In Europa feiert die Atomkraft ein Comeback. Österreich, welches seit Jahren als einer der größten Gegner der Atomkraft gilt, hat in seinem Kampf kaum Unterstützung.
Um die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen, sehen immer mehr Länder in Atomkraftwerken die Zukunft. Die Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg hat Pläne zum Bau neuer Kernreaktoren weiter befeuert. Bereits beschlossene Atomausstiege wurde verschoben.
Atomkraft-Comeback in Europa
Als treibende Kraft der Atomkraftbefürworter gilt Frankreich. Das Land deckt derzeit 70 Prozent seines Energiebedarfs durch Atomenergie. Der Bau von sechs zusätzlichen Atomreaktoren bis 2035 ist geplant, weitere acht Atomreaktoren könnten folgen. Klare Anhänger der Kernkraft sind außerdem Österreichs östliche Nachbarstaaten Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Slowenien sowie Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Finnland. In all diesen Ländern - mit Ausnahme von Kroatien - gibt es Pläne für den Bau neuer Reaktoren. Die Staaten argumentieren mit der Notwendigkeit von Atomenergie als leistbare, stabile und unabhängige Energiequelle, die zudem noch CO2-neutral sei.
Insgesamt setzten derzeit 14 der 27
EU-Staaten auf Atomkraft. Davon betreibt Kroatien zwar kein eigenes AKW,
ist aber Miteigentümer des Kernkraftwerks Krško in Slowenien. Gemeinsam
produzieren die insgesamt rund 110 Reaktoren in Betrieb in der EU
765.337 Gigawattstunden und damit 26 Prozent der gesamten produzierten
Elektrizität.
Polen plant ebenfalls den Einstieg in die Atomkraft
Als 15. Land plant Polen den Einstieg in die
Atomkraft. 2033 soll der erste Atomreaktor in Betrieb genommen werden
und zur Energiewende beitragen. Derzeit decken Kohlekraftwerke rund 70
Prozent des polnischen Strombedarfs ab.
Der geplante Ausstieg aus
der Kernenergie in Deutschland und Belgien wurde vor dem Hintergrund des
Ukraine-Kriegs und der gestiegenen Energiepreise zuletzt verschoben.
Die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland hätten zum Jahresende
abgeschaltet werden sollen, nun sollen sie bis zum 15. April des
kommenden Jahres weiterlaufen, um die Stromversorgung in diesem Winter
zu sichern. Die belgischen Kernkraftwerke sollten ursprünglich bis 2025
vom Netz gehen. Um die Energiesicherheit zu gewährleisten, sollen die
Reaktoren Tihange 3 und Doel 4 nun bis mindestens Ende 2035
weiterlaufen. Im vergangenen Jahr kam rund die Hälfte der belgischen
Stromproduktion aus Atomkraft.
Italien: Forderungen nach Wiedereinstieg in die Atomkraft
Auch in Italien, das 1987, ein Jahr
nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, aus der Kernkraft
ausgestiegen ist, wurden zuletzt Forderungen nach einem Wiedereinstieg
in die Atomkraft laut. Die seit kurzem regierende Rechtsregierung zeigt
sich offen für den Bau für moderner Reaktoren. Konkrete Pläne gibt es
bisher keine. Die Italiener hatten demselben Ansinnen zuletzt erst 2011
in einem Referendum eine Absage erteilt.
Österreich steht als Atomkraft-Gegner einsam da
Österreich steht vor
dieser Gemengelage mit seiner kategorischen Ablehnung der Atomkraft
recht einsam da. Daher setzt die Regierung in erster Linie auf
juristische Schritte. Im Oktober reichte die Österreich beim
Europäischen Gerichtshof (EuGH) Klage gegen die Pläne der EU-Kommission,
Atomenergie als nachhaltig einzustufen, ein. Der österreichischen Klage
hat sich bisher nur Luxemburg angeschlossen. Die Mehrheit der
EU-Staaten unterstützt die sogenannte Taxonomie-Verordnung, durch die in
Zukunft Finanzinvestitionen in Gas und Atom als klimafreundlich gelten.
