Im österreichischen Einzelhandel war das Umsatzplus im vergangenen Jahr nur durch die Inflation bedingt. Der Absatz ging indessen zurück.
Die "Zeichen stehen aktuell eher auf Normalisierung", sagt Handelsobmann Rainer Trefelik. Aber bei näherer Betrachtung sieht die Lage alles andere als rosig aus: Das Umsatzplus war der Inflation geschuldet, preisbereinigt musste der Einzelhandel einen Absatzrückgang von 0,8 Prozent hinnehmen. Besonders hart getroffen hat es die Kfz-Wirtschaft, die real um 11,6 Prozent geschrumpft ist.
Absatzrückgang: Umsatzplus im Handel ist nur durch Inflation
Der nominelle Umsatz im Handel insgesamt sei 2022 um 11,8 Prozent gestiegen, berichtete Trefelik der Branchensprecher in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) am Mittwoch bei einem Pressegespräch. Im Einzelhandel habe die Steigerung 8,1 Prozent betragen und im Großhandel 17,9 Prozent. In der Kfz-Wirtschaft habe es aber einen Umsatzrückgang von 2,6 Prozent gegeben.
Trefelik: "Entwicklung ist sehr stark geprügt von der Preisentwicklung"
"Aber diese nominelle
Entwicklung ist sehr stark geprägt von der Preisentwicklung", so
Trefelik. "Die reale Entwicklung 2022 im Vergleich zu 2021 weist für den
Gesamthandel ein Minus von 1,2 Prozent aus, für den Einzelhandel ein
Minus von 0,8 Prozent - der Großhandel schaffte ein Plus von 1,4
Prozent, aber die Kfz-Wirtschaft, und das sollte uns besonders zu denken
geben, ein Minus von 11,6 Prozent."
Preisniveau sie im Vergleich zu 2019 um 13,1 Prozent gestiegen
Im Vergleich zu 2019 sei das
Preisniveau um 13,1 Prozent gestiegen, erklärte Peter Voithofer vom
Economica-Institut für Wirtschaftsforschung. "Wenn man dies als Indiz
für die Entwicklung der Kosten, insbesondere natürlich der Fixkosten wie
Personal, Miete etc. nimmt, ergibt sich damit unmittelbar, dass all
jene Unternehmen und all jene Branchen, die unter 13 Prozent nominelles
Wachstum haben, jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein
Ertragsproblem haben."
"Verteufelung des Autos in der gesellschaftlichen Debatte"
Dass die Kfz-Wirtschaft so stark negativ
heraussticht, führt Trefelik vor allem auf eine "Verteufelung des Autos
in der gesellschaftlichen Debatte" zurück. Ein großes Thema seien auch
die Kostensteigerungen und Lieferkettenprobleme. Es gehe beim Autokauf
um "Investitionsentscheidungen, die auch sehr viel mit Emotion zu tun
haben, und da will ich nicht eineinhalb Jahre warten, dass ich die
Emotion habe". Außerdem führe der aktuelle Wandel mit der Diskussion
über Fahr- und sonstige Verbote zur Verunsicherung potenzieller
Autokäufer.
Höchstes Umsatzplus im Bekleidungshandel mit 19 Prozent
Große Unterschiede gibt es in der Entwicklung der
einzelnen Branchen: Das höchste nominelle Umsatzplus im Vergleich zu
2021 erzielte im abgelaufenen Jahr der Bekleidungshandel mit 19 Prozent,
gefolgt vom Schuhhandel (+10,4 Prozent) und dem Sportartikelhandel
(+5,9 Prozent). "Doch auch diese Zahlen sind nicht ganz so positiv, wie
sie auf den ersten Blick scheinen", sagte Voithofer. "Denn vom
Vorkrisenniveau sind manche Branchen nach wie vor ein Stück entfernt."
So liege etwa der Bekleidungshandel noch immer um 5,9 Prozent unter dem
Wert von 2019, der Schuhhandel sogar 16,1 Prozent darunter. Aber auch
verglichen mit 2021 erzielten real nur wenige Branchen ein Umsatzplus:
Neben den genannten Bereichen Bekleidung, Schuhe und Sport sind das noch
der Spielzeughandel sowie Drogerien.
Reales Minus im Vergleich zu 2021 in der Bau- udn Heimwerkerbranche
Ein reales Minus im
Vergleich zu 2021 verzeichnen unter anderem die Bereiche Bau- und
Heimwerkerbedarf (-2,6 Prozent), Lebensmittel (-3,2 Prozent),
Zeitschriften (-3,7 Prozent), Elektro (-4,7 Prozent) sowie Möbel (-6,2
Prozent). Und auch der heimische Online-Handel bilanziert 2022 negativ:
Der nominelle Umsatzrückgang beträgt 3,2 Prozent, real entspricht das
einem Minus von sogar 7,8 Prozent. "Der Online-Boom in den Jahren 2020
und 2021 war zu großen Teilen pandemie- und lockdownbedingt und scheint
zumindest vorläufig vorbei zu sein", meint Voithofer.
Umsatzsteigerungen müssten mit Vorsicht bewertet werden
Auch
Umsatzsteigerungen müssten mit Vorsicht bewertet werden. So sehe etwa
das nominelle Umsatzwachstum von 9,7 Prozent im vergangenen Dezember auf
den ersten Blick positiv aus. "Bedenken Sie aber bitte, dass im Jahr
2021 bis zum 12. Dezember ein Lockdown gewesen ist." Real habe es
deshalb kein Wachstum gegeben.
Kostenstruktur habe sich seit 2019 sher verändert
Die Kostenstruktur habe sich seit
dem letzten Vorkrisenjahr 2019 sehr verändert, verwies Trefelik auf die
stark gestiegenen Energiepreise. "Die alte Normalität wird nicht
wiederkehren." Der Energiekostenzuschuss 2 sei ein sehr positives Signal
für den Handel, die Gefahr einer Überförderung sehe er dabei nicht,
denn es würden ja nur 60 Prozent der Energiemehrkosten bezahlt, "das
heißt, 40 Prozent der Mehrkosten bleiben auf jeden Fall bei den
Betrieben".
Arbeitskräftemangel sei massives Problem für den Handel
Ein massives Problem für den Handel sei der
Arbeitskräftemangel geworden, sagte WKÖ-Bundessparten-Geschäftsführerin
Sonja Marchhart. Mit 572.304 unselbstständig Beschäftigten im Jahr 2022
stieg die Zahl der Erwerbstätigen um 1,8 Prozent, wovon 306.046
Beschäftigte auf den Einzelhandel entfallen, 197.132 auf den Großhandel
und 69.126 auf die Kfz-Wirtschaft. Es gebe aber nach wie vor einen
großen Bedarf an Arbeitskräften. "Derzeit haben wir im Handel knapp
22.000 offene Stellen, etwas mehr als 15.000 davon im Einzelhandel." Die
Anzahl der offenen Stellen im Handel habe sich seit dem Vorjahr um mehr
als 6.000 erhöht. Von der Regierung wünscht sich Trefelik deshalb, dass
längeres Arbeiten steuerlich attraktiver wird.