Gastkommentar von Johannes Huber. Zwei Drittel der Menschen in der Stadt fordern ein rascheres Wahlrecht für Zugewanderte und die automatische Einbürgerung ihrer Kinder. Warum das Nehammer und Kickl egal ist.
Österreichische Migrations- und
Integrationspolitik präsentiert sich einseitig. So oder so. Indem sie
„Nullzuwanderung“ propagiert und so tut, als gebe es mit den Leuten, die
schon hier sind, nur Probleme; oder indem sie gar nicht hinschaut.
Schwarz oder weiß also. Schattierungen wie Differenzierungen gibt es
kaum.
Umso bemerkenswerter ist, wie
sehr ebensolche in der Bevölkerung vorhanden sind. Das zeigt eine
Studie, die das Sozialforschungsinstitut SORA im Auftrag der Stadt Wien
erstellt hat. Eine Mehrheit der österreichischen, aber auch der
nicht-österreichischen
Staatsangehörigen, die hier leben, finden, dass es zu viel Zuwanderung
gebe. Das Zusammenleben funktionierte zwar gut, meinen sie, die
Zuwanderung gehe aber zu weit. Das kann man durchaus nachvollziehen:
Zuwanderung in einem Ausmaß, wie es sie seit 20, 30
Jahren gibt, bedeutet immer auch, dass es da und dort nicht genug
Wachstum und daher Mangel gibt. Bei günstigen Wohnungen zum Beispiel.
Spannend ist, dass dennoch 78
Prozent betonen, dass man Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten
mussten, Schutz bieten muss. Und dass als Indikator für gelungene
Integration nicht so sehr gesehen wird, alle Verbindungen zur
ursprünglichen
Heimat zu kappen, sondern Deutsch zu sprechen, tolerant zu sein und
eine Arbeit zu haben.
Überraschend sind die Haltungen
zu Einbürgerungen sowie zu Schritten, die in diese Richtung gehen. 52
Prozent sind dafür, zugewanderte Männer und Frauen nach fünf Jahren
wählen zu lassen. Wobei das auch bei Bewohnern der Stadt, die keinen
Migrationshintergrund haben, von einer relativen Mehrheit von 48
Prozent unterstützt wird (45 Prozent sind in dieser Gruppe dagegen).
Und: 68 Prozent, also mehr als zwei Drittel, aller Befragten fordern
Kindern zugewanderter Menschen automatisch die österreichische
Staatsbürgerschaft zu geben.
Das ist nicht
selbstverständlich, trommeln doch ausgerechnet Leute wie
Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) tagein, tagaus, dass man bei
Einbürgerungen restriktiv bleiben müsse, weil die Staatsbürgerschaft ein
hohes Gut sei, das man
sich hart erarbeiten müsse. Wobei das mit dem „hohen Gut“ schon richtig
ist. Aber wenn man es so versteht, dass es möglichst niemand erreichen
soll, dann ist das das Gegenteil von Integrationspolitik; es
signalisiert, dass man die Zugewanderten gar nicht haben
möchte.
Alles in allem scheint die
Mehrheit der Bevölkerung sehr nüchterne Zugänge zu haben: „Ja“ zu
Migration in Maßen, selbstverständlich Schutz und Hilfe für Geflüchtete –
und wer einmal da ist, der soll nach angemessener Zeit auch
mitentscheiden
und Österreicher werden können.
Der ÖVP von Bundeskanzler Karl
Nehammer und der FPÖ von Herbert Kickl wird das jedoch egal sein. Sie
werden bei ihrem Kurs bleiben, der mehr oder weniger auf eine Festung
Österreich hinausläuft, die sich nach außen hin abschottet und im
Inneren möglichst wenig integrativ bleibt. Sie setzen nämlich nicht auf
die Menschen in Wien, die diesbezüglich eher sehr viel anders ticken,
sondern auf ein ländliches Österreich, in dem Fremde oft fremd sind und
man gerade daher in einer Abwehrhaltung verharrt.
Johannes Huber betreibt den Blog – Analysen und Hintergründe zur Politik