Die Schneedecke in Österreich wird in den nächsten jahrzehnten ziemlich dünn. Der ÖSV steht vor dem Dilemma, Ökologie und sportliche Ziele abwegen zu müssen.
Selbst bei klimabewusstem Verhalten wird die Schneedecke in Österreich schon in den nächsten Jahrzehnten weiter abnehmen, das Gletschersterben ist nach derzeitigem Stand nicht zu verhindern. Der ÖSV steht vor einem Dilemma undmuss Ökologie und sportliche Ziele abwägen - und arbeitet an einer Strategie für die Zukunft, was das Sommertraining betrifft. Auch der Wintertourismus steht vor tiefgreifenden Veränderungen.
Klima-Dilemma in Österreich: Ist Skifahren noch vertretbar?
Prinzipiell wird man in Österreich wohl noch längere Zeit auf Ski und Snowboard talwärts rauschen können. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Zeitraum mit natürlicher Schneebedeckung in Regionen von 1.500 bis 2.500 Meter Seehöhe bis im Jahr 2100 um 25 Prozent geringer sein", erklärt Marc Olefs, Leiter der Abteilung Klimaforschung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Mit einem wirksamen Klimaschutz auf globaler Ebene ließe sich dieses Minus laut einer Studie, an der unter anderem die ZAMG sowie die Uni Innsbruck beteiligt waren, auf etwa zehn Prozent drücken.
In Lagen um 1.000 Meter Seehöhe sei Skifahren trotz Klimawandel möglich
"Selbst im
Worst-Case-Szenario würde es dann in höheren Lagen noch möglich sein,
Skisport zu betreiben, weil es im Kernwinter kalt genug ist", sagte
Olefs im APA-Gespräch. "Darunter passiert aber massiv etwas." In Lagen
um 1.000 Meter Seehöhe und weniger werde der Rückgang der Schneedecke
viel drastischer ausfallen und in wenigen Jahrzehnten spürbar sein. Das
könnte mittel- und langfristig zum Verschwinden von Skigebieten führen.
Olefs: "Skifahren wird sich eher auf Gunstlagen reduzieren, auf höhere
Lagen und größere Gebiete."
Zeitfenster für technische Beschneiung verringert sich
Nicht nur die höheren Temperaturen,
die auch das Zeitfenster für die technische Beschneiung verringern,
setzen dem Wintertourismus zu. Gleichzeitig steigen die Kosten, da eine
gewaltige technische Maschinerie hinter dem Schneesport laufend bedient
werden muss. Ein besonderer Fall ist der kommende Winter mit
Energiekrise und Inflation. Vor allem der Strom ist ein Treiber, aber
auch der Diesel für Pistenfahrzeuge und das Personal wird teurer.
Heiße und trockene Sommer belasten die Gletscher in Österreich
Ein
anderer Aspekt ist, dass enorm heiße und trockene Sommer wie 2022 die
Gletscher extrem belasten. Ende Juli mussten die Bergbahnen im
schweizerischen Zermatt den Skibetrieb einstellen. Weil es im Juli und
August keine Gletscher-Optionen in Österreich gibt, hoben die
ÖSV-Sportler wie andere Nationen deshalb nach Argentinien und Chile ab.
"Das Training unseres Skiteams in Übersee schafft natürlich erhebliche
budgetäre Belastungen", sagt ÖSV-Generalsekretär Christian Scherer. "Um
sportlich konkurrenzfähig zu bleiben, ist es aber unvermeidbar, dass
auch im Sommer und Herbst auf Schnee trainiert wird."
Die Frage bleibt, ob Skifahren weiterhin vertretbar ist
Diese
Möglichkeit werde in Europa weiterhin auf wenige sehr hohe Regionen, wie
man sie etwa in der Schweiz vorfindet, beschränkt bleiben. Die
Südhalbkugel wird daher auf absehbare Zeit eine Alternative sein.
Andererseits denkt der ÖSV weiter. "Als Verband arbeiten wir bereits an
einer Vision und Strategie, um - unter Berücksichtigung der
Klimaveränderung - auch weiterhin einen ausgewogenen Trainingsbetrieb
sicherstellen zu können", erläuterte Scherer. Künftig will man etwa das
Schneetraining im Frühling verlängern und im Herbst früher beginnen.
Kritikerin: Ganzjährigen Skibetrieb beschleunige Gletscherschmelze
Eine
Kritikerin des ganzjährigen Skibetriebs ist Carmen de Jong von der
Universität Straßburg. "Skifahren und die menschliche Bewirtschaftung
beschleunigen das Abschmelzen der Gletscher", sagt die Hydrologin.
"Durch die Pistenraupen entstehen Rinnen, in denen sich das Wasser
ansammelt. Was auch zur Beschleunigung beiträgt, ist das Snowfarming.
Dabei wird Schnee von oberen Teilen des Gletschers, wo er geschützt ist,
nach unten transferiert, wo er schneller wegschmilzt."
Skifahren zu reduzieren stößt in Österreich auf Abwehrverhalten
In
Österreich ortet De Jong ein gewisses Abwehrverhalten. Expertinnen und
Experten würden mit der Ski-Industrie gemeinsame Sache machen und
teilweise bezahlen lassen, sprach sie Klartext. "Da gibt es dann
unseriöse Studien zu den positiven Auswirkungen des Kunstschnees auf den
Klimawandel." Vielmehr verursache die technische Beschneiung und
Bearbeitung der Pisten mit tonnenschweren Geräten Bodenerosion, zerstöre
die Vegetation und beeinträchtige die Wasserqualität.
Klimaforscher fordert Wende zur Nachhaltigkeit in Wintertourismus
Laut dem
Klimaforscher Olefs müsste im Wintertourismus eine Wende zur
Nachhaltigkeit gelingen. Er plädiert dazu für einen wirtschaftlichen
Ausgleich zwischen Großen und Kleinen und für mehr Kooperation. Die
Initiative "Alpine Pearls", die kleinere Alpen-Destinationen wie
Hinterstoder und Werfenweng gestartet haben, sei ein Beispiel. Großes
Potenzial liege auch bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in
den Gebirgsräumen brach. Der größte Hebel jedoch sei die Mobilität.
"Bei einem typischen einwöchigen Skiurlaub mit dem Auto hat die Anreise
den größten Anteil am CO2-Fußabdruck", erläuterte Olefs. Das Klimaticket
sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber: "Da gibt es noch
extrem viel Luft nach oben."