Angesichts der Debatte um den Medizin-Aufnahmetest (Med-AT) zeigen sich die Rektoren der Medizin-Universitäten überrascht.
Zuletzt wurden sowohl der Test selbst als Voraussetzung für das Studium in Frage gestellt als auch zusätzliche Kriterien dafür gefordert. Dabei habe es eine "Reihe von Missverständnissen und verzerrenden Behauptungen" gegeben, so der Rektor der Medizin-Uni Wien, Markus Müller vor Journalisten. Der Med-AT teste die Studierfähigkeit ab - und das tue er recht gut.
Pflegepraktikum startete die Debatte um den Med-AT
Begonnen hat die Debatte mit dem Vorschlag eines Primars, die Zulassung statt von einem Test von der Absolvierung eines Pflegepraktikums abhängig zu machen. Das wurde zwar praktisch einhellig abgelehnt, Gesundheitslandesräte hatten aber auch die Berücksichtigung zusätzlicher Kriterien wie ehrenamtliche Tätigkeiten, Schulnoten oder die Tätigkeit als Rettungssanitäter oder Pflegekraft gefordert. Die Ärztekammer wiederum wollte die stärkere Einbeziehung von empathischen Fähigkeiten beim Test.
Med-AT: 1.850 Plätze gehen an Bewerber mit besten Testergebnissen
Seit 2013 entscheidet der jedes Jahr Anfang Juli durchgeführte MedAT darüber, wer an den öffentlichen Medizin-Unis Wien,
Graz und Innsbruck bzw. der Medizin-Fakultät der Uni Linz die
Ausbildung in Human- bzw. Zahnmedizin anfangen kann. Die derzeit 1.850
Plätze gehen an die Studienwerber mit den besten Testergebnissen, wobei
75 Prozent der Plätze für Personen mit österreichischem Maturazeugnis
reserviert sind. Inhalte des ganztägigen Tests sind Oberstufenwissen aus
Biologie, Chemie, Physik und Mathematik, Lesekompetenz und
Textverständnis sowie kognitive Fertigkeiten (etwa Zahlenfolge,
Merkfähigkeit, Implikationen erkennen). In einem eigenen Testteil müssen
"sozial-emotionale Kompetenzen" nachgewiesen werden, angehende
Zahnmediziner müssen auch manuelle Fertigkeiten demonstrieren.
Rektoren über Diskussion über Med-AT überrascht
"Was
uns stört, ist, dass der jetzigen Generation von Jungmedizinern, die
das Aufnahmeverfahren absolviert haben, fehlende Empathie vorgeworfen
wird", meinte Müller. "Warum führt man sonst diese Diskussion?" Sein
Amtskollege Wolfgang Fleischhacker (Medizin-Uni Innsbruck) erinnerte
dass soziale Kompetenz nicht das einzige Kriterium für einen künftigen
Arzt sein könne. "Das in Balance zu halten, wäre mir ein Anliegen." Und
genau diese Kompetenzen wolle man ja auch im Studium entwickeln - von
der ärztlichen Gesprächsführung bis zu interprofessionellen Kompetenzen,
die im Studium durch Tätigkeiten etwa in der Hauskrankenpflege und
ähnlichem erworben werden müssen.
Müller: Medizin ist ein naturwissenschaftliches Fach
Auch Müller erinnerte daran, dass Medizin ein naturwissenschaftliches Fach ist - insofern sei es auch logisch, dass ein Aufnahmetest Wissen aus diesem Bereich abfrage. "Wir gehen davon aus, dass vieles, was wir beim Med-AT erwarten, de facto Mittelschulwissen ist. Wir brauchen aber, weil wir kein faires Verfahren haben wie eine Zentralmatura (in diesen Fächern, Anm.), eine Art Qualitätskontrolle.
"Primär müsse der Test daher eine Voraussage über die Studierfähigkeit treffen - und das tue er auch, so Müller: Betrug die Drop-Out-Quote vor Einführung eines Aufnahmeverfahrens noch etwa 50 Prozent, seien es nun fünf Prozent.
Vogl sprach sich gegen Einbeziehung von freiwilligen sozialen Tätigkeiten
Gegen eine
Einbeziehung von freiwilligen sozialen Tätigkeiten in die
Aufnahmekriterien sprach sich Sabine Vogl, Vizerektorin für Lehre an der
Medizin-Uni Graz, aus. Tue man dies, münde dies sofort in eine
"Pseudo-Freiwilligkeit" - innerhalb eines Jahres würden dann praktisch
alle Bewerber solche vorweisen. "Und dann ist es nicht mehr freiwillig."
Dazu käme die Schwierigkeit, Praktika aus unterschiedlichsten
Organisationen miteinander zu vergleichen. Schließlich ortete sie auch
soziale Ungerechtigkeiten: Wer dazu verdienen müsse, könne sich
freiwillige soziale Tätigkeiten oft nicht "leisten".
Testteil zu sozial-emotionalen Kompetenzen wird ausgebaut
Wie angekündigt ab 2023 ausgebaut wird der Testteil zu den sozial-emotionalen Kompetenzen. In diesem Testitem soll die Anzahl der Fragen verdoppelt werden, so Vogl. Ob dies additiv zum derzeitigen Test erfolgt oder andere Teile wegfallen, sei noch Gegenstand von Abstimmungen mit dem Bildungsministerium. Die Unis selbst plädieren für die zusätzliche Aufnahme. Konkret sollen die Studienwerber im neuen Testteil nicht nur wie bisher feststellen, welche Emotionen bei einem imaginären Gegenüber auftreten, sondern auch eine adäquate Reaktion darauf darstellen.
Mit der Art der konkreten Auswahl der Studienwerber werde man aber ohnehin keine zusätzlichen Ärzte gewinnen, sind sich die Rektoren einig. Auf den weiteren Weg ihrer Absolventen habe man nur wenig Einfluss, so Fleischhacker. "Ein wertschätzender Umgang mit ihnen beinhaltet das rasche Zur-Verfügung-Stellen von Ausbildungsplätzen. Viele sagen uns beim Abholen ihrer Dekrete, sie gehen nach Garmisch (Deutschland, Anm.), weil dort können sie gleich am Montag zu arbeiten beginnen." Man müsse etwa die Krankenhausträger in die Pflicht nehmen, schneller Absolventen aufzunehmen.
Verwunderung über Debatte über Anzahl der Ärzte
Ähnlich
auch Müller: "Das Thema muss sein, dass der Bereich der
versorgungswirksamen Medizin finanziell, strukturell und auch im
Narrativ gestärkt wird. Wenn ich bei einer Kassenstelle weiß, ich muss
diese und diese Zahl an Patienten durchschleusen, um finanziell
überleben zu können und dann gibt es im Ort nicht einmal einen
Kindergarten, dann ist das kein attraktives Lebensmodell."
Und auch über die öffentliche Diskussion über die Anzahl der Ärzte wundert sich Müller: "Bis 2005 hat es das Narrativ von der Ärzteschwemme gegeben, dann ist das gekippt in Richtung Ärztemangel - wir hatten aber offenbar nie genau die richtige Anzahl." Dabei habe es vor 20 Jahren rund 30.000 Ärzte gegeben, heute stünden 47.000 in der Ärzteliste.