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Expertin warnt: Österreichs Gefängnisse sind überlastet

Gestern, 14:38

Der Tod eines Häftlings in Hirtenberg rückt die angespannte Lage im österreichischen Strafvollzug in den Fokus. Expertin Monika Stempkowski kritisiert Überbelegung, Personalmangel und mangelnde psychiatrische Versorgung in den Gefängnissen – mit teils dramatischen Folgen.

Der Fall rund um den Tod eines Häftlings der niederösterreichischen Justizanstalt (JA) Hirtenberg hat erneut Fragen zur Situation des Strafvollzugs in Österreich ausgelöst. Die Kapazitäten dort hätten seit langem ihr Limit erreicht, sagte dazu die Juristin und Rechtspsychologin Monika Stempkowski vom Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Wien der APA. Die Gefängnisse seien mit "zu vielen Menschen für zu wenig Raum für zu wenig gute Versorgung" konfrontiert.

Überbelegung und Personalmangel als Dauerproblem

"Es herrscht extremer Überbelag in den Justizanstalten", schilderte Stempkowski, die an ihrem Institut die Abteilung für Kriminologie leitet. Sie nannte in diesem Zusammenhang die aktuellen Belagszahlen. "Vor kurzem wurde zum ersten Mal die Marke von 10.000 Häftlingen im österreichischen Strafvollzug überschritten." Derzeit stehe man bei einem Überstand von 108 Prozent. Verschärft werde die Situation durch akuten Personalmangel, "was erst recht zu noch höheren Einschlusszeiten führt oder wodurch Werkstätten nicht geöffnet werden können".

Psychisch Erkrankte als Herausforderung

Ihr zufolge steigt die Anzahl der Häftlinge, die "bereits mit psychiatrischen Erkrankungen ins System kommen" immer mehr an - sowohl im Maßnahmen- als auch im Regelvollzug. Gerade jene Gruppe bringe "für Bedienstete, die per se keine Ausbildung dafür haben" Schwierigkeiten im Umgang mit sich, während es ein grundsätzliches Defizit in den Gefängnissen bei psychiatrischer Versorgung gebe.

"Die Frage ist schon, ob Justizwachebeamte im Rahmen ihres jeweiligen Aufgabenspektrums ausreichend darauf vorbereitet sind, mit solchen Personen umzugehen?" Der Job eines Justizwachebeamten sei aber immer auch mit "Beziehungsarbeit verbunden".

Innerhalb des Personals gebe es hier "eine sehr große Bandbreite beim Selbst- und Rollenverständnis", erklärte die Expertin: "Von einem Extrem des Beamten, der rein diese Tür-zu-Funktion wahrnimmt, bis hin zu Personen, die sehr intensiv diese Beziehungskomponente in den Vordergrund stellen." Gerade das soziale Zusammenspiel zwischen Häftling und Beamten sei entscheidend für das Klima in der Anstalt, wie die internationale Forschung im Bereich Strafvollzug belege.

Entlastung durch Fußfessel und Nachbetreuung als Vorschläge

Sie verwies zudem auf Initiativen des Netzwerk Kriminalpolitik zur Entlastung der Haftanstalten. Die interdisziplinäre Fachgruppe hatte Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) Mitte Jänner eine automatische bedingte Entlassung nach der Hälfte bei Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr mit begleitender Nachbetreuung durch den Verein Neustart sowie eine verstärkte Forcierung von Fußfesseln bei Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr vorgeschlagen.

Die Staatsanwaltschaft Eisenstadt ermittelt derzeit gegen zwölf Justizwachebeamte. Der "Falter" veröffentlichte am Dienstag neue Details zu dem Fall, wonach der psychisch Kranke vergangenen Dezember misshandelt worden sein soll. Der Mann starb an den Folgen von Verletzungen, zu denen es im Rahmen eines Häftlingstransports gekommen sein dürfte.

(APA/Red)

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