Das soll dabei helfen, die für die Klimawende benötigten Milliarden zu
mobilisieren und den Weg der EU zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2050
zu ebnen.
Eine Niederlage einstecken musste Österreich vor dem
EuGH in der Vergangenheit mit der Klage gegen Staatsbeihilfen für das
geplante britische Atomkraftwerk Hinkley Point C. Die Regierung hatte
2015 vor dem EuGH gefordert, dass die Genehmigung der EU-Kommission für
diese Beihilfen für nichtig erklärt werden müsse. Das Gericht der
Europäischen Union in Luxemburg wies die Klage 2018 in erster Instanz
ab, 2020 wurde das Urteil nach einem Einspruch Österreichs bestätigt.
Auch in diesem Verfahren wurde Österreich nur von Luxemburg unterstützt.
Österreich klagte im Fall des Ausbaus des Atomkraftwerks Paks
Auch
im Fall des Ausbaus des ungarischen Atomkraftwerks Paks hat Österreich
vor dem EuGH geklagt. Das Urteil wird am Mittwoch erwartet, es gilt
jedoch als wahrscheinlich, dass sich das Urteil zu Paks 2 an jenem zu
Hinkley Point orientiert.
Auch sonst läuft Österreich seit Jahren
Sturm gegen den Ausbau der Atomenergie in den östlichen Nachbarstaaten.
So belastete bereits der Bau des Atomkraftwerks im tschechischen Temelín
vor der EU-Osterweiterung die Beziehungen zwischen Prag und Wien.
Proteste Österreichs gab es auch immer wieder gegen mangelnde
Sicherheitsstandards bei den grenznahen Kraftwerken Bohunice und
Mochovce in der Slowakei, Dukovany in Tschechien sowie Paks in Ungarn
und Krško in Slowenien.
Fukushima: EU griff Forderung nach "Stresstests" für Atomkraftwerke auf
Nach der Atomkatastrophe im japanischen
Fukushima im Jahr 2011 griff die EU die österreichische Forderung nach
europaweiten "Stresstests" für Atomkraftwerke in der Europäischen Union
auf. Dem 2012 vorgelegten Bericht der Europäischen hochrangigen Gruppe
für Nuklearsicherheit und Abfallentsorgung (ENSREG) stimmte Österreich
aber als einziges EU-Land nicht zu, sondern enthielt sich. Im Bericht
fehle eine Bewertung der einzelnen Atomkraftwerke, ihrer Mängel und
Probleme. Außerdem sei der Zeitplan der Überprüfung zu kurz gewesen,
kritisierte die Bundesregierung.
Gemeinsam mit Luxemburg
blockierte Österreich im November 2019 auch eine Einigung auf das
milliardenschwere nächste Euratom-Programm. Grund für das Nein war, dass
im Programm die Rede davon ist, dass Atomkraft nachhaltig sei und der
Erreichung der Klimaziele dienen könne. Bereits 2011 hatte Österreich
das Euratom-Forschungsprogramm blockiert, den Widerstand aber letztlich
aufgegeben, nachdem eine Stärkung der Sicherheitsforschung in dem
Programm festgeschrieben werden konnte.
Inbetriebnahme von Reaktoren Mochovce 3 und 4 soll verhindert werden
Im Regierungsprogramm hat sich die türkis-grüne Bundesregierung 2020 dem Kampf gegen den "Neu- und Ausbau von Kernkraftwerken in Europa, insbesondere in den Nachbarländern, mit allen zur Verfügung stehenden politischen und rechtlichen Mitteln" verschrieben. Insbesondere die Inbetriebnahme der slowakischen Reaktoren Mochovce 3 und 4 soll demnach verhindert werden. Der strikte Anti-Atomkurs wird von allen Parteien in Österreich geteilt. Innerhalb Europas sind dagegen die Atomkraftbefürworter in der Mehrzahl und freuen sich über eine Renaissance der Kernenergie.