Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) ist für weitere Maßnahmen am Arbeitsmarkt. Der Grund ist der Fachkräftemangel.
An Politik, Sozialpartner und Unternehmen richtet er einen Appell zur Offenheit. "Wir müssen noch stärker über ideologische Schatten springen", sagte der Politiker im APA-Gespräch. Als Reformvorhaben für den Herbst nannte Kocher die Novelle der Höheren Beruflichen Bildung. Ein Vorschlag für den Lebensmittelpreisrechner soll bald vorliegen.
Fachkräftemangel: Kocher für weitere Maßnahmen
Grundsätzlich sieht Kocher im Bereich der Arbeitsmarktpolitik jüngst Fortschritte. Als Beispiel griff er die Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte heraus, deren Umsetzung "mit den Sozialpartnern gemeinsam" gelungen sei. Nun seien aber weitere Instrumente notwendig, denn die durch den Mangel an Personal verursachten Probleme würden nicht weniger. "Der Appell geht an alle, um am Arbeitsmarkt genug Arbeitskräfte zu haben", so Kocher. Es gehe darum, "unseren Wohlstand und unser Sozialsystem zu sichern".
Handlungsbedarf bei überregionaler Vermittlung von Arbeitslosen
Handlungsbedarf ortet Kocher bei der überregionalen
Vermittlung von Arbeitslosen - einer der Schwerpunkte unter den neuen
Zielvorgaben an das AMS. "Wir können nicht akzeptieren, dass wir wie
jetzt in Tirol und Salzburg 3 Prozent Arbeitslosigkeit, also
Vollbeschäftigung haben, in Wien
aber mehr als 10 Prozent." Über eine Erhöhung der Entfernungsbeihilfe,
wie zuletzt von der neuen AMS-Vorständin Petra Draxl vorgeschlagen,
könne man daher diskutieren, sagte Kocher. An den gesetzlichen
Zumutbarkeitsbestimmungen für einen Ortswechsel soll sich in der Zukunft
allerdings nichts ändern, versicherte der Minister.
Keine konkreten Angaben zum AMS-Budget von Martin Kocher
Konkrete
Angaben zum AMS-Budget, das im nächsten Jahr geringer ausfallen dürfte,
machte Kocher mit Blick auf die kommenden Verhandlungen keine.
Jedenfalls wolle er sich dafür einsetzen, dass wichtige Vorhaben in der
aktiven Arbeitsmarktpolitik, etwa für die Vermittlung von Jugendlichen,
Langzeitarbeitslosen oder Frauen, weiterverfolgt werden können. Die
neuen Zielvorgaben seien durchaus ambitioniert, was aber auch notwendig
sei, wenn man auf die Bedürfnisse einzelner Arbeitssuchender besser
eingehen wolle. Kocher beschrieb die Zielvorgaben als "Kompass" für die
Arbeitsmarktpolitik.
Spätestens im Herbst will Kocher die im
türkis-grünen Regierungsprogramm 2020-2024 verankerte Reform der Höheren
Beruflichen Bildung finalisieren. Bei der Höheren Beruflichen Bildung
geht es um die Verankerung einer gleichwertigen Alternative zur
hochschulisch-akademischen Bildung in Österreich. Personen, die aus dem
Berufsbildungsbereich kommen, also beispielsweise einen Lehrabschluss
haben, sollen damit für eine Höherqualifikation künftig nicht mehr
zwangsläufig in den akademischen Bereich wechseln müssen. Zu klären
seien nur noch Kleinigkeiten. "Ich hoffe, wir können bald ein Paket
präsentieren."
Lebensmittel-Preisrechner: Kocher will bis Herbst Vorschlag erarbeiten
Für den Mitte Mai angekündigten
Lebensmittel-Preisrechner will Kocher ebenso bis zum Herbst einen
Vorschlag erarbeiten. Die konkrete Ausgestaltung sei noch offen, derzeit
befinde man sich im Austausch mit Experten der Bundeswettbewerbsbehörde
(BWB). Das Tool müsse jedenfalls "den Konsumentinnen und Konsumenten
nutzen, es muss einfach sein und es muss natürlich auch so gestaltet
sein, dass es jederzeit die richtige Information liefert". Gleichermaßen
solle damit auch der Wettbewerb im Lebensmittelhandel angeheizt werden.
Ziel sei, ein langfristig brauchbares Instrument zur Verfügung zu
stellen. "Deswegen macht es auch Sinn, sich dafür Zeit zu nehmen."
In
Österreich waren die Lebensmittelpreise zuletzt ein wesentlicher
Treiber der Teuerung. Die Inflationsrate lag im Juni hierzulande laut
Schnellschätzung der Statistik Austria im Juni bei 8,0 Prozent, im Mai
hatte der Anstieg im Jahresabstand 9,0 Prozent betragen - ein
Preisauftrieb, der über dem Schnitt der Eurozone liegt. Wichtig sei vor
allem, dass der Abstand von Österreich zu Deutschland verringert werde,
so Kocher, der auf die jüngsten Anti-Teuerungsmaßnahmen der Regierung
sowie den geldpolitischen Straffungskurs der Europäischen Zentralbank
(EZB) verwies.
Kocher bereit die Indexierung zu überdenken
Für die Anregung vom neuen Chef des Instituts für
Höhere Studien (IHS), Holger Bonin, die in Österreich weit verbreitete
Indexierung zu überdenken, zeigte sich der Minister grundsätzlich offen.
Konkrete Vorschläge für eine "bessere Indexierung", etwa abseits des
Verbraucherpreisindex (VPI), habe er aber noch nicht vernommen. Durch
die Indexierung, die beispielsweise im Mietrecht verankert ist, werden
die Preise unter bestimmten Bedingungen an die Inflationsentwicklung
nachträglich angepasst.
Zum Mercosur-Pakt, über den aktuell
international verhandelt wird, hob Kocher den aufrechten
Parlamentsbeschluss hervor, der die Regierung grundsätzlich zu einer
ablehnenden Haltung verpflichtet. Der Politiker kann sich aber
vorstellen, das Endergebnis neu zu bewerten. "Bevor wir nicht wissen,
wie das Gesamtpaket aussieht, kann ich nicht ausschließen, dass man
möglicherweise doch eine veränderte Position einnimmt". Er wolle
abwarten, bis es eine "klare politische Positionierung von der
Europäischen Kommission und den Mercosur-Staaten" gibt. "Dann kann man
eine Entscheidung treffen, wie sich Österreich verhält." Die Knackpunkte
aus seiner Sicht seien der Schutz des Regenwaldes, der von den
Mercosur-Ländern zugesichert werden müsse, sowie die Sicherung eines
fairen Wettbewerbs für landwirtschaftliche Produkte.