Marsalek österreichische Staatsbürger sind und es auch in Österreich einige Opfer etwaiger strafbarer Handlungen geben könnte. Doch der Schwerpunkt mutmaßlicher krimineller Handlungen liegt in Deutschland.

Ermittlungsverfahren gegen Braun gänzlich an Deutschland abgegeben

So ist das Ermittlungsverfahren gegen Braun gänzlich an Deutschland, konkret an die Staatsanwaltschaft München 1, abgegeben, da der Sachverhalt ident ist. Hier leistet die WKStA wenn nötig Rechtshilfe. In der EU gilt ein Doppelbestrafungsverbot. Wenn in diesem Fall in Deutschland ein Urteil fällt, ist der Fall auch in Österreich erledigt.

Ermittlungsverfahren gegen Marsalek derzeit abgebrochen

Das Ermittlungsverfahren gegen Marsalek, bei denen freilich ebenso mit deutschen Behörden zusammengearbeitet wird, ist aufgrund des unbekannten Aufenthaltsortes des Verdächtigen abgebrochen. "Wenn es neue Anzeigen, generelle oder Neuigkeiten zum Aufenthaltsort gibt, prüfen wir diese natürlich. Insgesamt kooperieren wir mit den deutschen Behörden", sagte ein WKStA-Sprecher zur APA. Während sich ein Verdächtiger entzieht, gibt es keine Verjährung.

Deutsche Justiz verlangt von Russland Auslieferung Marsaleks

Die deutsche Justiz verlangt von Russland die Auslieferung Marsaleks. Es wurde ein Rechtshilfeersuchen an die russische Regierung gestellt. Vor seiner Flucht lebte der Österreicher in einer Münchner Luxusvilla.

Ermittlungen rund um die Fluchthilfe für Marsalek

Ermittlungen rund um die Fluchthilfe gegen mehrere Personen waren zumindest zuletzt bei der Staatsanwaltschaft Wien anhängig. Konkret hatten ein damals karenzierter Beamter des BVT und ein Ex-Politiker nach Ansicht der Anklagebehörde im Juni 2020 geholfen, einen Bedarfsflug aus Bad Vöslau nach Minsk zu organisieren. In betreffenden Verfahren war aber auch der Banker selbst im Zusammenhang mit Bestechungsvorwürfen als Beschuldiger geführt worden. Seine weitere Flucht, die laut Medienberichten nach Russland geführt hat, wäre schließlich ohne Kontakte zum belarussischen und russischen Geheimdienst kaum zu bewerkstelligen gewesen.

Marsalek prahlte mit Dokumenten zu Nervengas Nowitschok

Marsaleks Prahlen mit Geheimdokumenten zum Nervengas Nowitschok führte mit deutlicher Verzögerung 2021 zudem zur Suspendierung eines hochrangigen österreichischen Diplomaten. Diesem werfen Ermittler die Weiterleitung der betreffenden Dokumente vor.

(APA/Red)

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