Am Donnerstag betonte Vegetationsökologe Thomas Ellmauer die Bedeutung der Wiesen für unser Ökosystem und ihre Rolle bei der Biodiversität.
"Wenn wir die Wiesen in ihrer Vielfalt und ihren Funktionen schädigen, schädigen wir uns auch selbst." Der im Umweltbundesamt tätige Vegetationsökologe Thomas Ellmauer ließ am Donnerstagnachmittag beim VetmedTalk zum Thema "Bodenversiegelung - Lebensraum Wiese und der Klimawandel" keinen Zweifel daran, dass Wiesen eine wesentliche Rolle in der Biodiversität spielen und ihr Zustand nicht nur Landwirte beschäftigen sollte.
Wie Landwirtschaft Wiesen und Biodiversität schadet
Das online abgehaltene Expertengespräch war Teil der Schwerpunktaktivitäten der Veterinärmedizinischen Universität Wien rund um die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen. Dass durch die Bodenversiegelung täglich rund 12 Hektar Wiese (die Fläche von 20 Fußballfeldern) in Österreich verschwinden, ist seit langem ein Dorn im Auge nicht nur von Umweltaktivisten. Das Verschwinden der Wiese würde sich negativ auf die Biodiversität auswirken.
Wiesen durch Rodung und Nutzung geschaffenes Grünland
Auch die
von Moderator Bernhard Weingartner versammelten Wissenschafter waren
sich über den Wert intakter Wiesen einig. Remigius Chizzola von der
Abteilung für funktionelle Pflanzenstoffe an der Vetmeduni betonte:
"Alle Wiesen sind von Menschen durch Rodung und Nutzung geschaffenes
Grünland, das muss man sich in Erinnerung rufen. Wenn wir das erhalten
wollen, muss es durch den Menschen genutzt werden." Die Rückeroberung
der Natur durch "Verstrauchung, Verbuschung und Verwaldung" ginge etwa
im Fall von unbewirtschafteten Almen in zwei bis vier Jahren vonstatten,
sagte Andreas Klingler vom Institut für Pflanzenbau und
Kulturlandschaft der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für
Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein.
Nutzungsintensivierung bei Wiesen führt zur Einengung der Vielfalt
Für Ellmauer ist das Grünland
"ein Spiegel unserer Wirtschaftsweise und unseres Umgangs mit der
Natur". In den vergangenen Jahrzehnten habe es "eine maßgebliche
Nutzungsintensivierung im Grünland gegeben mit einer gleichzeitigen
Einengung der Vielfalt". Die deutlichen Veränderungen seien nicht nur
auf den Klimawandel, auch auf veränderte Bewirtschaftung zurückzuführen.
"Streuwiesen sind fast verschwunden." Dabei erfülle eine Wiese wichtige
Ökosystemdienstleistungen wie CO2-Speicherung, Wasserrückhaltefähigkeit
oder als Lebensraum für Bestäuber. Biomasse und Artenvielfalt von
Insekten sei stark rückläufig. Weil sie aber auch Futter für andere
Tierarten seien, gingen etwa auch Vögel-Populationen zurück. "Diese
Entwicklung ist durchaus besorgniserregend."
In österreich typische Grünland-Gräser vertragen Trockenheit nicht
Weil die in
Österreich typischen Grünlandgräser für die zu erwartende Zunahme an
Trockenheit nicht geeignet seien, werde es "eine Verschiebung zu tiefer
wurzelnden Arten geben", sagte Klingler. Überhaupt sei künftig
Flexibilität gefragt: "Das Zauberwort ist standortgerechte
Landwirtschaft". Extensive Bewirtschaftung heiße dabei keineswegs
Nutzungsaufgabe oder Verzicht auf jegliche Düngung. Auch Thomas
Hartinger von der Abteilung für Tierernährung der Vetmeduni betonte,
dass durch die Begleiterscheinungen des Klimawandels nicht nur die
"Quantität des Biomasseertrags" geringer werde, sondern auch die
Qualität der Futtermittel schlechter werde. Mittelfristig sei der
Einsatz von trockenresistenteren Pflanzen unumgänglich. In einem
Forschungsprojekt beschäftigt man sich auch mit der Verfütterung von
Obst- und Gemüseabfällen als Kraftfutterersatz.
Erhalt der Biodiversität durch den Erhalt von Wiesen und Gärten
Einigkeit herrschte unter den Experten, dass auch der Einzelne zum Erhalt der Biodiversität beitragen könne. In Gärten sollten zumindest ein paar Flecken für das Wachstum von Pflanzenarten reserviert bleiben, regte Ellmauer an und wetterte gegen "Gärten des Grauens" wie die bereits mancherorts verbotenen Schottergärten. "Ich würde auch solche Gärten dazunehmen, wo der Mähroboter jeden Tag fährt - auch das sind aus Sicht der Biodiversität Wüsten. Es wäre sinnvoll, massive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um dafür Bewusstsein zu schaffen."