In den vergangenen Jahren haben Krisen antisemitische Verschwörungsmythen befeuert.
Das belegt der am Dienstag präsentierte Antisemitismusreport des Parlaments. So finden 36 Prozent der Befragten in einer IFES-Studie, dass Juden die "internationale Geschäftswelt" beherrschten. 19 Prozent stimmten der Aussage, Juden hätten in Österreich zu viel Einfluss, zu. 18 Prozent sehen "jüdische Eliten" für die aktuellen Preissteigerungen verantwortlich.
Krisen verstärkten antisemitische Verschwörungsmythen
Zum dritten Mal - nach 2018 und 2020 - erhob IFES im Auftrag des Parlaments die Einstellung gegenüber Jüdinnen und Juden. Für die aktuelle Studie wurden von Mitte Oktober bis Ende November des vergangenen Jahres 2.000 Personen ab 16 Jahren telefonisch und online befragt. Auch diesmal wurde die Gesamtstichprobe aufgestockt, indem fast 1.000 in Österreich lebende Menschen mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund in einer eigenen Stichprobe berücksichtigt wurden.
Einfluss von Jahrtausende alten Verschwörungsmythen
Das Ergebnis: Teilweise Jahrtausende alte Verschwörungsmythen
haben wesentlichen Einfluss auf antisemitische Einstellungen. Dabei
müssen diese nicht einmal per se etwas mit dem Judentum zu tun haben.
Aber auch andere Faktoren gibt es. So drücken Menschen mit höherem
Bildungsgrad deutlich weniger Zustimmung zu antisemitischen Aussagen
aus. Auch das Basiswissen über Jüdinnen und Juden ist entscheidend -
etwa zur Anzahl der im Holocaust Ermordeten.
Viele Verschwörungsmythen auch in Bezug auf den Holocaust
Verschwörungsmythen
wuchern auch nach wie vor in Bezug auf den Holocaust. 36 Prozent fanden
in der IFES-Studie, dass Juden heute "Vorteile" aus der Verfolgung
während des Nationalsozialismus ziehen wollten. Immerhin 19 Prozent
stimmten der Aussage zu: "Es ist nicht nur Zufall, dass die Juden in
ihrer Geschichte so oft verfolgt wurden; zumindest zum Teil sind sie
selbst schuld daran." Und 11 Prozent fanden, dass die Berichte über
Konzentrationslager und Judenverfolgung übertrieben seien.
Mehr antisemitische Einstellungen in Gruppe mit Migrationshintergrund
Weit
mehr antisemitische Einstellungen fanden sich in der Aufstockungsgruppe
mit Migrationshintergrund, wobei Projektkoordinator Thomas Stern
betonte, dass es sich hier um keinen "monolithischen Block" handle. Vor
allem der israelbezogene Antisemitismus
sei hier stärker vertreten. 62 Prozent meinten etwa, dass sich Israelis
in Bezug auf Palästinenser nicht anders verhalten würden als die
Deutschen im Zweiten Weltkrieg.
Antisemitsche Vorurteile gestärkt durch Coronakrise und Krieg
Auch Ereignisse wie die und Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine samt ihren Folgen hätten sich auf antisemitische Vorurteile ausgewirkt. "Man könnte sagen, auf Krise folgt Antisemitismus", resümierte Stern. Studienleiterin Eva Zeglovits hatte aber auch Positives zu berichten. So hätten jüngere Befragte von 16 bis 25 Jahren Antisemitismus durchaus in ihrem Umfeld identifizieren können - vor allem in sozialen Netzwerken, aber auch in deren eigenem Bekanntenkreis und in der Schule.
Sobotka sieht Antisemitismus als Gefahr für die Demokratie
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), der auch Auftraggeber der Studie ist, bezeichnete den Antisemitismus
ein weiteres Mal als Gefahr für die Demokratie. Es handle sich dabei
auch um kein Phänomen politischer Randgruppen, sondern werde dort
schlicht sichtbar. "Wir brauchen eine Vielzahl von Instrumenten und ein
neues Denken", plädierte Sobotka. Auf die Frage, warum seine Partei in
Niederösterreich dann mit der FPÖ regiere, antwortete er lediglich, dass
jede Bewegung ihre Vergangenheit aufarbeiten müsse.