Am Montag startet das Ringen um den Finanzausgleich von rund 90 Milliarden Euro. Mit dabei in der großen Runde sind Spitzenvertreter von Ländern, Gemeinden und Städten.
Rund 90 Milliarden Euro an öffentlichen Einnahmen gilt es zu verteilen. Dass es damit verbunden zu einer größeren Aufgabenreform kommt, hält KDZ-Expertin Karoline Mitterer für "unrealistisch". Brauchen würde es sie jedoch, ist sie sich mit Wifo-Expertin Margit Schratzenstaller einig.
Start für das Ringen um den Finanzausgleich
Eigentlich wäre der zuletzt 2016 verhandelte Finanzausgleich schon vor zwei Jahren neu zu verhandeln gewesen, doch hat man sich angesichts der Corona-Pandemie zu einer Verlängerung der alten Modalitäten verständigt. Aktuell beträgt die Verteilung roh gerechnet 68 Prozent Bund, 20 Prozent Länder und zwölf Prozent Gemeinden. Die Realität bilden diese Zahlen freilich nur zum Teil ab. Denn bezieht man Transfers ein, bleiben dem Bund nach KDZ-Berechnungen nur 53 Prozent, den Ländern 30 Prozent und den Kommunen 17 Prozent.
Dennoch haben die Länder schon im
Vorfeld klar gemacht, dass sie einen größeren Anteil am Steuerkuchen
haben wollen. Schaut man die gemeinschaftlichen Bundesabgaben von 2021
an, handelt es sich um gewaltige Summen - da lagen sie bei 93,3 Prozent.
Die Länder wollen einen größeren Anteil des Kuchens mit dem Argument
von Mehraufwendungen in den Bereichen Pflege, Gesundheit, Bildung oder
Klimaschutz.
Mitterer spricht sich für Klimaschutzfonds aus
Letzterer Bereich ist auch für die von der APA
befragten Expertinnen zentral abzubilden, ist er bisher doch im
Finanzausgleich nur eine Randnotiz. Mitterer vom auf öffentliche
Finanzen spezialisierten KDZ spricht sich für einen Klimaschutzfonds
aus, der ähnlich dem schon bestehenden Siedlungswasserwirschaftsfonds
ausgestaltet sein sollte. Sie verweist darauf, dass 30 Prozent der
öffentlichen Investitionen von Gemeinden kämen und hier riesiges
Potenzial in Sachen thermischer Sanierung bestünde. Auch der Ausbau des
öffentlichen Verkehrs brauche Geld.
Schratzenstaller hält eine
Ökologisierung des Finanzausgleichs ebenfalls für notwendig. Sie denkt
etwa eine ökologische Komponente bei der Grundsteuer an. Zudem bräuchte
es eine Ebenen-übergreifende Klima-Governance. Was die nur den Gemeinden
zu Gute kommende Grundsteuer betrifft, sehen beide Expertinnen ohnehin
längst Reformbedarf. Schratzenstaller erinnert daran, dass diese schon
beim vergangenen Finanzausgleich angegangen hätte werden sollen.
Passiert sei aber ebenso wenig wie bei der Aufgabenorientierung oder der
Bundesstaatsreform. Mitterrer erhofft sich auch mehr Einnahmen durch
eine Reform für die Gemeinden.
Finanzausgleich: Heuer später Verhandlungsbeginn
Die Verhandlungen beginnen heuer
vergleichsweise spät, auch wenn - wie Brunner betont - bis Herbst Zeit
ist. Doch hält es Mitterer angesichts des kurzen Vorlaufs für
"unrealistisch", dass es zu einem großen Wurf kommt. Schratzenstaller
will das zeitliche Argument nicht gelten lassen. Dann solle man diesmal
eben einen kürzeren Zeitraum für den Finanzausgleich wählen und in ein,
zwei Jahren eine große Reform ausarbeiten.
Brunner hatte im
Vorfeld ja gemeint, wenn die Länder mehr Geld wollten, müssten sie eben
auch mehr Aufgaben übernehmen. Schratzenstaller sieht es vor allem als
zentral, Ausgaben- und Einnahmen-Verantwortung zusammenzuführen. Die
Länder hätten ja so gut wie keine eigenen Einnahmen. Hier kann sie sich
auch eine gewisse Steuerautonomie vorstellen, bei den Gemeinden wäre die
Grundsteuer ein Kandidat, bei den Ländern etwa die motorbezogene
Versicherungssteuer.
