Der Virologe Andreas Bergthaler betonte, dass Omikron eine neue Pandemie-Phase einläutete, die sich als "großer Schritt in Richtung Ende der Pandemie" entpuppte.
Am 3. Jänner 2022 verlautete die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in ihrem Variantenbericht, dass die neue SARS-CoV-2-Variante "Omikron" die davor prominent kursierende Delta-Variante in ihrer Verbreitung überflügelt hat. Die Wachablöse vollzog sich Ende 2021.
Corona-Pandemie: Omikron war Schritt Richtung Ende
Wenn nun viele Experten davon ausgehen, dass die Phase der akuten Pandemie nach fast drei Jahren in eine Endemie übergeht, dann ist das auch Omikron geschuldet. Denn der Ende November 2021 erstmals aufgeschlüsselte Erreger-Abkömmling sorgte für hohe Infektionsraten, bei allerdings im Vergleich zu vorhergehenden Varianten anteilig weniger Covid-19-Intensivpatientinnen und -patienten. Letztlich war damit im Verlauf des Jahres 2022 nahezu auch jeder Ungeimpfte hierzulande im Rahmen einer der abgelaufenen Wellen mit dem Erreger konfrontiert. Die Anzahl der Menschen, die dem Virus "immunologisch naiv" - wie es die Wissenschafter ausdrücken - gegenüberstehen, liegt damit bei fast null. So hat Omikron also über Umwege den Weg Richtung Endemie mitgeebnet.
Es
hätte aber auch anders kommen können, erinnert sich Bergthaler im
Gespräch mit der APA. Er und sein Team von der Medizinischen Universität
Wien und dem
Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) sind seit Pandemiebeginn für einen Gutteil der
Erbgut-Sequenzierungen zuständig. Seit rund einem Jahr sind Omikron und
seine mittlerweile vielfältigen Untervarianten in den Analysen dominant -
und das bei weitem nicht nur in Österreich.
Omikron: Gensequenzen in "GISAID" hochgeladen
Abzusehen war all das
am 23. November 2021 noch nicht. Damals wurden die ersten Gensequenzen
der später "Omikron" genannten Variante in der internationalen
SARS-CoV-2-Gendatenbank "GISAID" hochgeladen. Zu sehen waren sehr viele
bekannte und auch zahlreiche neue Mutationen, vor allem in den Regionen
des Spike-Proteins des Erregers, an denen Antikörper normalerweise
anbinden. Die ersten Sequenzen stammten aus Südafrika und Botswana - was
der Variante gleich den geografischen Stempel des südlichen Afrika
aufdrückte.
Gleichzeitig sahen Experten wie u.a. der
österreichische Genetiker Ulrich Elling vom Institut für Molekulare
Biotechnologie (IMBA) der ÖAW schon sehr früh, dass sich in der
südafrikanischen Provinz Gauteng die Infektionszahlen stark erhöht
hatten. Und das obwohl es dort bereits früher hohe Durchseuchungsraten
gegeben hatte, was eigentlich einen eher hohen Schutz vor Neuansteckung
in der dort im Schnitt recht jungen Bevölkerung nahelegt.
Hoher Anstieg der Infektionszahlen in Gauteng
"In
diesen ersten Tagen war der hohe Anstieg der Infektionszahlen in Gauteng
verknüpft mit der dort zirkulierenden neuen Variante der
Ausgangspunkt", so Bergthaler. Der starke Anstieg war beunruhigend. Wie
ansteckend und vor allem wie schwer die Krankheitsverläufe mit der neuen
Variante sind, war zunächst offen - ebenso, ob erste Daten auf Europa
umlegbar sind. "Man wusste dank der exzellenten Surveillance in
Südafrika frühzeitig, dass sich etwas tut. Man konnte es aber noch nicht
wirklich in allen Facetten zuordnen", so Bergthaler.
Erste
Beobachtungen in anderen Ländern wiesen darauf hin, dass Omikron auch
Geimpfte und Genesene deutlich leichter heimsuchen kann als frühere
Abkömmlinge des Erregers. Die Welt fieberte den ersten Daten entgegen,
die wirklich zeigten, wie sehr die Variante zur Immunflucht fähig ist.
Die lieferten Forscher schon Anfang Dezember und bestätigten, dass diese
neue Variante den aufgebauten Immunschutz sehr viel besser umgehen
kann. "Eine viel beachtete Studie kam dabei auch aus dem Labor von
Dorothee von Laer aus Innsbruck", so Bergthaler.
