Laut dem Energieexperten Christoph Maurer vom Energieberatungsunternehmen Consentec ist die Energiekrise noch nicht vorbei.
Europa hat das Zusammentreffen gleich mehrerer von einander unabhängiger Energiekrisen recht gut bewältigt und ist gut über den Winter gekommen, sagt Christoph Maurer "Aber wir sollten uns auch bewusst sein: Die Energiekrise ist nicht vorbei", warnte Maurer am Mittwochabend beim "Trendforum Oesterreichs Energie". Auch der nächste Winter könne herausfordernd werden.
Energiekrise ist noch nicht vorbei
Es habe in diesem Winter eine Überlagerung mehrerer Energiekrisen gegeben, "die jede für sich genommen durchaus sehr relevant war und das Potenzial hatte, gerade im Stromsystem Versorgungssicherheitsprobleme zu verursachen", sagte Maurer. Der Ausfall russischer Gaslieferungen habe nicht erst mit der Invasion in der Ukraine begonnen, sondern mindestens ein halbes Jahr davor. Die Liefermengen nach Europa seien unterhalb des langjährigen Minimums gelegen.
Dazu seien insbesondere in Frankreich, aber nicht
nur dort, Probleme mit der Verfügbarkeit der Atomkraftwerke gekommen.
"Faktisch hat Frankreich 2022 so wenig Strom aus Atomenergie produziert
wie zuletzt davor 1989." Überdies habe die Trockenheit im Sommer und Herbst in ganz vielen Ländern dazu geführt, dass sowohl die Erzeugung der Laufwasserkraftwerke als auch die
Reservoirs der Speicherkraftwerke extrem niedrig gewesen seien.
"Österreich war da noch auf der besseren Seite." In Deutschland habe man
insbesondere am Ende des Sommers praktisch keine Kohle mehr verschiffen
können, wodurch die Kohlekraftwerke in Süddeutschland Probleme mit der Brennstoffversorgung bekommen hätten. "Die Risiken für die Versorgungssicherheit waren größer als in vielen Jahren zuvor."
Risiko von Engpässen in Frankreich und Irland
Am größten sei das Risiko von Engpässen in Frankreich und Irland gewesen, aber auch dort seien die Extremszenarien nicht
sehr wahrscheinlich gewesen. Aber auch der nächste Winter könnte
herausfordernd werden, warnte der Energieexperte. "In China fängt die Wirtschaft wieder an zu wachsen. Das wird auf den LNG-Bedarf in Asien relevante Auswirkungen haben. Das wird vermutlich die Preise für Gas in Europa im Laufe des Jahres wieder hochtreiben." Aber auch die Verfügbarkeitskrise der französischen Atomkraftwerke sei nicht vorbei.
Zwischenzeitlich sei es zwar gelungen, ungefähr drei Viertel der
Leistung wieder ans Netz zu bekommen, "mittlerweile fehlen aber wieder 7
GW gegenüber dem Höchststand von Anfang Februar."
Man dürfe dabei nicht nur über die Preise für die Endverbraucher nachdenken, sondern müsse auch an die
Versorgungssicherheit denken. "Wenn man das schlecht macht und dadurch
Anreize verliert, dass Kunden sich systemdienlich verhalten, dann kann
das auch dazu führen, dass wir neue Probleme für die Versorgungssicherheit schaffen." Dass die Diskussion über die Laufzeit der deutschen Atomkraftwerke nur innenpolitisch geführt worden sei, hält Maurer für einen Fehler, denn das Thema habe die
Versorgungssicherheit von ganz Europa betroffen. Beim Gas brauche man
gerade in Österreich neue grenzüberschreitende Leitungen, weil in der
Vergangenheit sehr viel Gas aus Russland gekommen sei und die Transportrouten nun umgestellt werden müssten.
Energie: Größere Diskussion über Preise als über Versorgungssicherheit
Dass über die Preise mehr diskutiert worden sei als über die
Versorgungssicherheit, hält der Experte für einen Fehler. "Akteure wie
zum Beispiel Manuel Macron oder Ursula von der Leyen haben sehr vehement
eine Reform des Strommarkt-Designs gefordert und letztendlich gesagt:
Das heutige Strommarktdesign passt nicht
mehr zu unserer Realität." Er sei da anderer Meinung, sagte Maurer.
"Ich glaube tatsächlich, dass es keinerlei Evidenz gibt, dass dieses
Strommarktdesign nicht funktioniert oder die Krise verschärft hat. Es hat tatsächlich eher geholfen die Krise abzufedern, weil die Märkte eigentlich schon so funktioniert haben, wie man das erwartet hat." Die Preiseingriffe der Politik seien im Hinblick auf die Versorgungssicherheit eher unerwünschte Maßnahmen, weil sie die
Einsparungen der Verbraucher reduzieren würden. "Abschöpfungen
unterminieren gegebenenfalls das Vertrauen von Akteuren in das
Marktdesign, in die Stabilität des Marktdesigns und ihre Investitionsbereitschaft."
Verbund-Chef: "Versorgungssicherheit kostet etwas"
"Versorgungssicherheit
kostet etwas", stellte auch Verbund-Chef Michael Strugl fest. Man sei
ständig dabei, das System auf Kosteneffizienz zu trimmen, "irgendwann
geht das auch auf Kosten der Systemsicherheit und Systemstabilität". Man
werde steuerbare und grundlastfähige Kapazitäten noch sehr lange
brauchen, sagte Strugl. In Österreich könne das bis zu einem gewissen
Grad die Wasserkraft sein, aber auch Gaskraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplung. "Wir werden die auch über 2030 hinaus noch brauchen, auch wenn uns das vielleicht nicht immer so behagt, weil die sind natürlich fossile Kraftwerke."
Josef Vasak von der Vertretung der EU-Kommission in Österreich verwies darauf, dass sich etwa ein Drittel der EU-Länder "bisher noch nicht strukturell ausreichend" von der Abhängigkeit von russischem Gas befreit habe. "Wir hoffen auch, dass Österreich den Weg findet, um schnell strukturell weg von russischem Gas zu kommen, damit wir nicht erpressbar sind und auch den russischen Krieg nicht finanzieren helfen."