Anlässlich der Aktionen von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin warnte Russlands Präsident Wladimir Putin am Samstag vor einem Bürgerkrieg in Russland.
Mitten in seinem chaotischen Krieg gegen die Ukraine muss sich Russlands Präsident Wladimir Putin nun auch im eigenen Land einem beispiellosen Machtkampf stellen. Nach mehr als 23 Jahren an der Macht spricht er von "Verrat" und einem "Stoß in den Rücken" durch den Aufstand der Privatarmee Wagner von Jewgeni Prigoschin.
RUSSIA-UKRAINE-CONFLICT
© Natalia KOLESNIKOVA / AFP
Präsident Putin warnte vor einem "Bürgerkrieg" in Russland
Putin warnte vor einem "Bürgerkrieg" in Russland. Eine Gruppe
russischer Nationalisten und Kriegsbefürworter um einen früheren
Offizier des Inlandsgeheimdienstes FSB kündigte einen Plan zur Rettung
des Vaterlandes an. Russland stehe am Rande einer Katastrophe, heißt es
in einer Erklärung der Gruppe. Ein Bürgerkrieg könnte zu einer
demütigenden militärischen Niederlage in der Ukraine führen. "Patriotische Kräfte" wollen sich demnach am Sonntag treffen, um über die Lage zu sprechen.
Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin wähnt das Land hinter sich
Der
Chef der russischen Wagner-Söldner, Jewgeni Prigoschin, wähnt das Land
hinter sich. Die russische Bevölkerung unterstütze ihn, erklärte
Prigoschin am Samstag in einer Audio-Botschaft. Seine Kämpfer hätten das
russische Militär-Hauptquartier in der Stadt Rostow eingenommen, ohne
einen einzigen Schuss abzugeben. Allerdings seien seine Kämpfer von
Hubschraubern und Artillerie beschossen worden.
Chef des Auslandsgeheimdinestes hält "Putschversuch" für erfolglos
Der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR erklärte den
"Putschversuch" für nicht erfolgreich. Es sei klar, dass der Versuch
einer Destabilisierung der Gesellschaft und einer Anzettelung zu einem
brudermörderischen Bürgerkrieg gescheitert sei, zitiert die amtliche
russische Nachrichtenagentur Tass Sergej Naryschkin.
Prigoschin mit Panzern und Flugzeugen ausgestattet
Putin nannte am Samstag in einer Fernsehansprache keine Namen. Auch so weiß jeder, wer gemeint ist: der Ex-Vertraute Prigoschin, dessen Söldner einst in Afrika, Syrien und eben auch in der Ukraine wichtige Erfolge für den Kreml verbuchten. Diese Zeiten dürften vorbei sein.
Der
mit einer vollwertigen Armee samt Panzern und Flugzeugen ausgestattete
Prigoschin ist nach langer, scharfer Kritik an der Militärführung nun
offen zum Kampf übergegangen. Mit seinen Leuten hat er nach eigenen
Angaben Militäreinrichtungen in der Millionenstadt Rostow am Don
besetzt, auch einen Flugplatz. Sein Ziel sei Moskau, sagt er
selbstbewusst. Aber auch öffentlich bricht er nun erstmals mit Putin,
dem er unlängst erst noch die Treue schwor und "meinen Oberbefehlshaber"
nannte.
Prigoschin wirft Putin eine Fehleinschätzung der Lage vor
Nun aber wirft der 62-Jährige dem Kremlchef eine grobe
Fehleinschätzung der Lage vor. Der Präsident irre sich schwer, wenn er
Wagner-Leute, die bei den Kämpfen ihr Leben geben, als "Verräter"
bezeichne. "Wir wollen nicht, dass das Land weiter in Korruption, Betrug
und Bürokratie lebt", sagt Prigoschin zu seinen Motiven. Allerdings hat
er selbst seit Jahrzehnten gerade von diesem System profitiert und vom
Kreml Milliardenaufträge erhalten. Prigoschin galt stets als der
Unantastbare - auch wegen seiner Nähe zu Putin.
Kritik gegen Prigoschin wegen Schmähreden gegen Schoigu
Zwar zog er sich
zuletzt öffentliche Kritik wegen seiner Schmähreden gegen
Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri
Gerassimow zu. All das blieb ohne Folgen. Bis jetzt. Schoigu will
derzeit die rund 40 Freiwilligenverbände in Russland unter seinen Befehl
bringen. Prigoschin lehnt das ab - und kündigte Widerstand an. "Jetzt
läuft eine Demontage von Wagner", schrieb die Politologin Tatjana
Stanowaja am Samstag in ihrem Telegram-Kanal. "Das Ende von Prigoschin
ist auch das Ende von Wagner."
