Nur unter gewissen Bedingungen will Bundeskanzler Karl Nehammer dem EU-Beitrittskandidatenstatus der Ukrainezustimmen. Er verlangt dabei unter anderem die Gleichbehandlung Bosniens.
"Wir müssen sicherstellen, dass dieselben Maßstäbe angewandt werden wie auch bei anderen Beitrittswerbern aus dem Westbalkan. Vor diesem Hintergrund wäre es für mich etwa nicht vorstellbar, der Ukraine einen Kandidatenstatus zu gewähren und zugleich Länder wie Bosnien-Herzegowina weiterhin außen vor zu halten", sagte Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) zur deutschen Zeitung "Welt".
Nehammer stellt Bedingungen für
EU-Kandidatenstatus der Ukraine
Bosnien-Herzegowina hatte bereits Anfang 2016 einen Beitrittsantrag gestellt und gilt seit Jahren lediglich als "potenzieller Beitrittskandidat". Am Freitag wird eine Empfehlung der EU-Kommission, der Ukraine den Kandidatenstatus zu gewähren, erwartet. Die Entscheidung der Staats- und Regierungschef muss einstimmig gefällt werden.
"Was einen möglichen EU-Kandidatenstatus anbelangt, so möchte ich festhalten, dass es klare und etablierte Kriterien gibt, die ohne Wenn und Aber einzuhalten sind. Es darf keine Doppelstandards oder gar Beitrittswerber erster und zweiter Klasse geben", betonte Nehammer. Es müsse sichergestellt sein, dass die EU im Fall der Ukraine "dieselben Maßstäbe" anwende wie auch bei anderen Beitrittsbewerbern aus dem Westbalkan.
"In Ukraine keine falschen Erwartungen wecken"
Angesichts der von Kiew möglichst schnell geforderten
Beitrittsverhandlungen sagte der Kanzler: "Wir dürfen auch in der
Ukraine keine falschen Erwartungen wecken, denn das
Erweiterungsverfahren ist komplex und langwierig. Wir sollten daher
dringend über Zwischenschritte im Beitrittsprozess nachdenken,
beispielsweise im Sinne eines Europäischen Vorbereitungsraums." Dieser
Vorbereitungsraum solle kein Ersatz zum Beitrittsprozess sein, sondern
parallel dazu verlaufen und eine Annäherung an EU-Standards erleichtern,
so Nehammer.
Dennoch sei es unbestritten, dass die Ukraine "Teil der europäischen Familie" ist, erklärte der Bundeskanzler. "Österreich unterstützt daher als militärisch neutrales Land die Ukraine so gut wie möglich gegen den russischen Angriffskrieg sowie alle Bemühungen zu einer Beendigung der Kriegshandlungen."
Edtstadler: Keine Abkürzungen auf Weg in die EU
In dieselbe Kerbe wie der
Bundeskanzler schlug Europaministerin Karoline Edtstadler (ÖVP)
gegenüber der "Kleinen Zeitung". "Es ist unbestritten, dass die Ukraine
ein europäisches Land ist und unsere Werte verteidigt. Aber es gibt
keine Abkürzungen auf dem Weg in die EU. Es darf auch nicht zwei Klassen
von Beitrittswerbern geben", sagte Edtstadler. Sie verwies zudem auf
Albanien, Nordmazedonien und den Kosovo, die auf den nächsten Schritt im
Erweiterungsprozess warten würden. "Bosnien wartet immer noch auf einen
Kandidatenstatus und wird womöglich von der Ukraine überholt. Wir
dürfen nicht mit zweierlei Maß messen", erklärte die Europaministerin.
Ob
Moldau oder Georgien den Status als EU-Beitrittskandidaten bekommen
sollten, hänge davon ab, "ob sie die Bedingungen erfüllen. Allerdings
gibt es auch ein weiteres Fragezeichen, und das ist die zeitliche
Komponente. Das ist bei jedem Beitrittswerber so. Das stimmt, es gibt
keine Abkürzungen. Da sind die Verträge klar. Ich bin ein großer Fan der
europäischen Integration, es darf keine unterschiedliche Behandlung
geben", so Edtstadler.