Die von SPÖ und Gewerkschaft geforderte gesetzliche Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich lehnt Arbeitsminister Martin Kocher ab.
"Die meisten Menschen in Österreich spüren sehr gut, dass dieser Wunsch flächendeckend nicht möglich ist", sagte Kocher dem "Kurier" (Freitag). "Weniger arbeiten bei gleichem Lohn und gleich hohen sozialen Leistungen wird einfach nicht gehen, weil damit unser Wohlstand und unsere hohen Sozialleistungen nicht aufrechtzuerhalten sind."
Die 32-Stunden-Woche ist eine Kernforderung des neuen SPÖ-Vorsitzenden Andreas Babler. Wenn sich einzelne Branchen für weniger Stunden und oder alternativ für starke Lohnsteigerungen entscheiden, so sei dies das Recht der KV-Verhandler, so der Arbeitsminister. "Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür existieren." In einer künftigen Regierung würde Kocher nicht unter einem Kanzler Herbert Kickl arbeiten wollen. "Ich glaube nicht, dass Kickl Kanzler wird, weil die FPÖ nicht die stimmenstärkste Partei werden wird. Sollte es doch so kommen, stehe ich nicht zur Verfügung."
Der neue Chef der Produktionsgewerkschaft PRO-GE, Reinhold Binder, drängt auch auf eine Arbeitszeitverkürzung. "Wir als PRO-GE vertreten Arbeiter und Arbeiterinnen, die schwere körperliche Arbeit verrichten, die mit Kälte und Schmutz verbunden ist." Unter solchen Bedingungen sei "eine Arbeitszeitverkürzung
nötig, um gesund alt werden zu können", sagte Binder den "Salzburger
Nachrichten" (Freitag). Der Spitzengewerkschafter will sich aber nicht
auf eine konkrete Stundenreduktion festlegen. "Ganz bewusst nicht. Es
wäre am Gesetzgeber, nach 47 Jahren den ersten Schritt zu setzen und
beispielsweise auf 38,5 Stunden Normalarbeitszeit zu gehen", so Binder.
Man müsse sich das Thema auf Branchenebene ansehen, mit
Arbeitszeitmodellen, die größere Freizeitblöcke ermöglichen, auch die
sechste Urlaubswoche. "Das wäre gesundheitspolitisch wichtig. Und das
Ziel ist eine Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich", sagte der PRO-GE-Chef.
Bei
der Arbeitslosigkeit gibt es in Österreich ein starkes
Ost-West-Gefälle. Im Juni belief sich die Arbeitslosenrate in Wien auf
10,2 Prozent und in Salzburg sowie Tirol nur auf drei Prozent. "Wenn wir
es nicht schaffen, diese Divergenz zu verändern, wird sie sich
verfestigen und zum Problem", sagte Kocher
dem "Kurier". Wenn eine arbeitslose Person jung und nicht verwurzelt
sei sowie keine Betreuungspflichten habe, dann müsse es möglich sein,
den Arbeitssuchenden überregional zu vermitteln. "Wir brauchen
allerdings noch mehr Anreize und mehr Begleitung", so der
Arbeitsminister.
Für den neuen Chef des AMS Wien, Winfried Göschl, ist der relativ hohe Migrationsanteil der Bevölkerung in Wien einer der Hauptgründe für die hohe Arbeitslosenrate. "Wien ist die einzige Großstadt in Österreich, daher sind wir speziell mit der Migrationsproblematik konfrontiert. Weil der Zuzug so stark in die Städte geht, das ist nicht nur in Österreich so", sagte Binder der "Presse" (Freitag). Wien sei in den vergangenen 30 Jahren um eine halbe Million Menschen gewachsen. "Der Vorteil ist, dass sie jetzt jünger ist. Der Nachteil ist, dass die Arbeitsplätze mit dem Bevölkerungswachstum nicht ganz mitgekommen sind", erklärte der AMS-Wien-Chef.