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Imam schlägt Alarm: "Wäre ich selbst kein Muslim, hätte ich Angst vor dem Islam"

30-01-2026, 07:46

Gefängnisse und soziale Medien wie TikTok gelten als zentrale Schauplätze für Radikalisierung in Österreich. Der Imam und Religionspädagoge Ramazan Demir warnt vor salafistischer Propaganda und fordert stärkere Prävention – vor allem in den Justizanstalten und im digitalen Raum.

Die Bundesregierung hat sich unter anderem den Kampf gegen den "politischen Islam" und islamistischen Terrorismus auf die Fahne geheftet. Dabei sollte sie genauer in die Gefängnisse blicken, diese seien "Brutstätte" für Radikalisierung, schildert der Imam und ehemalige Gefängnisseelsorger Ramazan Demir im Gespräch mit der APA. Er selbst tritt als "derimamramazan" auf TikTok gegen Hassprediger auf. Deshalb wird er vermehrt selbst zur Zielscheibe für Neo-Salafisten.

Dass Hassprediger auf TikTok rekrutieren und Jugendlichen und zum Teil auch Kindern ihre Ideologie weitergeben, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Für Demir ist diese Entwicklung auch zum Teil auf ein Versäumnis von moderaten Muslimen zurückzuführen. "Wir haben Social Media übersehen". Was dazu kommt: Viele Imame in Österreich hielten Predigten auf Türkisch oder Arabisch, die radikalen Online-Prediger hingegen in deutscher Jugendsprache.

Imam geht auf TikTok gegen Hassprediger vor

Seit rund acht Monaten ist auch Demir auf TikTok. Der Fortbildungsleiter am Institut für Islamische Religion der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) Wien/Niederösterreich und Religionslehrer versucht ehrenamtlich, die Thesen salafistischer Prediger wie "Musik ist haram (nach Islam verboten, Anm.)" oder "Demokratie ist haram" theologisch fundiert zu entkräften. "Damit bin ich aber eine Randerscheinung. Auf Social Media ist der Mainstream salafistisch", betont Demir. Sein Content scheint anzukommen, hat er doch mittlerweile über 10.000 Follower. Außerdem hat Demir sich weitere Imame ins Boot geholt, die künftig wie er ehrenamtlich Content produzieren wollen.

Das kommt bei den Accounts, denen sich Demir widmet, nicht gut an. Reichweitenstarke Prediger haben zuletzt seine Videos aufgegriffen und ihn als Kafir (Ungläubigen, Anm.) bezeichnet, als Mitarbeiter des Geheimdienstes dargestellt oder gleich zum Freiwild erklärt. Immer wieder bekommt er auch Nachrichten und Kommentare mit Drohungen. Dem Verfassungsschutz hat Demir die Nachrichten mittlerweile gemeldet. Von der Direktion Staatsschutz Nachrichtendienst hieß es auf APA-Anfrage nur, der Fall werde bearbeitet.

Zwar gibt es Ausnahmen wie Marcel Krass - ein ehemaliger Hassprediger, der später zurückruderte und seine eigenen Aussagen verurteilte -, die meisten bleiben jedoch dabei. Wenn man diese Prediger als Stellvertreter des Islams betrachte, versteht Demir Vorurteile: "Wäre ich selbst kein Muslim, hätte ich Angst vor dem Islam", sagt er mit Blick auf TikTok.

Gefängnisse als "Brutort" für Neo-Salafismus

Bei der Prävention müsse man sich insbesondere der Gefängnisse annehmen, seien diese doch "Brutstätten" neo-salafistischer Ideologie. Zwar sollten Gefährder in den Anstalten keinen Kontakt zueinander haben, die Praxis sieht aber wohl anders aus. In der Justzianstalt Josefstadt dürfte ein 15-Jähriger, der einen Anschlag auf den Wiener Westbahnhof plante, "Rufkontakt" mit Beran A. gehabt haben, jenem mutmaßlichen Islamisten, der im August 2024 einen Terror-Anschlag auf ein Konzert der US-Sängerin Taylor Swift im Ernst-Happel-Stadion geplant haben soll.

"In Haft gewinnt Religion an Stellenwert, nicht nur bei den Muslimen", sagt Mehmet Selimhan Celebi, Leiter der Islamischen Gefängnisseelsorge, zur APA. Radikale Islamisten würden besonders im Gefängnis missionieren, zum Teil unreligiöse Insassen zum Salafismus konvertieren. Hier komme die Gefängnisseelsorge ins Spiel, die anders als etwa DERAD der Schweigepflicht unterliegt. Viele Insassen seien "religiöse Analphabeten" und daher anfällig für radikale Auslegungen. "Eine gute religiöse Grundausbildung ist die beste Medizin gegen Radikalisierung", betont Celebi.

Die islamische Seelsorge erhalte seit letztem Jahr erstmals 50.000 Euro jährlich für die rund 2.700 inhaftierten Muslime in allen Justizanstalten des Landes, im Jahr davor sei es nicht einmal die Hälfte gewesen, klagt Celebi. "Das ermöglicht gerade mal eine Notfallversorgung." Den Seelsorgern - Imame und Religionslehrer mit psychotherapeutischer Ausbildung - zahle man ein kleines Honorar aus, der Rest gehe für Einkäufe von Gebetsmaterialien oder Fahrtkosten drauf. Er erwartet sich ob des Budgetdefizits keine baldige Verbesserung.

Regierung will Social-Media- und Kopftuchverbot

Ein Plan der Bundesregierung ist es, ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige durchzusetzen. Das sei ein wichtiger Vorstoß, so Demir. Beim Löschen von extremistischen Inhalten brauche es zudem schnellstmöglich eine "europäische Lösung". Nicht begeistert ist er hingegen vom Kinder-Kopftuchverbot an Schulen, das ab Herbst gilt. "Das gibt den Extremisten Futter", befürchtet Demir. Neo-Salafisten arbeiten schon jetzt mit einer starken Trennung zwischen "Wir" und "Sie" und pflanzen jungen Muslimen ein, dass sie in Österreich unerwünscht sind. Das könnte sich durch das Verbot noch verstärken. Dem Argument, dass Mädchen unter 14 noch nicht alt genug seien, um selbst zu entscheiden, kann er nichts abgewinnen: "Was ist mit jüdischen Buben, die eine Kippa tragen?"

(APA/Red)

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