Er zählt zu den renommiertesten österreichischen Gegenwartsautoren, seine Auszeichnungen sind kaum überschaubar, in den Bestsellerlisten landen seine Bücher jedoch selten. Am 4. Jänner feiert der Wiener Schriftsteller Thomas Stangl seinen 60. Geburtstag.
1966 in Wien geboren, studierte Stangl Philosophie und Hispanistik. Sein erster Roman "Der einzige Ort" brachte ihm 2004 den aspekte-Preis für das beste deutschsprachige Debüt ein. In den Folgejahren erhielt er u.a. den Literaturpreis der deutschen Wirtschaft (2007), den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007), den Alpha-Literaturpreis (2010), den Erich-Fried-Preis (2011), den Wortmeldungen-Literaturpreis und den Schillerpreis (beide 2019), den Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis der Stadt Stuttgart (2020), den Österreichischen Kunstpreis (2022) und den Bremer Literaturpreis (2023).
"Aufs Schreiben konzentrieren"
"Ich konnte in den letzten Jahren vom Schreiben leben, was aber nicht heißt, dass ich allein von den Buchverkäufen leben hätte können. Ohne Dinge wie Stipendien und Preise würden die meisten Bücher nicht entstehen können", sagte Stangl 2013 im Gespräch mit der APA. Er wolle sich "aufs Schreiben konzentrieren" und nicht Marktmechanismen oder Moden mitberücksichtigen müssen.
Dieses Schreiben hat ein breites Œuvre hervorgebracht. Sein Erstling "Der einzige Ort" wurde als eine "unbändige, ausufernde Auseinandersetzung mit dem Mythos Timbuktu und den Bildern, die Europäer und Afrikaner über afrikanische Verhältnisse entwickeln", gelobt. Es folgten die Romane "Ihre Musik" (2006) und "Was kommt" (2009), mit dem er es auf die deutsche Buchpreis-Longlist schaffte, sowie ein Band mit Essays und Erzählungen ("Reisen und Gespenster", 2012).
Die Macht der Sprache und die Sprache der Macht
Der Roman "Regeln des Tanzes" (2013) spielte vor dem Hintergrund der Schwarz-blauen Wende. Er habe seiner Romanfigur, die an den Anti-Regierungsdemonstrationen teilnimmt, "einiges von meinen damaligen Wahrnehmungen geliehen", schilderte Stangl, dem es mit dem erneut für den Deutschen Buchpreis nominierten Buch gelang, konkrete politische Vorgänge in ein kunstvolles und feinnervigen Erzählgewebe einzuflechten.
Sein fünfter Roman "Fremde Verwandtschaften" (2018) führte einen Architekten zu einem Kongress nach Westafrika und warf in einem Wechselspiel von Gedanken und Stimmen komplexe Fragen auf. In dem für den Österreichischen Buchpreis nominierten Roman "Quecksilberlicht" (2022) stelle der Autor "die eigene Familiengeschichte vor den Horizont der Gewaltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts" und spiegle "das eigene Erzählen im Leben der Brontë-Schwestern und ihres Bruders", hieß es in der Jurybegründung für den Bremer Literaturpreis. "Mit nicht nachlassender Sprach- und Imaginationskraft stellt Stangl die Frage nach der Macht der Sprache und der Sprache der Macht."
"Diverse Wunder" und ein Opernlibretto
2023 erschien das bisher letzte Buch von Thomas Stangl: "Diverse Wunder. Ein paar Handvoll sehr kurzer Geschichten". "Stangl, sonst ein Meister auf Romanlänge, unternimmt Kurztrips auf die dem Alltagsverstand abgewandte Seite der Welt und träumt mit offenen Augen von einem radikal anderen Schreiben", hieß es darüber in der "Welt am Sonntag", und Ö1 ortete "eine wahre Wundertüte an literaturakrobatischen Kunststücken".
Stangls Debüt als Librettist, das er im März 2025 im Opernhaus Zürich mit der Uraufführung der Choroper "Das große Feuer" von Beat Furrer gab, fügt sich nahtlos in sein Schaffen ein: Basierend auf dem 1971 veröffentlichten Roman "Eisejuaz" der Argentinierin Sara Gallardo schildert er darin die Zerstörung des Lebensraums eines indigenen Volksstamms in Südamerika durch Kolonialisierung und Missionierung.