Immer mehr Vertriebene aus der Ukraine würden planen, in Österreich zu bleiben, stellte Claudia Lui, Leiterin des Beratungszentrums Ukraine der Diakonie fest.
Seit mehr als einem Jahr herrscht in der Ukraine Krieg - länger, als viele Ukrainerinnen und Ukrainer erwartet hatten. Denn 75 bis 80 Prozent jener, die sich dort beraten lassen, seien weiblich. Sie würden vor allem von einem längerfristigen Aufenthaltstitel profitieren, so Lui.
Ukrainerinnen sehen Zukunft häufiger in Österreich
Ein 20 Nationalitäten umfassendes Team - viele Mitglieder sprechen Russisch oder Ukrainisch - hat im Beratungszentrum in Wien-Ottakring seit Kriegsbeginn etwa 13.000 Klientinnen und Klienten beraten, erzählte die Leiterin. Kommen ukrainische Männer, so seien diese meist älter oder beeinträchtigt, da sie nur unter bestimmten Umständen ausreisen durften - im Rahmen der allgemeinen Mobilmachung wurde zu Kriegsbeginn für wehrpflichtige Ukrainer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren ein Ausreiseverbot verhängt.
Täglich komme man auf 60 bis
70 Beratungsgespräche. Dabei will die Diakonie "möglichst breit alle
Fragestellungen oder Problemfelder abdecken", meinte Lui. Man behandle
das Thema Wohnen, beispielsweise Fragen zu Energiepreisen und privaten
Wohnungen, sowie Arbeitsmarktintegration und leiste Sozialberatung sowie
sozialmedizinische Beratung.
Arbeitsmarkt könnte vertriebene Ukrainer gebrauchen
Dabei könne der österreichische
Arbeitsmarkt die Vertriebenen brauchen - etwa im medizinischen,
pädagogischen und technischen Bereich, so Lui. Der überwiegende Teil
ihrer Klientinnen habe eine Hochschulqualifikation. Die Menschen seien
gut digitalisiert, könnten schnell Deutsch lernen, sich orientieren und
sich oft selbst helfen. "Was mir auch sehr gut gefällt an den Ukrainern
und Ukrainerinnen ist, dass sie sich nicht so leicht dequalifizieren
lassen", meinte Lui. Sie würden qualifiziert in den Arbeitsmarkt
einsteigen wollen. Allein aus ökonomischer und damit egoistischer Sicht
würde Österreich also gut daran tun, den Menschen aus der Ukraine
entgegenzukommen.
20.979 Beschäftigungsbewilligungen wurden laut
Arbeitsministerium für Vertriebene bisher erteilt, davon sind 13.378
aufrecht, 7.413 Vertriebene sind beim AMS vorgemerkt. Zwischen Jänner
2022 und Jänner 2023 haben 2.205 Ukrainer und 6.205 Ukrainerinnen -
allerdings nicht nur Vertriebene - eine Beschäftigung aufgenommen.
Tamara Deysan, die im Beratungszentrum der Diakonie als Betreuerin
arbeitet und selbst zu Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Österreich kam,
schätzt die vielen Angebote zur Unterstützung bei der Arbeitssuche. Sie
selbst hatte bereits in der Ukraine Deutsch gelernt und mehrere Zusagen
bekommen, bevor sie die Stelle als Beraterin im Zentrum annahm.
Lui sieht Beschäftigungsbewilligung freudig entgegen
Dem
Fall der Beschäftigungsbewilligung sieht sie freudig entgegen, sei
diese für viele Arbeitgeber doch eine abschreckende Hürde geblieben. Man
wisse durch den Blick nach Deutschland, dass der Einstieg oft über
Personalleasingfirmen zustande komme, an die jedoch keine
Beschäftigungsbewilligung vergeben werde. Unternehmen könnten so
"Ukrainerinnen ausprobieren", meinte Lui. Der erste Afghane in der Firma
habe immer große Aufregung verursacht, "beim zweiten und dritten war
dann schon alles okay. So wird es bei den Ukrainerinnen auch sein", nahm
sie auf frühere Fluchtmigration Bezug.
Sprache bleibt allerdings Hürde für Ukrainer
Eine Hürde bleibt
allerdings auch die Sprache: Bei den allermeisten Berufen werde Deutsch
auf B2-Niveau verlangt, so Lui. Um dieses zu erreichen, würde man
mindestens ein Jahr benötigen. "Den Menschen ist bewusst, dass sie die
Sprache lernen müssen, um in Zukunft eine Stelle zu bekommen", meinte
Deysan. Sie versuche auch ihren eigenen Bekanntenkreis davon zu
überzeugen, die Sprache zu lernen. Im schlimmsten Fall könne man die
neuen in Sprachkursen oder Bildungsprogrammen gewonnenen Kenntnisse
wieder mit in die Ukraine nehmen, so Lui.
Viele Ukrainerinnen
würden Monat um Monat damit hadern, zurückzugehen und könnten sich so
keine Perspektive aufbauen, meinte sie. Immer mehr Vertriebenen werde
aber bewusst, dass sie die Zukunft unter Umständen in Österreich
verbringen werden. Es sei "durchaus wahrscheinlich", dass
Familienzusammenführungen in Zukunft in Österreich stattfinden und nicht
in der Ukraine. Besonders in den Kindern sieht Lui einen Anker: "Je
eher die Kinder in Österreich sozialisiert werden, desto eher bleiben
auch die Eltern."
Ukrainerinnen tauchen in Mutterrolle stärker in Österreich ein
In ihre Mutterrolle würden Ukrainerinnen teils
erst in Österreich intensiver eintauchen. Frauen seien durch die Flucht
oft zu Alleinerzieherinnen geworden. Das sei eine große Umstellung,
hätten die Großeltern doch zuvor oft vorrangig auf die Kinder
aufgepasst. Die neue Situation könne Mütter überfordern. Die
Ukrainerinnen würden indes eher zu Teilzeitjobs tendieren, um ihre
Kinder nicht länger als notwendig alleine einer fremden Umgebung
auszusetzen.
Derzeit wird ukrainischen Vertriebenen bis März 2024 der Aufenthalt in Österreich gewährt. Mehr Perspektiven schaffen könne ein längerfristiger Aufenthaltstitel. Das sei die Basis etwa für das Unterschreiben eines Mietvertrages für drei Jahre oder den Beginn einer Ausbildung und könne davon überzeugen, die Fremdsprache Deutsch zu lernen. Sinnvoll fände Lui, dass Vertriebene, die oft unter Vorerkrankungen leiden, Pflegegeld erhalten können. Positiv sieht sie das Stimmungsbild in der Gesellschaft, wo die ukrainischen Vertriebenen "nach wie vor willkommen sind".