Steuerautonomie war kein Thema mehr
Freilich, im Gegensatz zu den bisher letzten
Verhandlungen war diesmal selbst bei den VP-geführten Ländern die
Steuerautonomie kein Thema mehr. Auch die Aufgabenorientierung, deren
Pilotversuch in Sachen Kinderbetreuung in der nun auslaufenden Periode
kläglich gescheitert ist, scheint diesmal kein allzu großes Anliegen zu
sein. Selbst der Dauerbrenner "abgestufter Bevölkerungsschlüssel" dürfte
diesmal im Hintergrund bleiben. Dabei geht es darum, dass größere
Gemeinden wegen ihrer zentralörtlichen Funktionen mehr Geld bekommen.
Mitterer vom - dem Städtebund nahestehenden - KDZ meint, dass man hier
nicht mehr viel reduzieren könne. Wenig Freude mit dem ABS haben
traditionell die großen Flächenbundesländer mit wenigen größeren Städten
wie Niederösterreich.
Montag ist Kick-off-Veranstaltung für Finanzausgleich
Rein technisch ist der Auftakt Montag am späten Nachmittag quasi nur eine Kick-off-Veranstaltung. Danach geht es in Untergruppen weiter. Länder und Gemeinden haben ihre Verhandlungsteams schon nominiert, ebenso die Städte. Zentrale Rollen spielen werden etwa Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP), seine Kollegen aus Oberösterreich und dem Burgenland Thomas Stelzer (ÖVP) bzw. Hans Peter Doskozil (SPÖ), Wiens Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ) oder der St. Pöltener Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ).
Finanzminister Brunner nimmt Länder in die Pflicht
Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP) nimmt die Länder in die Pflicht, sollten sie auf höheren Anteilen aus dem Steuerkuchen beim Finanzausgleich beharren. Im APA-Interview meint er: "Wenn man mehr Mittel will, ist das auch mit mehr Verantwortung verbunden." So eine Mittelzuweisung könne keine Einbahnstraße sein. Die Länder hatten ja auf einen höheren Anteil als die aktuell - je nach Berechnung - 20 oder 30 Prozent gepocht.
"Wenn wir über Veränderung des Verteilungsschlüssels sprechen, dann müssen wir aber auch über Strukturreformen sprechen", meint Brunner nun dazu. Dies könnte beispielsweise sein, dass die Länder mehr Aufgaben übernehmen müssten. Vorstellungen hätte der Finanzminister dazu, die will er aber vor dem offiziellen Verhandlungsbeginn nicht kommunizieren: "Das wäre unfair."
Brunner will offen in die Gespräche zum Finanzausgleich gehen
Überhaupt betont der Finanzminister, in die anstehenden Gespräche offen hineinzugehen. Jede Gebietskörperschaft habe gewisse Vorstellungen "und wir werden sehen, was herauskommt". Ob er wie beim letzten Finanzausgleich auf eine Aufgabenorientierung drängen wird, ließ Brunner dabei offen.
"Nichts mehr gehört" hat der
Ressortchef von Wünschen von Ländern und Gemeinden nach einer
Steuerautonomie. Verschließen würde sich Brunner aber nicht
grundsätzlich: "Man kann über alles reden."
Pensionen: Brunner plant keine große Strukturreform
Keine große
Strukturreform plant der Finanzminister auch mit Verweis auf das
Regierungsprogramm in Sachen Pensionen. Eine Anhebung des Antrittsalters
ist jedenfalls nicht vorgesehen. Dafür wäre jetzt auch nicht der
richtige Zeitpunkt.
Stattdessen setzt Brunner auf andere
Maßnahmen, die das faktische an das gesetzliche Pensionsalter
heranführen. Dabei will er aber nur auf Anreize setzen, weiter im
Arbeitsleben zu verweilen: "Da wird in den nächsten Monaten etwas
kommen." So wenig sei da ohnehin nicht passiert. Im vergangenen
Jahrzehnt habe man hier 2,5 Jahre "gewonnen".