Gastkommentar von Johannes Huber. Dem Durchschnitt geht es noch immer sehr gut. Maßgebend sind jedoch die unteren zehn, 20, maximal 30 Prozent. Und sie fallen zurück.
Martina
Salomon, Chefredakteurin der Tageszeitung „Kurier“, schafft es immer wieder, zu
provozieren. Diese Woche etwa in einem Leitartikel, in dem sie feststellte,
dass wir nicht so arm seien: „Das heimische Wohlstandsniveau ist viel höher,
als die allgemeine Stimmung vermuten lässt.“ Mehr hat Salomon nicht gebraucht.
Die Empörung war groß. Wiens Ex-Grünen-Chefin Birgit Hebein warf Salomon und
ihresgleichen vor, den Anblick von Armut nicht zu ertragen. Kanzlersprecher Daniel
Kosak fand hingegen, dass der Leitartikel lesenswert sei.
Im Text ist
Salomon ein Fehler unterlaufen (nicht 95, sondern eher rund 50 Prozent
sämtlicher Antiteuerungshilfen gingen bisher an die untere Einkommenshälfte);
und sie bedient das Klischee, wonach Arbeitslose keinen Bock auf einen Job
haben (was es gibt, aber nicht die Regel ist). Man sollte sich davon aber nicht
abhalten lassen, ihre Einladung anzunehmen, darüber nachzudenken, wie schlecht
es „uns“ wirklich geht.
Ergebnis:
Fast allen geht es besser als der Groß- oder Urgroßelterngeneration, die oft
schon froh sein musste, auch gegen Monatsende alle Familienmitglieder ernähren
zu können. Ja, einer Masse geht es heute noch immer sehr gut. Das gilt jedoch
nicht für alle. Laut einer aktuellen Statistik Austria-Erhebung zu Krisenfolgen
können sich – bei steigender Tendenz – schon knapp zehn Prozent nicht einmal
mehr jeden zweiten Tag eine Hauptmahlzeit für alle Familienmitglieder leisten.
Sie sind sie egal? Nein!
Schlimmer:
Für mehr und mehr Menschen werden Dinge unmöglich, die beim „heimischen
Wohlstandsniveau“ normal sein sollten. Für rund 30 Prozent ist ein einwöchiger
Urlaub pro Jahr nicht mehr drinnen. Ähnlich viele können unerwartete Ausgaben
von 1300 Euro nicht aus dem laufenden Einkommen oder aus Ersparnissen
bewältigen; diese reichen schlicht und ergreifend nicht aus.
Das Problem
bei dem Ganzen ist, dass de facto zwar alle noch immer mehr haben als ihre
Groß- oder Urgroßelterngeneration, dass aber ein schleichender Prozess im Gange
ist, den man ernstnehmen sollte: Für immer mehr Menschen geht das verloren, was
Soziologen als gesellschaftliche Teilhabe bezeichnen. Sie bleiben zurück, weil
Nachhilfe, Bildungs- und viele Freizeitprogramme zu teuer geworden sind für
ihre Kinder. Weil die Alternative zu keinem Kassenarzt für sie nicht Wahl-,
sondern kein Arzt bedeutet. Weil sie froh sein müssen, die monatliche Miete
bezahlen zu können und nie im Leben ein Vermögen bilden können. Weil sie das
Pech haben, nicht geerbt zu haben. Weil sie verhängnisvollerweise erkennen
müssen, dass sich Leistung nur noch bedingt lohnt für sie. Das ist eine
Katastrophe.
Das Problem
ist, dass es in den vergangenen Jahrzehnten meist immer nur aufwärts gegangen
ist und dass es jetzt für viele abwärts zu gehen scheint. Das macht etwas mit
den Leuten. Es frustriert sie, treibt sie Populisten in die Hände, die Übles im
Schilde führen.
Diesen
Leuten zu sagen, dass sie sich zusammenreißen und froh sein sollten, dass sie
nicht nichts haben, wäre zynisch. Notwendig ist es, darüber nachzudenken, wie
man weitere Wohlstandsverluste für einen wachsenden Teil der Gesellschaft
stoppen könnte. Wie man den Glauben an eine Chancengleichheit wieder herstellen
könnte – zumal eine Gesellschaft insgesamt auf Dauer gesehen nur so reich ist,
wie die unteren zehn, 20 oder maximal 30 Prozent. Grund: Sind so viele Menschen
Verlierer oder haben so viele das Gefühl, ebensolche zu sein, gibt es über kurz
oder lang keine Sicherheit und aufgrund entsprechender Wahlergebnisse auch
keine halbwegs gemäßigte Regierung mehr. Dann wird’s gefährlich.
Johannes Huber betreibt den Blog – Analysen und Hintergründe zur Politik