Keine Einigung zeichnet sich derzeit im Koalitionsstreit um eine Mietpreisbremse ab. Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig erklärt indes, dass die Interessen der Wiener dem Finanzminister egal seien.
Die ÖVP hat zuletzt einen komplett neuen Vorschlag eingebracht - eine Aufstockung des Wohnzuschusses um 200 Mio. Euro statt der Bremse. "Da gibt es jetzt keine Weiterentwicklung", hieß es am Dienstag aus dem ÖVP-Klub zum aktuellen Stand der Verhandlungen. Aus Sicht von Fiskalrat-Präsident Christoph Badelt kommt der Vorschlag zu spät.
Mitpreisbremse: Ludwig ortet Ignoranz gegenüber Wienern
Konkret müsste die Regierung sich bis zum Finanzausschuss am
Donnerstag einig werden, um die ins Haus stehenden Mieterhöhungen per
1. April (Neuverträge) beziehungsweise 1. Mai (Bestandsverträge) noch
abfangen zu können. Danach geht sich eine gesetzliche Mietpreisbremse
vom formellen Ablauf her zeitlich nicht mehr aus.
Erhöhten Mieten würden schon mit 1. April fällig werden
"Grundsätzlich
ist mir der Vorschlag sympathisch, weil ich glaube, dass man auf diese
Art und Weise sehr zielgerichtet fördern kann. Im konkreten Fall aber
erscheint mir der Vorschlag jetzt zu spät", kommentierte Badelt den
ÖVP-Vorschlag in der ORF-Sendung "ZiB1". So müssten Menschen mit
geringen Einkommen im Fall einer Umsetzung länger auf den Zuschuss
warten, die höheren Mieten würden aber schon mit 1. April fällig werden.
Außerdem bleibe die Inflation weiter hoch, argumentierte der Ökonom.
Mietpreisbremse sei noch nicht gänzlich vom Tisch
Gänzlich
vom Tisch ist die Mietpreisbremse aber noch nicht: "Es wird mit den
Grünen weiterverhandelt", hieß es am Dienstag vonseiten der ÖVP zur APA.
Der
ÖVP-Seniorenbund hat sich in einer Aussendung anders als der türkise
Parlamentsklub positioniert. Präsidentin Ingrid Korosec forderte in
einem Statement gegenüber der APA: "Die Mietpreisbremse muss diese Woche
stehen. Das Zuhause darf für ältere Menschen nicht zur Kostenfalle
werden." Wohnen stelle neben den gestiegenen Energie- und
Lebensmittelkosten eine große Belastung besonders für ältere Menschen
dar. "Für Mieterinnen und Mieter in Richtwertmietwohnungen wird es
zunehmend brenzlig", warnte die Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec.
Es brauche eine Einigung der Koalitionspartner, die ab 1. April greifen
müsse, verwies sie auf eine Durchschnittspension in Höhe von 1.400 Euro
brutto und verwies auf drohende Altersarmut.
Gespräche um Mietpreisbremse erlebten einen massiven Rücksetzer
Ein massiver
Rücksetzer in den Gesprächen ist allerdings evident. Von den Grünen hieß
es Dienstagnachmittag, sie hätten einen "sozial gerechten und
ökonomisch sinnvollen Vorschlag" für eine Mietpreisbremse gemacht. Doch:
"Dieses umfassende und vernünftige Paket hat die ÖVP abgelehnt", hieß
es in einer Stellungnahme gegenüber der APA knapp, gleichzeitig wurde
aber eingeräumt: "Die Einmalzahlungen, die die ÖVP nun vorgeschlagen hat
sind eine mögliche Alternative." Es fehle aber die inflationsdämpfende
Komponente. "Wir prüfen soziale Treffsicherheit, die Förderhöhen und wie
schnell der Vorschlag umgesetzt werden kann", so die Grünen. Eine
Lösung, die den Mieterinnen und Mietern helfe, sei besser als keine
Lösung.
Kocher kann sich Einigung bei Grunderwerbssteuer-Senkung vorstellen
Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) kann
sich eine Einigung der Regierung bei der anvisierten Mietpreisbremse und
Grunderwerbssteuer-Senkung durchaus noch vorstellen. "Ich bin
optimistisch, dass es einen Kompromiss gibt", sagte Kocher am Dienstag
im Klub der Wirtschaftspublizisten in Wien. Es gebe "sehr intensive Gespräche auf parlamentarischer Ebene". In die Detailverhandlungen sei er aber nicht eingebunden.
Streckung von Altbau-Richtwertmietenerhöhung
Die
von Wifo-Chef Gabriel Felbermayr und Fiskalrat-Präsident Christoph
Badelt vorgeschlagene Streckung der Altbau-Richtwertmietenerhöhung über
mehrere Jahre lehnt Kocher nicht kategorisch ab. "Das kann man durchaus
diskutieren", so der Wirtschaftsminister. Die von der ÖVP ins Spiel
gebrachte Streichung der Grunderwerbssteuer für das erste Eigenheim hat
laut Kocher auf jeden Fall einen positiven Effekt. "Es macht sicher was
aus."
