In Österreich wurden im Jahr 2021 im Schnitt jeden Tag zehn Hektar an fläche versiegelt.
Davon sind 5,8 Hektar durch Versiegelung dauerhaft verloren gegangen, berichtete das Umweltbundesamt am Freitag. Der Versiegelungsgrad von 58 Prozent war demnach ungewöhnlich hoch, verglichen mit den Vorjahren, in denen er knapp über 40 Prozent lag. Umweltschutzorganisationen kritisierten den "Flächenfraß" und warnten vor der unwiederbringlichen Zerstörung der Lebensgrundlage.
2021 wurden in Österreich pro Tag 5,8 Hektar Boden versiegelt
"Der Versiegelungsgrad der verbrauchten Böden ist im Vorjahr von rund 40 auf 58 Prozent gestiegen - das ist der Anteil, der endgültig mit Asphalt oder Beton überzogen wird", kritisierte WWF. "Der überbordende Flächenfraß ist einer der größten Treiber der Biodiversitäts- und Klimakrise. Er verstärkt Naturkatastrophen, gefährdet die Gesundheit der Menschen und führt nicht zuletzt zu einem enormen Energieverbrauch", warnte Bodenschutzsprecher beim WWF Österreich, Simon Pories. Der WWF fordert daher eine verbindliche Obergrenze von maximal einem Hektar pro Tag für den Flächenfraß. Greenpeace will, dass der Bodenverbrauch bereits 2025 auf 2,5 und bis 2030 auf maximal einen Hektar pro Tag gesenkt wird. "Österreichs Natur- und Lebensraum schrumpft jeden Tag durch Verbauung. Täglich verlieren wir ein Stück Identität und werden ärmer", kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Kurt Weinberger, in einer Aussendung.
Regierung verpflichtete sich den Bodenverbrauch zu senken
Die Bundesregierung hat sich im
Regierungsprogramm verpflichtet, den Bodenverbrauch bis 2030 auf maximal
2,5 Hektar pro Tag zu senken. Das ist ein Bruchteil des derzeitigen
Bodenverbrauchs, auch das Umweltbundesamt konstatierte, dass es zu
"keiner substanziellen Verringerung des Bodenverbrauchs gekommen ist und
weitere Anstrengungen notwendig sind". Im Durchschnitt der vergangenen
drei Jahre waren es 11,3 Hektar täglich, die vor allem für
Bautätigkeiten, Verkehr und Betriebsflächen benötigt wurden. Um das Ziel
der 2,5 Hektar pro Tag in acht Jahren zu erreichen, "wird derzeit in
einem umfangreichen Prozess zwischen Bund, Ländern und Gemeinden
intensiv an der Fertigstellung der Bodenstrategie gearbeitet.
Raumordnung ist grundsätzlich in Länderkompetenz. Bei der Erstellung
einer Bodenstrategie müssen also die unterschiedlichen Rahmenbedingungen
in den Regionen berücksichtigt werden. Qualität vor Tempo ist hier die
Devise", meinte Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) im
Vorfeld des "Tag des Bodens" am 5. Dezember.
5.800 Quadratkilometer an Boden bis 2021 in Österreich verbraucht
5.800 Quadratkilometer an Boden wurden bis zum Jahr 2021 insgesamt in Österreich
beansprucht, rund sieben Prozent der Landesfläche und 18 Prozent des
Dauersiedlungsraumes. 36 Quadratkilometer wurden im vergangenen Jahr neu
beansprucht (39 Quadratkilometer im Jahr 2020). Im Schnitt der
vergangenen drei Jahre lag der Wert bei 41 Quadratkilometer, einer
Fläche in etwa der Größe von Eisenstadt, informierte das
Umweltbundesamt. Bau- und Betriebsflächen beanspruchen mit Abstand die
meiste Fläche auch im Jahr 2021. Während der Bedarf für Bauflächen auf
21 Quadratkilometer gegenüber dem Vorjahr (23 Quadratkilometer)
zurückgegangen ist, liegt er dennoch über dem langjährigen Schnitt.
Betriebsflächen beanspruchten elf Quadratkilometer an Boden, ähnlich wie
im Jahr 2020. Verringert hat sich die Nutzung von Flächen für Erholung
und Rohstoff-Abbau sowie für Straßen und Bahn, hieß es in der Aussendung
des Umweltbundesamtes.
