Das das Thema Flucht und Migration nicht nur komplex, sondern auch von zahlreichen Widersprüchlichkeiten geprägt ist, zeigt das neue Buch der Migrationsforscherin Judith Kohlenberger "Das Fluchtparadox".
Komplexe Themen eignen sich besonders gut zur Instrumentalisierung. In ihrem neuen Buch "Das Fluchtparadox" zeigt die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger die Komplexität des Themas auf. Eindringlich plädiert sie darin für eine menschlichere Asylpolitik, die nur durch (gegenseitiges) Verständnis erreicht werden kann.
Das Buch "Fluchtparadox" zeigt Widersprüche im Asylregime auf
Das "Fluchtparadox" besteht laut Kohlenberger im Wesentlichen aus drei Paradoxien: Dem Asyl-, dem Flüchtlings- und dem Integrationsparadox und "vielen paradoxen Momenten dazwischen". Am bekanntesten und problematischsten ist wohl das "Asylparadox" - um einen Asylantrag stellen zu können, muss man in den allermeisten Fällen zuerst einmal Recht brechen, sprich, illegal Grenzen überqueren. Das wiederum erleichtert die Kriminalisierung von Flüchtenden. Doch Möglichkeiten, legal einen Antrag auf Asyl zu stellen (etwa Botschaftsasyl), sind bekanntermaßen nach wie vor inexistent.
Paradox zwischen illegaler Eiwanderung und Asylantrag
Zentral im Asylparadox ist
die bisherige Unvereinbarkeit des universellen, überstaatlichen
Anspruches von internationalem Recht (Europäische
Menschenrechtskonvention/EMRK, Genfer Flüchtlingskonvention/GFK) mit
nationalstaatlichen Interessen, wobei sich letztere meist durchsetzen.
Im Kern sei das Asylparadox damit eigentlich ein "demokratisches
Paradox", konstatiert Kohlenberger. Geflüchteten werde "das Recht,
Rechte zu haben", abgesprochen, schreibt die Migrationsforscherin der
Wirtschaftsuniversität Wien
unter Verweis auf Hannah Arendt. Sie müssen sich den (rechtlichen)
Rahmenbedingungen des Aufnahmestaates unterwerfen, haben aber im
Normalfall aufgrund der fehlenden Staatsbürgerschaft nicht die Option,
diese mitzugestalten.
Trennung "Wir vs. die Anderen" knüpfen an Flüchtlingsparadox an
An die daraus resultierende Trennung "Wir
vs. die Anderen" knüpfen das Flüchtlings- und Integrationsparadox
gleichermaßen an. Zwar soll uns der/die Flüchtende ähnlich sein, aber
nicht zu ähnlich (erfolgreich) werden, besagt das "Integrationsparadox"
laut Kohlenberger. Zu schnell könne er sonst zur "Gefahr für die
Autochthonen" werden, den Einheimischen Arbeitsplätze oder Macht
"wegnehmen". Damit einher geht die zentrale Erzählung des
"Flüchtlingsparadoxes": Flüchtende sollen und müssen vulnerabel und
schutzbedürftig (passiv) sein, gleichzeitig aber auch aktiv, selbständig
und leistungsbereit (vor allem mit Blick auf Integration).
Entschlüsselung der drei Paradoxien zum Thema Migration
Im
Zuge der Entschlüsselung der drei Paradoxien thematisiert Kohlenberger
nicht nur die unzähligen Herausforderungen und Probleme des Themas
Flucht und Migration, wie eben das instrumentalisierte Narrativ der
Anderen, Rassismus, oder das bewusst in Kauf genommene Fehlen legaler
Migrationswege. Sie beschreibt auch den unterschiedlichen Umgang mit
Geflüchteten im Sommer 2015 vs. Frühjahr 2022 (Ukraine-Krieg), deckt
auf, warum mehr Abschottung und Grenzschutz oftmals zu vermehrten
Fluchtbewegungen und/oder der Verlagerung auf gefährlichere Routen
führt, widerlegt die These der "Massenzuwanderung aus Afrika" und zeigt
auf, wie wichtig Zuwanderung und migrantische Arbeitskräfte für
westliche Länder eigentlich sind.
Autorin gelingt es komplexes Thema den Lesern näherzubringen
So gelingt es der
Migrationsexpertin auf fundierte, verständliche Art und Weise, dem Leser
das höchst vielschichtige Thema mit seinen unzähligen Widersprüchen
näherzubringen, zu entschlüsseln und damit zu einer tieferen Wahrheit zu
führen. Nur durch besseres Verständnis für die Thematik und Verständnis
für "die Anderen", das zu einer dringend notwendigen "Humanisierung des
Anderen" führt, ist die von Kohlenberger geforderte menschlichere
Asylpolitik möglich. Die Erzählung könnte lauten: "Österreich kann
zeigen, was es kann. Eingebettet in ein sicheres und humanes Europa, das
sich geeint in Fragen der Migrations- und Asylpolitik zeigt und
Ankommende als Chance statt als Bedrohung begreift, darf es
Schutzsuchenden helfen."
Judith Kohlenberger: "Das Fluchtparadox. Über unseren widersprüchlichen Umgang mit Vertreibung und Vertriebenen", Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2022, 240 Seiten, 24 Euro. ISBN 978-3-218-01345-1.