Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen Österreich betont "Der Fehler liegt im System", wenn es um die Medikamenten-Engpässe in Europa geht.
Weltweit sei das Problem dauerhaft bekannt und nun auch bei uns angekommen. "Hunderte Millionen Menschen - vor allem im globalen Süden - haben keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu Medizinprodukten", sagte der Experte zur APA. Bisherige Lösungsvorschläge für die Situation in Europa seien jedenfalls nur "oberflächliche Symptomkuren", warnte er.
Ärzte ohne Grenzen äußern sich zu Medikamenten-Engpässen
"Dieses System muss auf jeden Fall überarbeitet werden", erläuterte der Vertreter für humanitäre Angelegenheiten von Ärzte ohne Grenzen (Médicins Sans Frontières/MSF). Es sei ein System, "das aus der Balance ist, für Patientinnen und Patienten weltweit, und das nicht mehr das leistet, was es leisten müsste". Medikamentenknappheit sei "bittere Realität" und auch hierzulande nicht ganz neu, erinnerte er an den Beginn der Covid-Pandemie bezüglich Schutzausrüstung und im weiteren Verlauf an den "Impfstoffneid".
Engpässe bei Medikamenten: Lösung zugleich simpel und komples
Die Lösung sei zugleich simpel und
komplex. Das System der Anreize für pharmazeutische Forschung und
Entwicklung muss überdacht werden, forderte Bachmann. Schutzrechte für
geistiges Eigentum wie der Patentschutz führen zu einer extremen
Verteuerung, sagte er. MSF hatte deshalb bereits in der Pandemie die
Aussetzung der geistigen Eigentumsrechte auf Covid-Impfstoffe und
-Medikamente gefordert.
"Die Öffentlichkeit schultert große Risiken und Investitionen"
Ein großer Teil der Medikamentenforschung
wird von Universitäten, also mit öffentlichen Geldern, geleistet,
erläuterte Bachmann. Wenn die Wirkstoffe dann Marktreife erreichen,
würden sie an Pharmaunternehmen verkauft. "Die Öffentlichkeit schultert
große Risiken und Investitionen", dafür müsse es eine faire
Retourleistung geben. Ärzte ohne Grenzen schlägt etwa die Verpflichtung
des übernehmenden pharmazeutischen Unternehmens vor, diese Medikamente
dann weltweit zu vertreiben.
Studien zu Medikamenten mit öffentlichen Geldern finanziert
Wenn Studien mit öffentlichen Geldern
finanziert werden, dann sollten diese auch öffentlich sein und nicht
einzelnen Firmen zur Verfügung stehen, forderte der Pharmaexperte von
MSF Österreich. Auch bei Kosten - vor allem Produktionskosten - brauche
es Transparenz. Außerdem sei eine weltweite Diversifizierung der
Produktionsstätten von Medikamenten, Impfstoffen, Diagnostika usw.
nötig.
Großer Konzentrationsprozess in der Arzneimittel-Branche
Es gebe keine andere Branche mit so großem
Konzentrationsprozess - also immer mehr Firmenzusammenschlüssen zu immer
größeren Einheiten - wie im Pharmabereich, erklärte Bachmann. Das habe
"dazu geführt, dass es keinen Markt mehr gibt", sondern immer mehr
Wirkstoffe mit nur einer Fertigungsstätte weltweit. Das mache das System
anfällig, wie jetzt durch die Krankenstandswelle in China oder durch
andere mögliche Faktoren, die zu Einschränkungen führen können.
Bachmann empfiehlt nicht zu tiefes Eingreifen bei Lösungsvorschlägen
Bei
den aktuellen Lösungsvorschlägen verschiedener Interessensvertreter
ortete Bachmann, dass nicht zu tief eingegriffen werden wolle. Dass die
Medikamentenpreise zu wenig attraktiv seien, um die Produktion in Europa
zu halten, "das kann man so nicht sagen", hielt er fest. Die
Pharmaindustrie habe das Maximum an Ertrag herausholen wollen. Als
Beispiel nannte er auch die Covid-Impfstoffe, mit denen "extrem hohe
Margen" erzielt worden seien - bei einem Herstellungspreis pro Dosis um
weniger als einen Euro, aber einem durchschnittlichen Verkaufspreis von
knapp über 20 Euro. In Produkte, die geringere Erträge erzielen, würde
"nichts mehr investiert und schon gar nicht in die nachhaltige
Versorgungssicherheit", kritisierte der MSF-Vertreter.
"Höhere Preise werden kurzfristig keien Auswirkungen haben"
"Höhere
Preise werden kurzfristig keine Auswirkungen haben." In der
pharmazeutischen Industrie betragen die Vorlaufzeiten Jahre, erläuterte
Bachmann im APA-Gespräch. Und diejenigen, die bei diesem
"Hochlizitieren" nicht mitziehen können, fallen dann aus dem System -
dies betreffe Menschen aus dem globalen Süden. Auch dem Ruf nach
Krisenlagern kann Bachmann nichts abgewinnen. Wenn ein Land beginnt,
ziehen andere nach und wenn es einen Engpass gibt, leide die Versorgung.
Einkommensschwache Länder würden wieder das Nachsehen haben. Auch
Forschungsprämien oder -fonds sowie die zuletzt von Gesundheitsminister
Johannes Rauch (Grüne) ins Spiel gebrachte Wirkstoffverschreibung seien
keine Lösung, es fehle häufig der Wirkstoff, weil dieser nur an wenigen
oder einem einzigen Standort in China produziert werde. Wichtig sei es,
"das Systemungleichgewicht zu beheben".