Neue Erkenntnisse: Auswirkungen auf die gängigen Therapien
Diese neuen
Erkenntnisse hatten auch direkte Auswirkungen auf die gängigen Therapien
mit monoklonalen Antikörpern, wie sie bei immungeschwächten Patienten
Einsatz finden. Sie wurden deutlicht weniger wirksam. Darüber hinaus
hatte sich mit Omikron auch die Übertragung von Mensch zu Mensch stark
beschleunigt, wodurch die Wirksamkeit der Gegenmaßnahme des umfassenden
Testens ein Stück weit in Mitleidenschaft gezogen wurde. Letztlich war
schon im Dezember klar, dass Omikron eine "massive globale Welle
hervorrufen wird".
Blieb die große Frage danach, wie viele schwere
Verläufe sich einstellen würden. Zum großen Glück entpuppte sich
Omikron als "etwas milder als Delta". Nun gab es vor rund einem Jahr
aber schon viele Geimpfte und Genesene, die zumindest gegenüber einer
schweren Erkrankung weitestgehend geschützt waren und eine Immunität
aufgebaut hatten. Somit blieben hierzulande die Hospitalisierungszahlen
trotz extrem hoher Infektionszahlen relativ niedrig. "Das ist mit das
Positive an dem Ganzen", betonte der Virologe. In diversen Gremien
herrschte aber auch angesichts vieler gleichzeitig Erkrankter Anfang des
Jahres große Nervosität. Die komplette Überlastung der Spitäler und ein
Kollaps von anderen gesellschaftlichen Systemen blieb letztlich aus:
"Da hatten wir Glück."
Corona: Mittlerweile "breite Immunität" der Bevölkerung
Die weiteren Wellen in Verlauf des
vergangenen Jahres lieferten zwar teils spektakuläre Infektionszahlen,
brachten aber auch keine systemkritischen Entwicklungen. Die vielen
Erkrankungen und Impfungen sorgen mittlerweile für eine "breite
Immunität" in der Bevölkerung. Das reduziert zumindest für grundsätzlich
gesunde Personen das Risiko deutlich, durch Covid-19 im Spital zu
landen. Es bleiben jedoch die Risiken, die mit "Long Covid" einhergehen,
und die Gefährdung für vorerkrankte Menschen.
Die Situation werde
also ähnlicher jener, die uns andere saisonal auftretende Corona- vulgo
Erkältungsviren alljährlich bescheren, wo die Auffrischung über
Ansteckungen ohne schwere Verläufe erfolgt. Dass das allerdings so
bleibt und sich neue Weiterentwicklungen quasi immer aus Omikron heraus
rekrutieren, sei keineswegs ausgemacht.
"Erstaunlicherweise wissen
wir immer noch nicht, wie Omikron genau entstanden ist", so Bergthaler.
Es ist zudem nicht klar, warum seither keine völlig neue Variante
auftrat, die ähnlich erfolgreich war. Aus diesen Gründen bleibt der
Virologe in seiner Einschätzung hinsichtlich möglicher weiterer
Evolutionssprünge von SARS-CoV-2, die das Virus wieder für Menschen
gefährlicher machen, vorsichtig.
Omikron leitete "dritten Akt" der Corona-Pandemie ein
Omikron habe nach dem Auftauchen
des Erregers und den Entwicklungen durch die Varianten "Alpha" bis
"Delta" sozusagen den "dritten Akt" in der Pandemie eingeleitet, der
sich vor allem im vergangenen Jahr in mehrere Szenen aufgesplittert hat,
die glücklicherweise aktuell eher in Richtung einer guten Wendung
weisen. Eine Garantie für eine Art "Happy End" gibt es jedoch nicht.
Die Lehre aus den vergangenen Jahren sollte jedenfalls ein intensives Nachdenken darüber sein, wie man das durch Covid-19 und zuletzt durch Influenza und RS-Viren chronisch extrem belastete Gesundheitssystem widerstandsfähiger macht, betonte Bergthaler. Darüber hinaus laufen Überlegungen, wie man die in der Pandemie aufgebauten Systeme, wie etwa Fall-basierte Surveillance von Infektionserregern oder das Abwassermonitoring zukünftig einsetzt. Ein besserer Überblick über das Infektionsgeschehen würde es ermöglichen, gegebenenfalls auf Probleme früh und präventiv reagieren zu können. Bei den momentan so hohen Erkrankungszahlen könne man vielfach nur sagen: "Covid ist es nicht." Was aber wirklich kursiert, wisse man oft nicht. Technologisch wäre hier vieles möglich, so der Wissenschafter.