In einer Studie zeigen US-Forscher, dass jene Jahrgänge, die am stärksten von Verbesserungen der Lebensbedingungen profitieren, erst jetzt ins hohe Alter kommen.
Mit Jeanne Calment gibt es erst einen dokumentierten Fall eines über 120 Jahre alten Menschen. Die 1997 im Alter von 122 Jahren verstorbene Französin werde ihre Sonderstellung aber in absehbarer Zukunft kaum behalten, berichten US-Forscher im Fachblatt "Plos One". Das erhöhe die Chance auf neue Rekorde deutlich.
Mythen um maximal mögliche Lebenszeit
Die Annahmen über die maximal mögliche
Lebenszeit von Menschen sind Gegenstand vieler Legenden und Mythen und
variieren mit der jeweiligen Zeit: Während die Hebräer vor rund 2.500
Jahren davon ausgingen, dass Menschen nicht älter als rund 80 Jahre
werden können, glaubten die Römer rund 1.000 Jahre später an ein
menschliches Lebenszeit-Ablaufdatum von 100 bis 110 Jahren. Dass sich
seit nunmehr über 25 Jahren kein neuer Langlebigkeits-Weltrekord
eingestellt hat, veranlasse manche zu neuen Spekulationen darüber, ob
das absolute Alterslimit nicht möglicherweise bereits erreicht wurde,
schreiben Davis McCarthy von der University of Georgia und Po-Lin Wang
von der University of Southern Florida (beide USA) in ihrer Arbeit.
Wissenschafter analysierten Sterbedaten
Die
Wissenschafter analysierten nun die Sterbedaten von älteren Personen in
19 industrialisierten Ländern, darunter auch Österreich. Dabei
konzentrierte man sich auf den Vergleich von verschiedenen Jahrgängen.
Würden die Bevölkerungen in den Industrieländern tatsächlich schon auf
eine mehr oder weniger fixe Grenze bei der maximalen Lebenszeit
zusteuern, müsste man vor allem eine zunehmende Konzentration bzw.
Verdichtung der durchschnittlichen Sterbealter irgendwo vor der Grenze
der maximalen Lebenszeit beobachten. Ist hingegen bei der Lebenszeit
noch Luft nach oben, würde man eine solche "Mortalitäts-Verdichtung"
nicht sehen. Die Lebenserwartung würde steigen und das Sterbealter breiter verteilt bleiben, erklären die Wissenschafter.
Die Forscher
suchten also in den Daten nach Anzeichen für Verdichtung und echte
Verschiebungen bei der verbleibenden Lebenserwartung nach dem 50.
Lebensjahr. "Verdichtung ist das dominierende Muster in den
Alterskohorten, die vor dem Jahr 1900 geboren wurden", heißt es in der
Arbeit. In späteren Jahrgängen werde das Bild aber anders. Auch in den
Daten aus Österreich - die allerdings größtenteils im 20. Jahrhundert
geborene Personen umfassen - zeichnet sich vor allem in den
Alterskohorten ab den 1930er Jahren eine Entwicklung in Richtung einer
echten Verschiebung der Mortalität ab. Das passt zu den Abläufen in den
meisten anderen europäischen Staaten, die von den Wissenschaftern
analysiert wurden.
Lebenszeit-Maximum sei noch nicht erreicht
Dass dies erst im Laufe des 20. Jahrhunderts
stark zum Tragen kommt, erklärt laut den Studienautoren auch, warum sich
die maximale Lebensspanne in den vergangenen Jahrzehnten so scheinbar
unveränderlich präsentiert hat. Nun kämen aber zunehmend Jahrgänge in
ein sehr hohes Alter, die später geboren wurden und von mannigfaltigen
Verbesserungen im Gesundheitssystem oder in der Ernährung am stärksten
profitieren. Die verbleibende Lebenserwartung nach dem 50. Lebensjahr
für Menschen, die jetzt zwischen 70 und 110 Jahre alt sind, sei über
alle Länder gerechnet um rund acht Jahre höher als in früher geborenen
Jahrgängen. Das Lebenszeit-Maximum, so es denn ein solches gibt, ist der
Studie zufolge also eher noch nicht erreicht.
Lebenszeit-Rekorde können in Zukunft fallen
Damit erhöhe sich die Chance, dass bis in die 2060er Jahre Altersrekorde in einigen Ländern - inklusive Österreich - fallen werden. Sehe
man sich die Situation bei Frauen in Japan an, die bereits in den
vergangenen Jahrzehnten im Schnitt in sehr hohem Alter starben, sei
ähnliches in vielen anderen Staaten zu erwarten.
Ausgemacht sei das Fallen von Altersrekorden aber bei weitem nicht, betonen die Wissenschafter. Ob vor dem Jahr 1950 geborene Menschen tatsächlich um die 120 Jahre oder älter werden können, sei stark davon abhängig, wie sehr politische Entscheidungen auf die Gesundheit älterer Menschen Rücksicht nehmen. Nicht zuletzt brauche es dazu stabile politische, ökologische und wirtschaftliche Gegebenheiten. Wie schnell sich die Lebenserwartung unter Personen höheren Alters reduzieren kann, habe zuletzt die Covid-19-Pandemie eindrücklich gezeigt.