Die Häufigkeit schwerer Essstörungen hat sich laut einer Studie während der Corona-Pandemie um fast die Hälfte erhöht. In Österreich sind davon häufig Jugendliche betroffen.
In Österreich litten noch vor einigen Jahren rund 7.500 Jugendliche - 95 Prozent Mädchen - allein an der Essstörung Anorexia nervosa. International stehen die Zeichen mit der derzeit auf Sturm. Laut einer kanadischen Übersichtsarbeit mit 53 berücksichtigten Studien hat sich die Häufigkeit von schweren Essstörungen während der Pandemie um fast die Hälfte erhöht, warnten jetzt auch deutsche Experten.
Erst nach und nach stellten sich jetzt die Folgen der Pandemie auf die psychische Gesundheit heraus, hieß es am Montag in einer Aussendung anlässlich des Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin: "Schon jetzt konsistent und in verschiedenen Studien und Erhebungen nachgewiesen, zeigt sich, dass Jugendliche und junge Menschen psychisch stärker belastet waren als ältere, und Frauen mehr als Männer - beispielsweise stiegen die Krankenhauseinweisungen wegen Essstörungen in den Corona-Zeiten um 48 Prozent."
Zunahme von Aufnahmen im Krankenhaus wegen Essstörungen
Die Daten dazu stammen aus einer Übersichtsarbeit von Danel Devoe, Die kanadischen Wissenschafter hatten die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Thema zwischen November 2019 und Oktober 2021 systematisch durchforstet. Insgesamt konnten sie zum Thema der Häufigkeit der Essstörungen (z.B. Anorexia nervosa, Bulimie, Binge Eating) die Daten von 53 Studien mit 36.485 Betroffenen analysieren.
"Die gepoolten Informationen zur den Krankenhausaufnahmen über alle Studien hinweg zeigten einen Anstieg um 48 Prozent während der Pandemie im Vergleich zur Zeit vor Covid-19 mit verschiedenen Zeitmesspunkten", schrieben die Wissenschafter. Das sei in 19 wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden, ein Anstieg von Angstzuständen in neun Untersuchungen und mehr Fälle von Depressionen in acht Studien. Die Zunahmen seien aber auch abhängig von der Diagnosestellung und von ihrem Zeitpunkt. So hätten auch die Lockdowns eine Rolle gespielt. Anorexia nervosa ist zu 80 Prozent heilbar. Es gibt aber auch eine Mortalität von jährlich 0,5 Prozent.
Pandemie belastet junge Menschen stärker
"Grundsätzlich rufen belastende Ereignisse
wie Angst vor Ansteckung und Tod, finanzielle Sorgen, soziale Isolation
und Überforderung, zum Beispiel durch Parallelität von Beruf und
Kinderbetreuung während der Schulschließungen, psychische Reaktionen
hervor - das ist zunächst einmal normal und kein Zeichen einer
psychischen Störung", sagte dazu Stephan Herpertz, Präsident des
Deutsches Kollegiums für Psychosomatische Medizin und Direktor der
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des
Universitätsklinikums Bochum. "So mehren sich aktuell die Hinweise, dass
die Dynamik der psychischen Reaktionen unmittelbar dem
infektionsepidemiologischen Geschehen zu folgen scheint - also mit
abnehmenden Fallzahlen auch die psychischen Belastungen zurückgehen."
Relativ konsistent zeige sich über verschiedene Studien und Erhebungen hinweg, dass junge Menschen in der Pandemie psychisch stärker belastet waren. "So haben sich beispielsweise mehr junge Menschen und mehr Frauen als Männer während der Lockdowns einsam gefühlt", sagte Hans-Christoph Friederich, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Allerdings: Einsamkeit sei bereits vor der Pandemie ein weit verbreitetes, aber kaum adressiertes Phänomen gewesen, dessen gesundheitliche Folgen noch viel zu wenig bekannt und beachtet seien.
Studie zeigt auch Verschlechterung bereits bestehender Essstörungen
In der kanadischen Studie
hätte sich sowohl ein Anstieg von Angstzuständen und Depressionen als
auch eine Verschlechterung bereits bestehender Essstörungen gezeigt,
stellten die deutschen Experten fest. "Ausschlaggebend war dabei vor
allem die Trias aus Verlust der Tagesstruktur, Rückgang sozialer
Beziehungen und der häufig kompensatorisch gesteigerte Konsum von
digitalen Medien", erklärte Herpertz.
Wichtig für die Aufarbeitung
und den Umgang mit den psychischen Folgen der Pandemie sei momentan vor
allem zu eruieren, welche psychischen Belastungen oder Erkrankungen
eine Tendenz zur Chronifizierung hätten und wie man das am besten
verhindern könne. "Außerdem hat die Pandemie noch einmal ein Schlaglicht
auf bereits lange bestehende Problematiken geworfen: Die
Unterversorgung und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz etwa, aber
auch kaum beachtete, jedoch sehr relevante gesamtgesellschaftliche
Probleme wie Einsamkeit, die auf gesellschaftlicher, kommunaler und
individueller Ebene besser angesprochen und auch in der
Gesundheitsversorgung erfasst werden müssen", so Friederich.