Am Montag läutete die Metalltechnische Industrie mit der Forderungsübergabe die Herbstlohnrunde 2022 ein. Die Inflationsrate spielt traditionell dabei eine zentrale Orientierungsgröße.
Die Inflationsrate spielt traditionell eine zentrale Orientierungsgröße, bei den KV-Verhandlungen. Diese schnellte zuletzt auf den höchsten Wert seit Mitte der 1970er-Jahre, eine Zeit, in der die Teuerung in vielen Branchen mit hohen Abschlüssen abgegolten wurde. Im Vergleich zu damals hat sich die wirtschaftliche Lage 2022 aber gewandelt - und damit auch die Ausgangsbasis für die Gespräche.
Wenig Chancen für eine Lohnanpassung an die Inflation 2022
Hintergrund der hohen Teuerung in den 1970er-Jahren war - ähnlich wie heute - eine militärische Auseinandersetzung. Als Reaktion auf die Entwicklungen im Jom-Kippur-Krieg drosselten einige arabische OPEC-Staaten die Ölförderung. Der Preis für den wichtigen Rohstoff stieg infolgedessen vielerorts massiv an, andere Güter wie Lebensmittel zogen mit. 1975 lag hierzulande die Teuerungsrate im Jahresschnitt bei etwa 8,5 Prozent.
Inflations-Entwicklunghängt mit den Energiepreisen zusammen
Was die Entwicklung und die Herkunft der damaligen
Inflation betrifft, erkennt der Wifo-Inflationsexperte Josef Baumgartner
Parallelen zur heutigen Situation. Denn historisch zeige sich, dass
"die Phasen, in denen die Inflationsrate sehr stark angestiegen ist,
zusammenfallen mit Phasen, in denen die Energiepreise stark angezogen
haben", sagte er im Gespräch mit der APA. Ähnliches beobachte man heute
bei den Preisen für Gas, Strom und Treibstoffen, die sich im Zuge des
Ukraine-Kriegs kräftig erhöht haben.
Internationale Verflechtung macht Lohnerhöhung 2022 schwieriger
Für die Entwicklung der
Gehälter und Löhne in der Gegenwart sieht der Ökonom aber andere
Vorzeichen. "Damals sind mehrere Dinge zusammengekommen, die mit der
heutigen Zeit kaum vergleichbar sind." So sei etwa die internationale
Verflechtung der Wirtschaft und die Möglichkeiten für Unternehmen, ihre
Produktion in andere Länder auszulagern, wesentlich geringer gewesen.
"Es gab die Importkonkurrenz und das Drohpotenzial, in andere Länder
abzusiedeln, nicht oder nur in geringem Ausmaß", führte Baumgartner aus.
Zudem sei der Organisierungsgrad der Gewerkschaften wesentlich größer
gewesen. "All das macht die Situation heute viel schwieriger, höhere
Löhne so durchzusetzen, wie das in den 70er-Jahren möglich war."
1970er-Jahre mit erheblichen Wachstum der Bruttoentgelte
In
Österreich waren die 1970er-Jahre von einem erheblichen Wachstum der
Bruttoentgelte für Arbeitnehmer geprägt. Im Jahr 1974 etwa erhöhten sich
diese nach einer Analyse des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) im
Jahresvergleich um 16,5 Prozent, 1975 dann noch einmal um 12,2 Prozent.
In dieser Zeit waren auch Kollektivvertragsabschlüsse von 10 Prozent
oder mehr in vielen Segmenten keine Seltenheit. Im Handel etwa wurde
1974 ein Plus von 12 Prozent erzielt, 1975 gab es satte 13 Prozent
obendrauf.
IHS-Ökonom: Löhne auch durch Produktivität bedingt
Der IHS-Ökonom Helmut Hofer gibt diesbezüglich zu
bedenken: "Die Löhne werden auch bestimmt durch die Produktivität und
die ist in dieser Zeit doch relativ stark gestiegen", erklärte er
gegenüber der APA. Das sei heute in dem Ausmaß nicht mehr der Fall.
Außerdem "war Österreich damals noch ein Aufholland", jetzt sei es "ein
fortschrittliches Industrieland" in dem das Lohnniveau wesentlich höher
liege.
Weniger Produktivität macht es schwer Teuerung in Löhnen zu berücksichtigen
Aus diesem Grund gestalte es sich schwieriger, die hohe
Teuerung bei den Nominallöhnen zu berücksichtigen. "Jetzt hat man auch
eine verstärkte Konkurrenz, was dazu führen kann, dass dann die
Wettbewerbsfähigkeit verloren geht", fügte Hofer hinzu. Bei einer
importierten Inflation, wie man sie heute sehe, ergebe sich außerdem das
Problem, dass ein Teil des Geldes, das die Konsumenten zahlen, ins
Ausland fließe und damit weniger zu verteilen sei. "Je höher ich dann
die Löhne mache, desto mehr muss ich den Unternehmen wegnehmen."
Staat habe in 1970er-Jahren weniger Maßnahmen gegen Teuerung gesetzt
Laut
Baumgartner sind auch die Auswirkungen der Teuerung für die Menschen -
trotz der damals für lange Zeit positiven Reallohnentwicklung und noch
dazu höheren Sparzinsen - mit der heutigen Lage schwer vergleichbar.
"Wie der Staat heuer eingegriffen hat und im nächsten Jahr noch
eingreifen wird, zur Abfederung dieser Wirkungen, das war in den
1970er-Jahren nicht der Fall und auch nicht in den 80er-Jahren in dem
Ausmaß." So etwas wie eine Stromkostenbremse oder ähnliche Maßnahmen zum
Ausgleich der Teuerung habe es damals nicht oder nur äußerst begrenzt
gegeben, argumentiert der Wirtschaftswissenschafter.
Metaller wollen sich mit Paket zur Teuerung nicht begnügen
Die
Arbeitnehmervertreter der Metaller wollen sich mit den beschlossenen
Paketen zur Abfederung der Teuerung jedenfalls nicht begnügen: Sie
fordern angesichts des drohenden Kaufkraftverlusts ein Lohn- und
Gehaltsplus von 10,6 Prozent.