Die Teuerung spürt das Rote Kreuz doppelt. Durch die Inflation wird die Arbeit der Hilfsorganisation deutlich erschwert.
"Im Südsudan sind die Lebensmittelpreise gegenüber dem vergangenen Jahr um 99 Prozent gestiegen", berichtet der Generaldirektor des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) Robert Mardini im Gespräch mit der APA. Unter anderem deshalb bezeichnet er 2023 als das "Jahr nie da gewesener humanitärer Not".
Inflation bereitet dem Roten Kreuz Kopfzerbrechen
Mit dem Sudan (88 Prozent) und Äthiopien (54 Prozent) nennt Mardini zwei weitere Staaten, die derzeit massiv unter der Inflation leiden. Doch gerade in Konfliktregionen würden die Sorgen an dem Punkt nicht enden. "Humanitäre Akteure, seien sie lokal oder international, erhalten nun weniger Gelder, um wachsende Bedürfnisse zu stillen. Die Rechnung lautet also: Größer werdende humanitäre Not, meist getrieben von einem bewaffneten Konflikt, und ein schrumpfendes Budget erschwert unsere Möglichkeiten, Leid zu lindern", beklagt Mardini. Auch das IKRK zahle nun mehr für Lebensmittel, ebenso wie für Produkte zur medizinischen Versorgung.
Teuerung mitverursacht durch Krieg gegen die Ukraine
Die Teuerung mitverursacht hat der Krieg gegen die
Ukraine. Den dortigen Einsatz bezeichnet Mardini als den
"tragischerweise größten" des IKRK. Man sei mit über 800 Leuten im
Einsatz und arbeite mit nationalen Rotkreuzorganisationen und -partnern
zusammen. Seit der Zerstörung des Kachowka-Staudammes versuche man etwa,
die Wasserversorgung wiederherzustellen, damit die Bevölkerung, vor
allem jene in Cherson, das unterhalb des Staudamms an der Mündung des
Dnipro liegt, Zugang zu sauberem Wasser hat. Außerdem entschärfe man
Minen, die durch den Dammbruch weggeschwemmt wurden.
1.500 Kriegsgefangene im Zuge des Ukraine-Krieges
Dem IKRK
steht nach der Dritten Genfer Konvention Zugang zu Kriegsgefangenen zu.
Im Zuge des Ukraine-Krieges habe man bisher 1.500 Gefangene auf beiden
Seiten besucht. "Das ist nicht genug", kritisiert Mardini, "wir drängen
darauf, Zugang zu allen Kriegsgefangenen zu bekommen." Über den Zustand
der Inhaftierten, insbesondere darüber, ob es Unterschiede gebe, wie die
Kriegsparteien ihre Gefangenen behandeln, darf Mardini keine Auskunft
geben. "Es ist Teil unseres vertraulichen Dialogs", begründete Mardini
diesen Sachverhalt. "Wenn wir anfangen würden, unsere Beobachtungen, die
Haftbedingungen, zu schildern, würde das IKRK jegliche
Zutrittsmöglichkeit verlieren." Es sei ein Grundprinzip des IKRK, sich
nicht politisch zu äußern. "Wir fokussieren auf humanitäre Bedürfnisse,
die Prioritäten der Menschen, und wir sind in Dialog mit allen
Konfliktparteien, damit wir die Front überqueren und unsere
lebensrettende Arbeit verrichten können", betont Mardini.
Organisationen behandelt Verletzte
So
behandle die Organisation in Gao (Mali) Verletzte, ganz gleich, auf
welcher Seite die Personen stünden. "Das internationale humanitäre Recht
erlaubt sogar verwundeten Soldaten oder Kämpfern, medizinische
Behandlung zu erhalten."
Angehörige von Vermissten können sich an Organisation in Genf melden
In Genf hat die Organisation ein Zentrum
eingerichtet, bei dem sich Angehörige von Vermissten melden und nach
Informationen fragen können. Knapp 80 Leute arbeiten laut Mardini dort.
Sie würden täglich hunderte Anrufe bekommen und gegebenenfalls
mitteilten, wo sich eine Person befindet. "Wir sind sehr transparent
gegenüber Familienmitgliedern. Doch es gibt Familien, die keine
Neuigkeiten bekommen, weil wir keinen Zutritt zu ihren geliebten
Menschen erhalten. Das IKRK hat aber keine Möglichkeit, den Zugang zu
einer Haftanstalt zu erzwingen."
Kriegsgefangene: Kritik von Angehörigen gegen Rotes Kreuz
Unlängst hatten Angehörige von
zwei ukrainischen Kriegsgefangenen das Rote Kreuz dafür kritisiert,
nicht energisch genug Zutritt zu den beiden Inhaftierten zu fordern.
Mardini sagte allerdings: "Das Ziel ist nichts weniger als alle
Kriegsgefangenen zu besuchen." Genaue Zahlen zu den Kriegsgefangenen
könne man nicht nennen, meint Mardini, da die Zahlen ständig variierten
und es immer wieder einen Austausch von Gefangenen gebe.
Größte globale Bedrohung laut Robert Mardini sei der Klimawandel
Die
größte globale Bedrohung abseits bewaffneter Konflikte sieht Robert
Mardini im Klimawandel. "Gleichzeitig sind 80 Prozent der humanitären
Nöte weltweit durch Konflikte verursacht." Die bittere Ironie: "Wenn man
die 25 am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder nimmt, tobt in
60 Prozent von ihnen bereits ein Konflikt." Die Verwundbarsten der
Verwundbarsten seien sehr oft betroffen von Multikrisen betroffen.
360 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten betroffen
Weltweit
sind dem IKRK zufolge 360 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten
betroffen. Von diesen gibt es über 100, und einige dauern seit
Jahrzehnten an - ohne Ende in Sicht, so Mardini. Einen einzelnen von der
Öffentlichkeit unbeachteten möchte der Generaldirektor nicht nennen.
Stattdessen ruft er etliche in Erinnerung: im Jemen, in Mali, in Burkina
Faso, im Niger, in Somalia und in Äthiopien. In Tigray herrsche seit
zwei Jahren Nahrungsmittelunsicherheit und es gebe Kinder unter fünf
Jahren, die an Mangelernährung litten. "Wir versuchen, mittels
Ernährungsprogrammen die Lage zu stabilisieren", sagt der
IKRK-Generaldirektor.