150.000 Hektar Äcker und Wiesen innerhalb 25 Jahren verbaut
"Alleine in den vergangenen 25 Jahren
wurden 150.000 Hektar Äcker und Wiesen durch Verbauung aus der
landwirtschaftlichen Produktion genommen. Das entspricht der Agrarfläche
des Bundeslandes Burgenland", rechnete
Hagelversicherung-Vorstandsvorsitzender Weinberger vor. Greenpeace
konstatierte, dass die Regierung "ihr selbst gestecktes Ziel bis jetzt
meilenweit" verfehlt. "Mit dem derzeitigen Verbrauch spielen wir auf
Risiko: Damit setzen wir die heimische Artenvielfalt, unsere
Ernährungssicherheit und unsere Lebensqualität aufs Spiel", sagte Ursula
Bittner, Artenschutz-Expertin bei Greenpeace in Österreich.
"Mit unserem Bodenverbrauch sind wir Europas trauriger Spitzenreiter.
Kein anderes europäisches Land verliert täglich solch eine Masse an
wertvollem Boden. Das sollte uns zu denken geben", meinte Bittner.
Umweltbundesamt fordert nachhaltige Nutzung von Boden
Auch das Umweltbundesamt forderte die nachhaltige Nutzung von Boden. Dafür brauche es ein strategisches Flächenmanagement mit verbindlichen Zielwerten für die Erhaltung produktiver Böden, Bodenfunktionsbewertungen, Wiedernutzung von Leerstand und Brachflächen, Festlegung von Siedlungsgrenzen, die Definition von Vorrangflächen für die landwirtschaftliche Produktion und für Hochwasser-Rückhaltung und den Schutz wichtiger Ökosysteme.
Bodenversiegelung durch Straßen zerstören Ökosysteme
Bodenversiegelung durch Straßen,
Parkplätze, Wohn- und Industriebauten zerstören wertvolle Ökosysteme
unwiederbringlich, warnte Greenpeace. "Österreich
hat das dichteste und längste Straßennetz in Europa - pro Kopf verfügen
wir über 15 Meter lange Straßen. Was es braucht ist ein sofortiger
Stopp von großen unökologischen Bauprojekten ', forderte Bittner.
Totschnig: Positive Entwicklung beim Humus-Gehhalt von Böden
Totschnig
berichtete von einer positiven Entwicklung beim Humus-Gehalt heimischer
Ackerböden. "Für eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion ist
ein optimaler Humus-Gehalt im Boden Voraussetzung. Seit Beginn der
1990er-Jahre verzeichnet Österreicheine positive Entwicklung beim
Humus-Gehalt heimischer Ackerböden. Dieser Erfolg ist vorwiegend auf
Maßnahmen im Österreichischen Programm für umweltgerechte Landwirtschaft
zurückzuführen", meinte der Minister. "Die Beratung und die gesetzten
Umweltmaßnahmen zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit zeigen in Form der
gestiegenen Humus-Gehalte nachweisbare Erfolge in allen Regionen",
bestätigte Andreas Baumgarten, Institutsleiter für Bodengesundheit und
Bodenschutz in der AGES und Leiter der Geschäftsstelle des Fachbeirates
für Bodenfruchtbarkeit und Bodenschutz des Bundesministeriums für Land-
und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft (BML).
Greenpeace sieht bei Landwirtschaft Gefahr für Böden
Greenpeace
sieht in der konventionellen Landwirtschaft eine Gefahr für die Böden.
Die Verwendung von Pestiziden und Düngemitteln zerstören Bodenorganismen
wie Tiere, Bakterien und Pilze, die den Boden fruchtbar halten. Der
Einsatz schwerer Maschinen und die intensive Nutzung setzen die Böden
zusätzlich unter Druck und sorgen für massive Verdichtung. Verdichtete
Äcker und Böden können schlechter Wasser aufnehmen, haben ein erhöhtes
Erosionspotenzial und werden im schlimmsten Fall unfruchtbar. Durch die
Zerstörung der Böden gehe wertvoller Humus verloren. Das ist fatal: Die
Neubildung von nur einem Zentimeter Humus dauert 100-200 Jahre,
berichtete die NGO.
Einkaufs- und Parkflächen nicht auf der "grünen Wiese" errichten
Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich
(LKÖ) forderte in einer Aussendung, dass nach dem Vorbild der Schweiz
landwirtschaftliche Vorrangflächen ausgewiesen werden, die nicht für
andere Zwecke gewidmet werden dürfen. Zudem sollen Gewerbe-, Einkaufs-
und Parkflächen nicht mehr einfach auf der "grünen Wiese" errichtet
werden. Bei Gewerbeflächen sollen mehrere Geschoße vorgeschrieben
beziehungsweise forciert werden. Gleichzeitig braucht es eine Stärkung
und Verdichtung der Orts- und Dorfkerne. Energieflächen für
Photovoltaik-Anlagen sollten primär auf Dächern und bereits verbauten
Flächen errichtet werden, um die wertvollen Agrarböden für die
Lebensmittelproduktion und als Lebensraum zu erhalten. "Wir dürfen den
kommenden Generationen nicht ihre Zukunft verbauen", warnte Moosbrugger.