2022 wurden 1.324 Fälle von rassistischen Übergriffen gegen Musliminnen und Muslime bei der Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus verzeichnet.
Bei der Präsentation des mittlerweile achten Antimuslimischen Rassismus Reports erkannte man zahlreiche Fälle von Hass im Netz, aber auch intensivere rassistische Polizeigewalt. "Jeder Fall ist ein Fall zu viel", so Rechtsberaterin Dunia Khalil von der Dokustelle.
Antimuslimischer Rassismus: 1.324 Fälle verzeichnet
1.080 Fälle beobachtete man im Internet, 244 Fälle "offline", sagte Khalil. Letztere passieren etwa im Bildungsbereich, im Arbeitsumfeld oder beim Zugang zu Dienstleistungen. Bei 31,6 Prozent handelt es sich um Ungleichbehandlung, bei 21,7 Prozent um Beleidigung und bei 18,9 Prozent um Vandalismus. "Die Täter nutzen die Anonymität der Öffentlichkeit", schlussfolgerte Khalil, die auch bei der rassistischen Polizeigewalt in Österreich steigende Tendenzen festmachte. Dabei handle es sich etwa um körperliche Gewalt oder unerklärliche Anhaltungen. Vermehrt sind Frauen von antimuslimischem Rassismus betroffen - 98 Frauen stehen 37 Männern gegenüber.
Verbreitung von Hass in den Sozialen Medien
Bei den im Internet - etwa in
den Sozialen Medien - verzeichneten Fällen handelte es sich in 92,3
Prozent um die Verbreitung von Hass. Dieser wurde etwa in Verbindung mit
bestimmten politischen Ereignissen sichtbar. Der Anfang 2022 bekannt
gewordene Sideletter der Koalitionsparteien zum Thema Kopftuchverbot für
Lehrerinnen habe eine Flut an Hasskommentaren ausgelöst. Der Krieg in
der Ukraine wiederum zeige, dass Geflüchtete aufgrund ethnischer
Zugehörigkeit ungleich behandelt werden, so Khalil.
Probleme sieht
die Leiterin der Dokustelle, Rumeysa Dür-Kwieder, auch in "befangenen"
wissenschaftlichen Arbeiten zu Muslimen. Sie kritisierte etwa die
umstrittene Studie, für die muslimische Schülerinnen und Schüler aus dem
Regelunterricht geholt wurden und etwa dazu befragt wurden, ob Muslime
nur mit ihresgleichen befreundet sein oder Frauen für unsittliches
Verhalten bestraft werden sollen. Aus solchen Studien würden schließlich
Maßnahmen gegen Muslime abgeleitet, so Dür-Kwieder.
2021 wurden 1.061 Fälle verzeichnet
1.061 Fälle
verzeichnete man noch 2021, wobei die Sprecherinnen betonten, dass die
Zahlen nur eine Momentaufnahme darstellen. Nach einem Schwerpunkt auf
Vernetzung habe man diesmal vermehrt Fälle aus den Bundesländern
betreut. Für die Dokustelle sei es ein Jahr des Wachstums gewesen, so
Dür-Kwieder. Zum ersten Mal habe man eine Grundfinanzierung für die
zuvor ehrenamtliche Tätigkeit bekommen, es gebe nun etwa einen Ausbau
der psychosozialen und rechtlichen Beratung.
Ähnliche
Beobachtungen gebe es in ganz Europa, so Ojeaku Nwabuzo von der
Interessensorganisation "European Network Against Racism", deren
Mitglied die Dokustelle ist. In Österreich brauche es einen Nationalen
Aktionsplan (NAP) gegen Rassismus, der aufzeigt, was antimuslimischer
Hass ist und wie man dagegen vorgehen kann. Mit dem Report gehen auch
für die Dokustelle politische Forderungen einher - "konkrete Maßnahmen,
um Betroffene zu schützen", so Vorstandsmitglied Ümmü Selime Türe. Diese
beinhalten neben der Ausarbeitung und Umsetzung des NAP etwa die
Anerkennung von antimuslimischem Rassismus als gesamtgesellschaftliches
Phänomen sowie eine rechtlich verankerte Arbeitsdefinition dessen. Beim
Gestalten von Maßnahmen und Strategien gegen Rassismus soll die
Regierung rassismuskritische zivilgesellschaftliche Akteure einbinden.
Handelsbedarf bei Politik und Medien
Handelsbedarf
sieht Dür-Kwieder schließlich bei Politik und Medien, die
antimuslimischen Rassismus ansprechen sollen: "Den Schutz vor
Diskriminierung können wir nur dann bieten, wenn wir als
Gesamtgesellschaft das Problem beim Namen nennen und wir es ernst nehmen
mit den freien demokratischen Rechten eines jeden Individuums in
Österreich."
Unterstützung erhält die Dokustelle von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), deren Präsident Ümit Vural in einer Aussendung ebenfalls einen NAP fordert: "Die Politik ist dazu angehalten, sich unmissverständlich gegen jedwede Form von rassistischer Diskriminierung gleichermaßen auszusprechen."