Im Jahr 2015 wurde das Pariser Klimaabkommen verabschiedet. Dieses hat auch das Ziel die Erderwärmung am Ende des Jahrhunderts unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Viele Firmen-Annahmen entsprechen dem nicht.
Um die schwindende Chance darauf nicht völlig aus den Augen zu verlieren, müssten dementsprechend auch Konzerne aus dem Energiesektor ihren CO2-Fußabdruck massiv verkleinern. Ein Forschungsteam zeigt nun im Fachblatt "Nature Communications", dass die bisherigen Firmen-Annahmen mit dem 1,5 Grad-Ziel nicht vereinbar sind.
CO2-Reduktion von Firmen entspricht nicht dem 1,5 Grad-Ziel
Auf
den Anteil, den Unternehmen an den CO2-Emissionen haben, richtete sich
der Fokus u.a. nach einem aufsehenerregenden Prozess in den Niederlanden
im vergangenen Jahr: Umweltschutzorganisationen hatten den Öl- und
Erdgaskonzern Shell in einem großen Klima-Prozess geklagt, seinen
CO2-Ausstoß zu senken. Im Mai 2021 entschied ein Gericht in Den Haag,
dass der britisch-niederländische Konzern seine Kohlendioxid-Emissionen
bis 2030 um netto 45 Prozent gegenüber 2019 senken muss.
Klimapläne und -szenarien der Firmen passen nicht zu Klimazielen
Wie gut Klimapläne von denen Shell, das Mineralölunternehmen BP und der norwegische Erdöl- und Erdgaskonzern Equinor ausgehen, sowie zwei Szenarien, mit denen die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet, zu dem 1,5 Grad-Ziel passen, hat ein Team um Robert Brecha von der NGO Climate Analytics in Berlin u.a. in Zusammenarbeit mit Forschern des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (NÖ) analysiert. Unter Namen wie "Rebalance" (Equinor), "Sky 1.5" (Shell) oder "Rapid" oder "Net Zero" (BP) haben die Unternehmen Pfade formuliert, die laut den Konzernen teils mit dem 1,5- bzw. den 2-Grad-Ziel kompatibel sein sollen. Shell räumt in seinem bis zum Jahr 2100 reichenden Szenario aber beispielsweise ein, dass vor der Eindämmung des Anstiegs auf rund 1,5 Grad über dem Temperaturlevel vor Beginn der Industrialisierung mit einem zeitweisen Überschießen dieses Zieles zu rechnen ist.
Nur eines von sechs Szenarien ist mit 1,5-Grad-Ziel kompatibel
Das Forscherteam brachte die jeweiligen
Szenarien nun in Verbindung mit jenen Modellen, von denen der
Weltklimarat (IPCC) aktuell bei seinen längerfristigen Simulationen
ausgeht. Unter den insgesamt sechs seitens der Konzerne und der IEA ins
Spiel gebrachten Szenarien ist demnach nur eines mit dem 1,5 Grad-Ziel
kompatibel, heißt es in der Arbeit. Dieses ist das "Net Zero
Emissions"-Szenario der IEA, bei dem der weltweite Energiesektor bis zum
Jahr 2050 sogenannte Netto-Null-Emissionen erreicht. Dazu muss der
gesamte schädliche Ausstoß von Treibhausgasen wieder ausgeglichen
werden.
Wahrscheinlichkeit das Temperatur 1,5 Grad übersteigt bei 60 Prozent
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Temperatur den
Maximalwert von 1,5 Grad-Plus im Jahr 2100 trotzdem knapp übersteigt,
liege aber auch unter dieser Annahme bei rund 60 Prozent. Die weiteren
fünf untersuchten Emissionsreduktionspfade führen im Schnitt zu einem
wahrscheinlichen Plus zwischen 1,65 und 1,81 Grad Celsius, so die
Analyse.
Ende der Nutzung von fossilen Brennstoffen oft hinausgezögert
Für die Autoren zeigen die Untersuchungen einmal mehr,
dass Szenarien, bei denen das Zurückfahren der großflächigen Nutzung von
fossilen Treibstoffen weiter hinausgezögert wird, fast immer mit einem
zumindest zeitweisen deutlichen Überschießen der 1,5 Grad-Marke einher
gehen. Offen ist vielfach auch, wie dann gegen Ende des Jahrhunderts
jene Mengen an CO2 wieder aus der Atmosphäre entnommen werden sollen,
die notwendig wären, um die globalen Temperaturen auf das angestrebte
Maß zu begrenzen - respektive dann effektiv abzusenken. Ein weiteres
Fragezeichen sind die Emissionen weiterer Treibhausgase wie Methan und
Lachgas.
Unternehmen sollten klarere Aussagen über ihre Pläne machen
Unternehmen und Co sollten in Zukunft klarere Aussagen
über ihre Pläne und Annahmen zur Reduktion machen, damit diese auch
extern analysiert werden können, so die Wissenschafter. Bei der
mangelnden Nachvollziehbarkeit sind die Firmen und Institutionen aber
nicht alleine. Auch die Zusagen und Bekenntnisse vieler Staaten und
Staatenbünde, in den kommenden Jahrzehnten Netto-Null-Emissionen zu
erreichen, sind nämlich vielfach schwer miteinander vergleichbar und
wenig konkret, monieren Experten immer wieder.