Der österreichische Biotechnologe Josef Penninger hatte kurz nach Beginn der Corona-Pandemie die Idee, rekombinant hergestelltes ACE2 als Medikament einzusetzen. Jetzt könnte ACE2-Aerosol als Corona-Medikament eingesetzt werden.
Das Enzym ACE2 (Angiotensin Converting Enzyme 2) bildet auf Zellen den Rezeptor für SARS-CoV-2. Die Gabe des Proteins soll Covid-19-Erreger binden und unschädlich machen. Jetzt publizierten Wissenschafter Daten aus Tierversuchen mit einem ACE2-Aerosol, eine erste klinische Studie an gesunden Probanden ist im Laufen.
Versuche mit ACE2-Aerosol als Corona-Medikament
Robert Shoemaker vom National Cancer Institute und die Co-Autoren, unter ihnen Penninger, ehemals Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Akademie der Wissenschaften) in Wien, und seit 2018 in Kanada tätig, berichteten jetzt (11. Juli) in der Fachzeitschrift "PlosOne" (doi: 10.1371/journal.pone.0271066) über ihre Ergebnisse an Versuchstieren zur Verträglichkeit von rekombinantem ACE2. "Nachdem wir in vitro (im Labor, Anm.) die Neutralisierung von SARS-CoV-2 durch APN01 (rekombinantes humanes ACE2 von Apeiron) gezeigt hatten und nachdem vorläufige Hinweise auf seine Verträglichkeit und auf eine präventive Wirkung in einem Maus-Modell gesammelt hatten, gingen wir an die Entwicklung einer Formulierung als (inhalierbares; Anm.) Aerosol", schrieben die Wissenschafter. Penninger hat vor Jahren das Wiener Biotech-Unternehmen Apeiron mitbegründet, das aus diese Substanz entwickelt.
ACE2 soll schwere Corona-Verläufe verhindern
Der Hintergrund: ACE2 soll
schwerste Krankheitsverläufe von Covid-19 verhindern. In einer
klinischen Studie der Phase II von Ende April bis Ende Dezember 2020 und
der Infusion von ACE2 bei 178 Covid-19 Patienten mit schneller
Verschlechterung ihres Zustandsbildes (etwa die Hälfte erhielt ein
Placebo) konnte bezüglich der Gesamtmortalität und der Notwendigkeit
mechanischer Beatmung in einem Zeitraum von 28 Tagen ein Trend zu einem
besseren Abschneiden der mit ACE2 Behandelten gezeigt werden. Vor allem
wegen der relativ geringen Anzahl von Probanden erreichte das Ergebnis
aber keine statistische Signifikanz (www.technologynetworks.com).
Signifikant hingegen war die Verringerung der Tage, an denen die Kranken
maschinell beatmet werden mussten. Von einer weiteren Phase-2-Studie
mit der intravenösen Gabe von ACE2 gegen Covid-19 in den USA mit rund
1.600 Probanden gibt es bisher noch keine Ergebnisse.
Anwendung von ACE2 über Atemwege eventuell Alternative
Vor allem
zur Verhinderung der bei schweren Krankheitsverläufen oft fatalen
Lungenschäden durch Covid-19 ist hingegen eine Anwendung von ACE2 über
die Atemwege (Inhalation) eventuell eine Alternative. Der Wirkstoff wäre
sofort und ohne Umwege lokal in der Lunge verfügbar. Die Konzentration
des gentechnisch hergestellten ACE2 dürfte dann am Wirkort auch größer
sein. Genau darauf zielt die Entwicklung des Aerosols ab. In der nun in
PlosOne publizierten Studie wurde es gesunden Hunden zweimal täglich
über einen Zeitraum von zwei Wochen verabreicht. Wie die Wissenschafter
berichten, gab es keine Anzeichen für Toxizität.
Studie an der MedUni Wien zu
ACE2
Am 19. Oktober
vergangenen Jahres startete an der MedUni Wien bereits eine Studie der
Phase I mit dem Aerosol in verschiedenen Dosierungen an 40 gesunden
Probanden (Placebo-kontrolliert). Wie bei allen Phase-I-Studien geht es
speziell um die Sicherheit und Verträglichkeit. Geplant war der
Abschluss der wissenschaftlichen Untersuchung mit Studienleiter Markus
Zeitlinger (Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie) für Juni
dieses Jahres, wie dem US-Studienregister zu entnehmen ist. "Vorläufige
Daten aus aktuellen Studien zur Inhalation von ACE2-basierten
Therapeutika zeigen eine hohe Wirksamkeit in präklinischen
SARS-CoV-2-Modellen", sagte Zeitlinger anlässlich des Starts dieser
Untersuchung. "Insbesondere könnte APN01 auch gegen Infektionen mit
Varianten von SARS-CoV-2 geeignet sein." In einer nachfolgenden
Phase-II-Untersuchung soll das potenzielle Behandlungsprinzip dann an
Covid-19-Patienten erprobt werden.
ACE2-Konzentration steigt bei schweren Corona-Erkrankungen an
Wissenschaftler der MedUni Wien haben bereits Anfang 2021 gezeigt, dass im Rahmen schwerer Covid-19-Erkrankungen die ACE2-Konzentration im Blut stark ansteigt. Das erfolgt aber möglicherweise zu langsam, um als Gegenregulation den Krankheitsverlauf zu dämpfen. Laut Manfred Hecking und Roman Reindl-Schwaighofer von der Klinischen Abteilung für Nephrologie und Dialyse der MedUni Wien könnte eine frühzeitige Verabreichung von hohen Dosen an ACE2 vor allem deshalb sinnvoll sein, da der Körper einige Zeit braucht, bis das ACE2 erhöht wird.