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Experte sieht mehr Schaden für Ex-ORF-Chef Weißmann

Heute, 13:43

Die Ereignisse, die zum Rücktritt von ORF-Chef Weißmann führten, schaden laut Kommunikationswissenschaftler Josef Trappel eher der Reputation des Generaldirektors als dem ORF. Laut Trappel gibt es derzeit kaum Spielraum für Reformen des ORF, da der bevorstehende ESC, die Aufarbeitung der aktuellen Ereignisse und die anstehende Direktorenbestellung wenig Raum dafür lassen.

"Was ein Medienunternehmen von anderen Unternehmen unterscheidet, ist der Umstand, dass nicht die Unternehmensleitung in der Öffentlichkeit steht, sondern die Journalistinnen und Journalisten. Das Publikum kann gut zwischen der Person und der Institution unterscheiden", so Trappel. Trappel sieht kein großes Problem in der Unternehmenskultur des ORF. Die Sendeanstalt habe 2024 einen neuen Ethikkodex eingeführt und sei auf solche Fälle gut vorbereitet. Ein detailliertes Beschwerdesystem sei vorhanden. Der aktuelle Fall werde gemäß interner Regeln behandelt.

Trappel sieht auf ORF-Chefin Thurnher eine Menge zukommen

An der Erarbeitung des neuen Ethikkodexes sei Ingrid Thurnher - sie ist vom Stiftungsrat als Interims-Generaldirektorin vorgesehen - selbst "maßgeblich beteiligt" gewesen. Für das Aufsetzen eines "geordneten Verfahrens im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Generaldirektors" sei sie also entsprechend "gut vorbereitet", so Trappel. Wird Thurnher wie vorgesehen am Donnerstag im Stiftungsrat mit der (vorläufigen) ORF-Direktion bis Ende des Jahres betraut, komme jedenfalls viel auf sie zu: Neben der Abwicklung des Tagesgeschäfts steht die Abwicklung des Eurovision Song Contests (ESC) in Wien im Mai an. Hier stehe der ORF international zusätzlich in der Auslage, was die Anforderungen zusätzlich erweitere. Zumindest: "Um die Ausschreibung und die Bestellung des neuen Generaldirektors oder der neuen Generaldirektorin kümmert sich der Stiftungsrat" und nicht die Interims-Generaldirektorin, betonte Trappel.

Schlechte Zeiten für echte ORF-Reformen

Einer tiefer gehenden Reform des ORF, wie sie von mehreren Seiten immer wieder gefordert wird, seien die aktuellen Ereignisse insgesamt nicht zuträglich. Der Zeitpunkt des Weißmann-Rücktritts "eröffnet wenig Chance für eine Reform des ORF. Eher ist damit zu rechnen, dass die Herausforderungen des Tagesgeschäfts und die Neubesetzung viele Kapazitäten binden, die sonst in Reformbemühungen hätten fließen können". In Bezug auf die - ebenfalls oft in den Raum gestellte - "Entpolitisierung des ORF" müsse laut dem Kommunikationswissenschafter im Stiftungsrat angesetzt werden, "nicht bei der Position der Unternehmensleitung".

In Bezug auf letztere hatten am Montag bereits Medienminister Andreas Babler und Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (beide SPÖ) das Ansinnen geäußert, dass es Zeit für eine Frau an der Spitze wäre. Trappel: "Nichts spricht dagegen, qualifizierte Frauen auf die Shortlist zu nehmen. Angesichts der zurückliegenden, männlich geprägten 20 Jahre wäre es in der Tat an der Zeit für eine Frau. An erster Stelle sollte nach meiner Meinung aber die Qualifikation stehen, nicht das Geschlecht." Vorstellbar sei auch, dass die Wahl dieses Mal auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten fällt, der von außerhalb des ORF kommt. Immerhin habe sich die Medien- und Kommunikationswelt "weitergedreht und fachliche Expertise für die Führung eines großen Medienhauses ist auch außerhalb des ORF entstanden".

(APA/Red)

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