Der britische Elektronikkünstler James Holden gastierte mit seinem neuen Album "Imagaine This IS A High Dimensional Space Of All Possibilities" am Kremser donaufestival.
Der britische Elektronikkünstler James Holden hat kürzlich sein neues Album "Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities" veröffentlicht und es Sonntagabend unter viel Zuspruch beim live präsentiert. Schön, wenn wie bei ihm aus einem vermeintlichen Tiefpunkt neue Dinge erblühen.
James Holden: "Wollte Musik machen, die wild und frei ist
"Wir lebten damals in meinem Studio, es gab kein Warmwasser, und mein Hund starb zu dieser Zeit", erinnerte sich Holden gegenüber der APA an die Entstehungsphase der neuen Stücke, die zwischen meditativen Skizzen, druckvollen Beatgerüsten und feingliedrigen Melodien oszillieren. Corona hat also auch beim so erfolgreichen DJ und Produzenten seine Spuren hinterlassen. Dennoch galt für ihn die Maxime: Nicht zu viel nachdenken. "Sonst bleibst du stecken oder verkrampfst. Ich wusste, dass ich Musik machen wollte, die wild und frei ist."
Wild und frei: Zwölf Nummern am neuen James Holden Album
Wie wild die
neuen Nummern tatsächlich sind, liegt wohl im Auge (oder Ohr) des
Betrachters. Frei klingen die zwölf Stücke aber definitiv. Vor dem
Hintergrund der gesellschaftlichen wie persönlichen Niedergeschlagenheit
suchte Holden jedenfalls den Weg ans Licht. "Es gab zwar keine
Hoffnung. Aber ich war dankbar dafür, was ich bis zu diesem Punkt
erreicht hatte. Also wollte ich etwas Positives machen." Und das ist ihm
mit dieser vielfach tranceartigen, sehr psychedelischen Platte
jedenfalls geglückt.
"Ich glaube tatsächlich, dass der bewusste Teil unseres Gehirns nicht so gut ist wie der Rest"
Wie aber findet er die richtige Balance
zwischen Kontrolle und freifließender Energie? "Ich glaube tatsächlich,
dass der bewusste Teil unseres Gehirns nicht so gut ist wie der Rest",
schmunzelte Holden. "Natürlich gibt es im Aufnahmeprozess Dinge, die in
bestimmten Bahnen ablaufen: das System zu bauen, gewisse Entscheidungen
zu treffen und so weiter. Aber wenn es darum geht, einen Take
aufzunehmen, ist es am besten, wenn dein Gehirn aus ist. Man muss
vergessen, dass es um eine Aufnahme geht." Also Augen zu und durch. Für
Holdens Musik immer ein guter Tipp.
Intensive Performance "Batty Bwoy" mit geschlossenen Augen
Apropos Augen zu: Das galt am
ersten Festivalwochenende auch für Harald Beharie, der nicht wenige
Momente seiner ziemlich intensiven Performance "Batty Bwoy" mit
geschlossenen Augen vollzog, dabei zu pulsierenden Progrocksounds stets
haarscharf an seinem Publikum vorbeirasend. Der norwegisch-jamaikanische
Tänzer, der für sein im Sommer auch beim Wiener
ImPulsTanz-Festival zu sehendes Stück bis auf Schuhe und Knieschoner
nackt agierte, beschäftigte sich in dieser Studie der körperlichen
Ausdauer und Leidensfähigkeit mit Homophobie und queeren Stereotypen.
Zwar war die eingangs gesetzte Speichelorgie einigen sichtlich zu viel,
aber hier lohnte sich definitiv ein Durchhalten - und zwar auf beiden
Seiten.
Nichts für schwache Nerven: Hüma Utkus Auftritt
Nichts für schwache Nerven war auch Hüma Utkus Auftritt in
der Minoritenkirche: Die aus Istanbul stammende Musikerin präsentierte
ihr aktuelles Album "The Psychologist", das eine düstere Welt öffnete -
klanglich wie in den beklemmenden, nicht selten an psychedelischen
Horror erinnernden Visuals, die (wie vieles beim diesjährigen Festival)
mit allerlei Natur- und Waldassoziationen aufzuwarten wussten. Schicht
um Schicht türmte Utku ihre dröhnenden Untergangsszenarien, um sie dann
mit großem Können und allerlei Effekten explodieren zu lassen. Der
Mensch hat sich in dieser Dystopie längst selbst abgeschafft.
Festivalthema "Beyond human"
Zum
Festivalthema "Beyond human" passte auch Eglé Budvytytès Videoarbeit
"Songs from the Compost: Mutating bodies, Imploding stars". Die
litauische Künstlerin hat eine Gruppe von Jugendlichen gefilmt, die in
betonter Langsamkeit durch Wälder streifen oder an Küstengebieten im
Wasser knien. Erst sukzessive kommt dabei in den Blick, dass ihre Körper
mit diversen Irritationen versehen sind: Einmal scheinen sich Finger
wie Äste zu verlängern, dann wiederum wuchern pilzartige Strukturen aus
dem Rücken. Unterlegt mit elegischer Musik und Gesangstexten, die die
Überwindung des menschlichen Körpers transportieren, wurde daraus ein
ästhetisch zwar sehr ansprechender Ausflug in eine fremde Welt, der
letztlich aber nur an der Oberfläche kratzte - trotz einiger recht
mutiger Bilder.
"Climate Feedback Loops" von Ressler in der Kunsthalle Krems
Deutlich direkter agierte hingegen Oliver Ressler:
Seine "Climate Feedback Loops", die in der Kunsthalle Krems zu sehen
sind, entstanden im Rahmen eines Forschungsprojekts auf der Inselgruppe
Svalbard. 23 Minuten lang wurde mittels zweier sich ergänzender, aber
nie ganz im Einklang stehender Videos das "Hothouse Earth" an die Wand
geworfen. Nie sei der CO2-Anstieg so schnell vorangeschritten wie jetzt,
erfuhr man. Zu den "menschgemachten Höllenhunden", über die man las,
gesellte sich ein Knacksen und Flirren, das die Stimmung weiter drückte.
Sich gegenseitig befeuernde Kipppunkte, fehlende Klimagerechtigkeit und
der Zusammenbruch des Netzwerks des Lebens - so idyllisch die Natur in
den Aufnahmen auch anmutete, der Untergang wirkte unausweichlich.
In den Abrund blicken und ein letztes Mal tanzen
In
den Abgrund blicken und ein letztes Mal tanzen, das ging aber auch bei
diesem donaufestival - und nicht zu knapp: So lockte etwa Yeule das
Publikum in versöhnlichere 90er-Tage, mit zwischen Kitsch und Kante
angesiedeltem Pop, der eigentlich nur einen Hauch vom großen Wurf
entfernt ist. Jede Pose, jeder Ton lag über dem Erlaubten, und doch
funktionierte diese Mixtur so blendend, dass sich jeglicher Nebel
schnell verzog. Und der syrische Sänger Omar Souleyman ist in Krems
ohnehin eine sichere Bank: Sonnenbrille auf, Discomodus an und ab in die
Nacht. Immer wieder gern.