In seinem neuen Blockbuster "Oppenheimer" widmet sich Christopher Nolan der tragischen Figur des "Vaters der Atombombe", J. Robert Oppenheimer.
Im Zweiten Weltkrieg entwickelten die USA die Atombombe, was schließlich zur Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki führen sollte. Die wissenschaftliche Leitung über das "Manhattan-Projekt" hatte J. Robert Oppenheimer inne. Dieser enigmatischen wie tragischen Figur widmet Kultregisseur Christopher Nolan einen opulenten Blockbuster, der in jeder Hinsicht überwältigend ist. Ab Donnerstag läuft im Kino.
"Oppenheimer": Christopher Nolans neuer opulenter Blockbuster
Seit mehr als 20 Jahren liefert der britisch-amerikanische Filmemacher in regelmäßigen Abständen jene Werke, die Kritiker wie Publikum gleichermaßen abholen. Der Verfechter analoger Verfahren scheut dabei keine Mühen, um Bilder zu erzeugen, die geradezu nach der großen Leinwand verlangen - sei es im Science-Fiction-Epos "Interstellar", das mit Schwarzen Löchern und mehreren Zeitebenen begeisterte, oder seiner "Dark Knight"-Trilogie, mit der Nolan neue Maßstäbe im Superheldenkino setzte. Doch so aufwendig sein gestalterischer Zugang auch sein mag, ist und bleibt er letztlich ein Geschichtenerzähler.
Nolan kann bei Oppenheimers Charakter aus den Vollen schöpfen
Und mit
Oppenheimer hat Nolan einen Charakter gefunden, bei dem er aus dem
Vollen schöpfen kann: Der US-Wissenschafter (1904-1967) gilt als "Vater
der Atombombe", die er Anfang der 1940er-Jahre im Rahmen eines streng
geheimen Projekts mit einer Heerschar an Kolleginnen und Kollegen
entwickelte. Gleichzeitig war Oppenheimer bereits vor diesem Auftrag
eine umstrittene Figur, da der theoretische Physiker deutsch-jüdischer
Abstammung etliche Beziehungen zu kommunistischen Kreisen unterhielt -
selbst aber nie Teil der kommunistischen Partei war. Dennoch wurde ihm
nach dem Zweiten Weltkrieg in der McCarthy-Ära daraus ein Strick
gedreht, was schließlich zum Entzug seiner Sicherheitsberechtigung
führte - ein herber Schlag für den in viele Regierungsprojekte
involvierten Wissenschafter.
Entwicklung der Atombombe und in Ungnade fallen
Diese beiden Stränge, die Entwicklung
der Atombombe sowie das sukzessive Fallen in Ungnade, verbindet Nolan
zu einer dreistündigen Tour de Force, die man sich als Zuseher erst
erarbeiten muss. Der irische Darsteller Cillian Murphy, bei Nolan bisher
eher für zwielichtige Nebenrollen gebucht, verleiht dem dünnen,
hochgewachsenen und kettenrauchenden Oppenheimer eine erhabene Aura,
ohne die Getriebenheit dieses von vielen als genial betrachteten
Wissenschafters zu vernachlässigen. Zunächst wird man hineingeworfen in
die Studienzeit des ehrgeizigen Mannes, die ihn von den USA über
Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz bis nach Deutschland
führen sollte. Oft blickt man dabei in die strahlenden Augen Murphys, in
sein auf den Horizont gerichtet Gesicht, während in schnell
geschnittenen Sequenzen bereits Funken sprühen und das Feuer lodert.
Drehbuch auf Basis der Biografie "American Prometheus"
Der
Weg scheint vorgezeichnet, dennoch weiß Nolan, der sein Drehbuch auf
Basis der Biografie "American Prometheus" von Kai Bird und Martin J.
Sherwin verfasst hat, die Spannung hochzuhalten. Zurück in den USA
steigt Oppenheimer schnell zu einem der gefragtesten Männer seines Fachs
auf und bringt die Quantenphysik auch in seiner Heimat aufs Spielfeld.
Kein Wunder also, dass die Regierung auf seinen Namen stößt, als es
darum geht, sich gegen die Nazis im Wettrennen um die Atombombe
durchzusetzen. Gemeinsam mit General Leslie Groves (Matt Damon in einer
Paraderolle als hemdsärmeliger Militär, der so manchen Strauß mit
Oppenheimer ausficht) soll er das Manhattan-Projekt zum Erfolg führen -
und zwar an einem Ort, der für ihn zum zweiten Zuhause geworden ist: der
Wüstenlandschaft um Los Alamos in New Mexico.
Oppenheimer und das Manhattan-Projekt
Hier wird eine
Forschungsstadt aus dem Boden gestampft, in der sich über Jahre hinweg
tausende Wissenschafter und Mitarbeiter mit ihren Familien ganz ihrem
Ziel widmen, das Oppenheimer ungeachtet zwischenzeitlicher Rückschläge
eisern verfolgt. Die moralischen Fragen eine Waffe betreffend, die
binnen Sekunden tausende Menschen auslöschen kann? Werden zwar immer
wieder angerissen, bleiben für Oppenheimer aber eher störendes
Nebengeräusch denn wirkliches Hindernis. Vielmehr ist er wie ein
Dirigent darum bemüht, sein an allen Ecken und Enden ausfransendes Team
zusammenzuhalten. Bis am Tag X endlich der alles entscheidende Test
"Trinity" ansteht.
Nolan erzählt Geschehen ohne Atempause
Wie bei Nolan üblich, wird das Geschehen ohne
Atempause erzählt, wobei Kameramann Hoyte van Hoytema allen voran die
karge Schönheit von New Mexico in betörend schönen Tableaus einfängt.
Die Filmmusik von Ludwig Göransson wiederum scheint zu jeder Sekunde auf
den nächsten Höhepunkt zuzusteuern, wirkt wie ein sich unbeugsam
auftürmendes Monstrum aus Streichern, Drones und Percussion - ganz dem
Endprodukt der Arbeit des Manhattan-Projekt gleich. Wenn dann einmal
absolute Stille einkehrt, kann man sich sicher sein: der große Knall
folgt auf dem Fuße.
"Oppenheimer" mehr als eine bloße Nacherzählung
Und doch ist "Oppenheimer" mehr als die bloße
Nacherzählung einer wissenschaftlichen wie militärischen Errungenschaft,
die den Lauf der Welt maßgeblich verändern sollte. Nolan biegt mit
seinem als Biopic getarnten Thriller nämlich in unterschiedlichste
Richtungen ab und nutzt seinen umwerfenden Allstar-Cast - Emily Blunt,
Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Casey Affleck, Rami
Malek, Kenneth Branagh und Gary Oldman können alle auf ihre Weise
Eindruck hinterlassen -, um auf mehreren Zeitebenen und im Wechsel
zwischen Farb- und Schwarz-weiß-Sequenzen das berufliche wie private
Schicksal Oppenheimers zu beleuchten. Wie üblich stellt sich dabei erst
spät ein finaler Aha-Effekt ein. Dieser mag zwar nicht ganz so
spektakulär daherkommen wie bei manch anderen seiner Filme. Aber dennoch
ist dieser Sommerblockbuster einer, den man in jedem Fall gesehen haben
sollte.