Trotz starker Zinssenkungen kam die Inflation nach der Finanzkrise 2008/09 jahrelang nicht in die Gänge. Nun ist die Inflation kaum aufzuhalten. Ein Ende der Teuerung ist so bald nicht in Sicht.
Wegen der massiv steigenden Energiepreise geht es bei der Teuerung seit Monaten steil nach oben, im August lag die Inflationsrate in Österreich bei 9,1 Prozent. Ein Ende des Anstiegs dürfte vorerst nicht in Sicht sein, auch wenn sich Politik sowie die Europäische Zentralbank (EZB) nach Kräften um Abhilfe bemühen.
Inflation steigt weiter rasant an: Kein Ende der Teuerung in Sicht
"Wir müssen uns drauf einstellen, für längere Zeit eine höhere Inflation zu haben," sagt der Wifo-Inflationsexperte Josef Baumgartner im APA-Gespräch. Ganz so hoch wie heuer oder im kommenden Jahr werde sie zwar nicht bleiben, aber auch für 2024/25 dürfte die Teuerung "noch immer relativ weit entfernt vom Inflationsziel der EZB - dieses liegt bei 2 Prozent - sein".
Wifo-Prognosen zur Inflation vom Juni werden wohl 2022 nicht halten
Auch
die Wifo-Inflationsprognosen vom Juni für heuer und das kommende Jahr
werden wohl nicht halten, so Baumgartner, sondern werden nach oben
revidiert werden müssen. Bei der Prognose im Juni rechnete das Wifo für 2022 noch mit einer Inflation von 7,8 Prozent und für 2023 mit einer Teuerung von 5,3 Prozent. Wie viel höher die neue Schätzung ausfallen werde, könne er noch nicht sicher sagen, da der
Prognose-Prozess erst gestartet wird. Die gemeinsame Konjunkturprognose
für 2022 und 2023 des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) und des
Instituts für höhere Studien (IHS) wird am 7. Oktober veröffentlicht.
Hauptursache für die Teuerung sind die steigenden Energiepreise
Die Hauptursache, warum derzeit alles teurer wird, sind die steigenden
Energiepreise aufgrund von hoher Nachfrage bei zu geringem Angebot. Das
ist insofern problematisch, "weil Energie ist de facto überall
enthalten", so Baumgartner. Für Unternehmen und Haushalte gibt es daher
nicht nur direkte Preissteigerungen - die jeder in der
eigenen Strom- und Gasrechnung spürt - sondern auch sehr viele
indirekte Verteuerungen durch die Überwälzung dieser Kosten auf die
Preise für Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen.
Bestes Mittel gegen Inflation wäre das Energieangebot auszuweiten
Das beste Mittel gegen die hohen Energiepreise und die damit hohe Inflation wäre, schlicht das Energieangebot auszuweiten, so Baumgartner. Das bedeutet für Europa den Ausbau der
Erneuerbaren Energien - da die fossilen Reserven begrenzt sind - und
dieser Umbau des Energiesystems wird Jahre in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit müsse die Politik versuchen, die Auswirkungen der Teuerung mit anderen Mitteln zu bekämpfen.
Anhebung des Leitzins als kurzfristige Lösung gegen Inflation
Eine kurzfristigere Möglichkeit, der Inflation gegenzusteuern, ist es, die Leitzinsen anzuheben. Das tut die EZB seit Juli, nur binnen zwei Zinsschritten ist der
Leitzins von Null auf 1,25 Prozent angehoben worden. Trotz des steilen
Anstiegs ist aber noch Luft nach oben. Ifo-Konjunkturchef Timo
Wollmershäuser geht davon aus, dass die Zentralbank ihren Leitzins bis
auf 4 Prozent nach oben schrauben wird.
Baumgartner sieht das Ende der Zinserhöhung noch nicht erreicht
Auch Baumgartner sieht das Ende der
Zinserhöhungen noch nicht erreicht. Allerdings stehe die Notenbank
einer schwierigen Situation in Europa gegenüber. Denn um mit ihren
Instrumenten gegen die hohen Energiepreise ankämpfen zu können, müsste
sie die Zinsen sehr stark anheben, damit die Energienachfrage in der Wirtschaft weniger wird. Das bedeutet aber auch, dass weniger produziert wird, schafft also eine Rezession, mit der auch mehr Pleiten und höhere Arbeitslosigkeit einhergeht.
EZB muss bei der Erhöhung des Leitzinses die Waage halten
Die EZB muss also versuchen, die Waage zu halten zwischen Eindämmung der Inflation und Abwürgen der
Wirtschaft. Für Deutschland wird bereits jetzt für den Winter ein
Rezessionsszenario prognostiziert, Österreich stehe laut dem
Wifo-Experten noch auf der Kippe. "Wenn wir in Europa schon Ende des Jahres in die Rezession schlittern, dann könnte der Zinserhöhungskurs langsamer laufen", so Baumgartner.
Eingreifen der EU bei Inflation und hohen Energiepreisen wichtig
Relevant
ist daher auch, wie politisch von EU-Seite eingegriffen wird, um die
Energiepreise zu dämpfen. Bei dem EU-Energieministertreffen am Freitag
werden diverse Vorschläge diskutiert. Neben Energiesparplänen sind ein
gemeinsamer Gaseinkauf, ein Höchstpreis für Gaseinkäufe aus Russland
oder die Abschöpfung von Übergewinnen von Energieunternehmen im
Gespräch. Genaue Pläne sollen bis Ende September stehen.
Unterstützung für Versorger beim Gaseinkauf sei ein gangbarer Weg
Die
Versorger beim Gaseinkauf zu unterstützen, damit diese die billigeren
Preise dann an die Kunden weitergeben, ist aus Baumgartners Sicht
jedenfalls ein gangbarer Weg. Von direkten Preiskontrollen - wie sie
beispielsweise in Ungarn für Benzin eingesetzt wurden - hält er dagegen
wenig als Maßnahme gegen die Inflation. Grund ist, dass dadurch die Anreize, weniger fossile Energie zu verbrauchen, reduziert und reichere Haushalte, die die Inflation
auch alleine stemmen könnten, tendenziell stärker unterstützt würden
als ärmere Haushalte. Vor allem über einen längeren Zeitraum hätte ein
solcher Eingriff "sehr negative Auswirkungen auf das heimische Angebot,
da die Produzenten in den Nachbarländern, wo es keine Preiskontrollen gibt, zu höheren Preisen verkaufen können", so Baumgartner.
Zurücknehmen der Sanktionen gegen Russland hätte keine Wirkung
Auch ein Zurücknehmen der Sanktionen gegen Russland - wie es teils in der Politik vorgeschlagen wird - hätte aus Baumgartners Sicht keine Wirkung. Denn es sei sehr fraglich, ob Russland wirklich wieder mehr Gas liefern würde, wenn die Sanktionen zurückgenommen oder gelockert würden. Russland befinde sich in einem Wirtschaftskrieg mit Europa, der bereits vor dem Einmarsch in die Ukraine begonnen habe. So habe Gazprom schon im Sommer 2021 in ihren Gas-Lagern in Europa nichts mehr eingespeichert und damit die Gasversorgung schon vor dem Angriff au die Ukraine und den dann folgenden EU-Sanktionen massiv eingeschränkt.