Nachdem die ÖVP-nahe Lehrervertretung bereits Widerstand geleistet hat, formiert sich nun auch Widerstand aus Kultur und Wissenschaft gegen den Vorschlag von Bildungsminister Wiederkehr, den Unterricht zur KI in der AHS-Oberstufe auszuweiten und dafür die Unterrichtsstunden in Latein oder der zweiten lebenden Fremdsprache zu kürzen.
In einer Petition, die unter anderem von der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek unterstützt wird, wird vor einem "grundsätzlichen Angriff auf die geistige Substanz unseres Bildungssystems" gewarnt. "Wer Latein marginalisiert, schwächt bewusst jene Fähigkeiten, die eine demokratische Gesellschaft dringend braucht: strukturiertes Denken, sprachliche Präzision, historische Urteilskraft", so der Aufruf, dem sich neben den beiden Nobelpreisträgern Peter Handke, Anton Zeilinger und Alt-Bundespräsident Heinz Fischer Dutzende weitere prominente Namen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft finden.
Petition gegen Kürzung bei Lateinstunden: Bildung nicht auf Verwertbarkeit reduzieren
Die Ankündigung des Bildungsministers, an den Gymnasien den Lateinunterricht über alle vier Oberstufenjahre hinweg von zwölf auf acht Stunden zu reduzieren, ist für die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Aufrufs zur Petition "pädagogisch unhaltbar und fachlich unredlich". In dieser Zeit könne man "das lateinische Denken" nicht vermitteln.
Für sie sei das Erlernen der alten Sprachen, auf deren Denken und Logik unsere ganze Zivilisation aufbaue, Basis für das spätere Leben, wird Jelinek zitiert. "Wenn man in der Schule das alles einfach einstellt, dann fallen wir vielleicht nicht gerade ins Bodenlose, aber auf einen sehr harten Boden, der uns das Kreuz brechen könnte." Denken werde so zu Gedankenlosigkeit. Bildung dürfe nicht auf bloße Verwertbarkeit reduziert werden, wird im Petitionstext gewarnt. Latein müsse uneingeschränkt als vollwertiges Unterrichtsfach erhalten bleiben und außerdem die Literatur in Lehrplänen und Sprachunterricht wieder ausgebaut werden, so die Forderungen der Petition.
Wiederkehr lud Initiative zu Dialog ein
Der Bildungsminister reagierte auf die Petition am Mittwoch mit einer Einladung der Initiatoren Nina Hoppe und Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) zu "einem offenen Dialog". "Denn genau das ist für mich gelebter Humanismus", so Wiederkehr laut Stellungnahme. Erneut verteidigte er die angekündigten Kürzungen bei Latein bzw. der zweiten lebenden Fremdsprache zugunsten von mehr Beschäftigung mit Themen wie KI, Medien und Demokratiebildung als gezielte Reaktion auf die tiefgreifenden gesellschaftlichen und digitalen Veränderungen unserer Zeit. "Der geäußerte Kritikpunkt - die Schwächung der Literatur - dürfte ein Missverständnis sein", meinte Wiederkehr, denn Deutschunterricht werde künftig verstärkt auf Gegenwartsliteratur setzen, auch klassische Sprachen und Literatur weiterhin wichtiger Teil des Fächerkanons bleiben, versicherte er. Die Initiatoren haben für das kommende Woche geplante Gespräch bereits zugesagt.
Von der Änderung direkt betroffen sind laut Bildungsressort geschätzte 20 Prozent der rund 360 AHS-Standorte, die keine autonomen Stundentafeln nutzen. Grundsätzlich hat laut Ministerium jedes Gymnasium weiter die Möglichkeit, mit drei bis vier Unterrichtsstunden pro Jahrgang eigene Schwerpunkte zu setzen und so etwa weiterhin mehr Lateinstunden anzubieten.
Bildungsminister Wiederkehr sieht breiten Wunsch nach "Entrümpelung"
Bildungsminister Wiederkehr hatte sich schon bei der Ankündigung seines "Plan Z" für einen umfangreichen Umbau des Bildungssystems Ende 2025 auf intensive Diskussionen zum Thema Lehrpläne und (Allgemein-)Bildung versus Ausbildung eingestellt. Man müsse die Schülerinnen und Schüler fit für die Zukunft machen, könne sie aber nicht mit immer mehr Inhalten überfordern. Er habe hier eine "Schutzfunktion", erklärte Wiederkehr am Dienstag bei einer Pressekonferenz.
In einer Umfrage mit 45.000 Befragten, die im Jänner noch vor Bekanntwerden der Latein-Pläne durchgeführt wurde, haben sich 83 Prozent der Schüler und 74 Prozent der Eltern dafür ausgesprochen, durch Kürzungen bei bestehenden Lehrinhalten Platz für neue Unterrichtsthemen zu schaffen. Auch unter den Lehrkräften war die Zustimmung mit 71 Prozent hoch, auch wenn es laut Meinungsforscher Peter Hajek gerade unter den AHS-Oberstufenlehrkräften vergleichsweise viele Stimmen für ein Aufstocken der Stunden gibt.