"Den Grünen nicht möglich, das Thema Wohnen breiter zu fassen"
Davor hielt Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) zu einer
Einigung mit dem Koalitionspartner bei der bevorstehenden
Richtwertmieten-Erhöhung in einem Interview mit den
"Oberösterreichischen Nachrichten" (Dienstagsausgabe) fest: "Leider war
es mit den Grünen nicht möglich, das Thema Wohnen breiter zu fassen.
Mieter zu entlasten, ist gerechtfertigt. Uns ist aber auch das Thema
Eigentum wichtig, darum wollten wir die Grunderwerbsteuer für das erste
Eigenheim bis zu einer gewissen Grenze reduzieren oder auf null
stellen."
Erhöhung der Richtwertmieten ab 1. April primär regionales Problem
Weiters bezeichnete der Minister die Erhöhung der
Richtwertmieten mit 1. April als primär regionales Problem. "Das sind
großteils Wohnungen in der Wiener
Innenstadt und innerhalb des Gürtels. Auf dem Land und in den
Bundesländern ist das kaum ein Thema", meinte Brunner. Betreffend
Grunderwerbssteuer betonte er: "Zu einer Vermögenssteuer über die
Hintertür sind wir nicht bereit."
Wiener Bürgermeister: "Ignoranz gegenüber der Wiener Bevölkerung"
Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) ortete angesichts solcher Aussagen eine "Ignoranz gegenüber der Wiener Bevölkerung". "Die Interessen der Wiener Mieterinnen und Mieter sind dem Finanzminister kein Anliegen. Darüber hinaus betrifft es nicht nur Wien.
Städte und somit Wohnungen in ganz Österreich sind von der
bevorstehenden Erhöhung betroffen", hielt er via Twitter fest. In
Wahrheit, so befand er, sei ein Universalmietrecht nötig. Alle
Mietwohnungen müssten in den Geltungsbereich des Mietrechtsgesetzes
kommen und damit auch preisreguliert werden.
Heftige Kritik an der aktuellen wohnpolitischen Entwicklung
Der
FPÖ-Bautensprecher im Nationalrat, Philipp Schrangl, übte am Dienstag
heftige Kritik an der aktuellen wohnpolitischen Entwicklung und sprach
von einem "zynischen ÖVP-Trauerspiel um die Mietpreisbremse". Ein
Wohnzuschuss sei "keine Alternative zu einem echten Mietenstopp".
"Offensichtlich torpediert die ÖVP jede Entlastung Hunderttausender
Mieter aus politischem Kalkül heraus", meinte Schrangl in einer
Aussendung. Der kolportierte Wohnzuschuss sei "ein reines Placebo".
ÖVP wollte ursprünglich auch Verbesserungen für Vermieter
Ursprünglich
wollte die ÖVP auch für die Vermieter, die bei einer Mietpreisbremse zu
einem spürbaren Einnahmenverzicht gedrängt würden, Verbesserungen in
das Gesetz hineinverhandeln - attraktivere steuerliche
Abschreibungsmöglichkeiten bei klimafreundlichen thermischen
Sanierungen. Weiters wollte sie Käufer und Häuslbauer entlasten - beim
Kauf einer Immobilie sollten die ersten 500.000 Euro von der
Grunderwerbssteuer (3,5 Prozent des Kaufpreises) befreit werden. Davon
dürfte vorerst keine Rede mehr sein. "Wir haben einen ganz neuen
Vorschlag unterbreitet", bekräftigte die ÖVP gegenüber der APA.
Övp ging den Grünen bei Steuervorstoß zu weit
Den
Grünen war der Steuervorstoß der ÖVP zu weit gegangen, da damit auch
Luxusimmobilienkäufer entlastet würden. Sie schlugen vor, den
Grunderwerbsteuersatz ab einem Kaufpreis von 1 Mio. Euro von 3,5 auf 5
Prozent zu erhöhen. Das sollte den Gemeinden, die diese Steuer einheben,
zur Gegenfinanzierung dienen. Generell wollten die Grünen die Erhöhung
der Richtwertmieten 2023 von 8,6 auf 3,8 Prozent einbremsen und den Rest
der Anhebung 2024 und 2025 nachziehen.
SPÖ spricht sich für einen gänzlichen Mietpreisstopp aus
Die SPÖ spricht sich für
einen gänzlichen Mietpreisstopp aus. Sie will Erhöhungen für Richtwert-,
Kategorie- und frei vermietete Wohnungen sowie Geschäftsräume von KMU
bis Ende 2025 aussetzen. Danach sollen die Mieten jährlich um maximal 2
Prozent steigen dürfen.