Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) möchte klimafreundlichere Strukturen in Österreich schaffen.
In Österreich würden Menschen, die sich klimafreundlich verhalten an strukturelle Grenzen stoßen, so die Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) am Montag vor Journalisten. Dies gehe aus dem vom Austrian Panel on Climate Change (APCC) vorgestellten Report "Strukturen für ein klimafreundliches Leben" hervor. "Deshalb müssen wir Strukturen anpassen und ändern", so Gewessler - etwa den Individualverkehr einbremsen, und den öffentlichen Verkehr ausbauen.
Gewessler will in Österreich Strukturen für Klimaschutz ändern
"Für Einzelne ist es schwer, klimafreundlich zu leben, und es macht keinen Sinn die Aufmerksamkeit zu sehr auf ihr vermeintlich falsches oder richtiges Verhalten zu legen", erklärte Andreas Novy vom Institute for Multi-Level Governance and Development (MLGD) der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. In der Wissenschaft gebe es Konsens, dass der Fokus vielmehr auf die Strukturen und Rahmenbedingungen gelegt werden muss, die den Handlungsspielraum des Einzelnen bestimmen. "Wirksam sind vor allem klimapolitische Maßnahmen, die Rahmenbedingungen so gestalten, dass klimafreundliches Handeln möglich und selbstverständlich ist", sagte er. "Dabei geht es um Gesetze, um Industriepolitik und Infrastrukturen."
Siedlungsstruktur zwinge Menschen zum Einkauf mit dem Auto
Die
Bedeutung der Rahmenbedingungen zeige sich sehr anschaulich in den
Siedlungsstrukturen, berichtete Novy. Seit Jahrzehnten würden Ortskerne
und Stadtzentren veröden, der tägliche Einkauf erfolge oft mit dem Auto
in den Einkaufszentren am Ortsrand. "Diese durch Siedlungsstrukturen
erzwungene Mobilität ist ein Haupttreiber für steigende Emissionen und
klimaschädlichen Flächenverbrauch", sagte der Experte.
Gewessler will Strukturen für klimafreundliches Leben anpassen
"Wir müssen
deswegen Strukturen anpassen, damit klimafreundliches Leben das Normale
ist, und Entscheidungen innerhalb von Strukturen ganz automatisch für
den Klimaschutz ausfallen können", sagte Gewessler. Die Ergebnisse des
Berichts sehe sie als Auftrag: "Wir müssen Österreich umbauen, das
heißt, wirklich Strukturen ändern, damit wir bis 2040 klimaneutral
sind", erklärte die Ministerin. "An diesem Umbau arbeiten wir jeden Tag
in dieser Regierung".
Gewessler: "Individualverkehr in der Mobilität einbremsen"
"In der Mobilität müssen wir den
Individualverkehr ein bisschen einbremsen", so Gewessler. Im Gegenzug
bräuchte es mehr öffentlichen Verkehr, denn so würde man "weniger CO2
und Schadstoffe in die Luft blasen". Bei der Energie gälte es wiederum,
die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Erdgas zu
beenden, die auf jahrzehntelang gebauten Strukturen wie Leitungen und
Heizungssystemen basiert. Dafür unterstütze man zum Beispiel mit einer
"Transformationsoffensive" die Industrie mit rund 5 Mrd. Euro bis 2030,
Öl, Kohle und Gas als Energieträger durch Ökostrom und Wasserstoff zu
ersetzen. Auch der Austausch von klimaschädlichen zu klimafreundlichen
Heizungssystemen für Privathaushalte werde gefördert.
Fachkräfte für "Klimatransformation" benötigt
Für solch
eine "Klimatransformation" bräuchte es freilich Fachkräfte, die all die
Strukturen umgestalten, erklärte Martin Kocher, Bundesminister für
Arbeit und Wirtschaft (ÖVP). Beim Arbeitsmarktservice (AMS) wären etwa
elf Prozent der gemeldeten offenen Stellen in klimarelevanten Berufen.
"Heute gibt es etwa zu wenige Dachdecker, die Photovoltaik-Anlagen auf
das Dach montieren können", sagte Karl Steininger vom Wegener Center für
Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Während bei manchen
Sparten der Bedarf steigt, sinkt er wohl für einige Berufe.
Kfz-Mechaniker würden in Zukunft wohl weniger gebraucht, weil
Elektroautos weniger wartungsintensiv sind als Diesel- oder
Benzinkarossen, meint der Experte. "Der Autocluster bei mir zuhause in
Graz wird wahrscheinlich einen Teil seines Personals umschulen müssen,
um in Zukunft Energieanlagen und Speicher für die Häuser herzustellen."
Bessere Abstimmung von Klima- und Sozialpolitik bei Klimaschutz
Für
effektiven strukturellen Klimaschutz bräuchte es auch bessere
Abstimmung von Klima- und Sozialpolitik, plädierte Novy. Der aktuelle
Bericht verdeutliche, dass der ungleiche Emissionsausstoß
unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen problematisch sei.
"Einschränkungen im Überkonsum der obersten zehn Prozent wären eine
klimapolitisch wirksame und sinnvolle Maßnahme", sagte er.
Unpopuläre Maßnahmen in der Klimapolitik sollten umgesetzt werden
Die
Politik sollte mutiger handeln und kurzfristig unpopuläre Maßnahmen wie
Parkraumbewirtschaftung durchaus umsetzen, wenn sie sich langfristig
rentieren, so Novy. An die Medien appellierte er, "nicht jede solche
kurzfristig unpopuläre Maßnahme zu skandalisieren".
Der APCC
Bericht "Strukturen für ein klimafreundliches Leben" wurde von mehr als
80 österreichischen Experten verfasst und ist seit Montag öffentlich
verfügbar. Er soll laut Autoren zum Beispiel klären, wie
Rahmenbedingungen gestaltet werden können, dass ein klimafreundliches
Leben für jeden selbstverständlich oder zumindest erleichtert wird,
welchen Beitrag die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure leisten
können, und welche Infrastrukturen notwendig sind.