Wagner-Chef beklagte sich wegen zu wenig Munition und Ausrüstung
Prigoschin selbst hatte sich immer
wieder beklagt, dass seine Kämpfer nicht genug Munition und Ausrüstung
vom Verteidigungsministerium erhielten. Er erklärte sich das selbst
damit, dass die Militärführung Angst habe, dass er damit am Ende auch
die Macht in Moskau übernehmen wolle. Das bestritt er stets. Aber Putins
Rede, die Militärfahrzeuge im Zentrum der Hauptstadt und die Ausrufung
des Anti-Terror-Notstands in Moskau und Umgebung zeigen, wie groß die
Angst im Kreml vor einem Umsturz oder einer gewaltsamen Machtübernahme
ist.
August-Putsch 1991 in Moskau ist unvergessen
Unvergessen ist in Moskau der August-Putsch 1991, als sich
Teile der Militärs auflehnten. Die Bilder des damaligen Präsidenten
Boris Jelzin auf einem Panzer gingen um die Welt. Es gehört zu den
Reflexen des Kremls, solch eine Gefahr nicht wieder zuzulassen. Zu
Gerüchten, wonach Putin die Stadt schon verlassen haben soll,
möglicherweise Richtung St. Petersburg, sagte sein Sprecher Dmitri
Peskow am Samstag, der Präsident arbeite im Kreml.
Politische Beobachter sehen keine Chancen für Prigoschin
Politische Beobachter sehen trotz der durch den Krieg gegen die Ukraine
geschwächten Armee keine Chancen für Prigoschin, Putin die Macht zu
entreißen. Zwar hieß es in einigen Kommentaren - etwa auch aus Kiew -,
die russische Elite werde sich jetzt für die eine oder andere Seite
entscheiden müssen. Allerdings hat Prigoschin nach allem, was bekannt
ist, im Machtapparat selbst keine einflussreichen Verbündeten. Auch die
meisten seiner Initiativen von Strafanzeigen gegen Vertreter des
Machtapparats blieben unberücksichtigt.
Prigoschin genießt Ansehen in ultranationalistischen Kreisen
Auch der von ihm sehr
geschätzte Vize-Generalstabschef Sergej Surowikin wandte sich per
Videobotschaft von ihm ab. Prigoschin genießt vor allem Ansehen in
Kreisen von Ultranationalisten und Kriegspropagandisten. Er hat einen
guten Draht zu Kriegsreportern, die wie er selbst stets deutlich mehr
Einsatz Russlands im Krieg fordern. Doch beklagte er sich zuletzt auch,
dass die Staatsmedien ihn nicht mehr erwähnten. Der Kreml kontrolliert
auch die Medien in Russland.
Wagner-Chef galt als Putins "Mann fürs Grobe"
Präsidentenamt in Moskau und
Verteidigungsministerium lehnen solche Forderungen etwa nach Verhängung
des Kriegsrechts oder neuen Mobilmachungen bisher ab. Die Ressourcen für
den Kampf gegen die Ukraine
seien ausreichend, auch so. Doch vor allem verliert Putin nun einen
seinen wichtigsten Trümpfe im Krieg, weil Wagner nicht zuletzt doch
größere Gebiete erobert hatte. Auch auf dem afrikanischen Kontinent galt
der Wagner-Chef als Putins "Mann fürs Grobe", stets bei Machtkämpfen in
einzelnen Ländern vorn mit dabei.
Viele im Machtapparat störten sich zunehmend an Prigoschin-Aussagen
Viele im Machtapparat störten
sich zunehmend daran, dass Prigoschin immer wieder Interna auspackte,
darüber klagte, dass im Verteidigungsministerium gestohlen werde, das
Geld nicht bei den Soldaten ankomme. Auch Putin sah sich genötigt, sich
mit den sonst Prigoschin gewogenen Kriegsreportern selbst zu treffen und
sich zu erklären. Dabei zeichnete sich ab, was den Wagner-Chef nun zum
Aufstand getrieben haben dürfte. Der Kremlchef forderte eine Initiative,
die privaten russischen Militärfirmen und damit auch Wagner zu
legalisieren. Auch das lehnte Prigoschin stets ab - weil er meinte, es
sei gut, sich in einem rechtsfreien Raum zu bewegen.
Putin verlangte gegen Drahzeiher des Aufstandes "unausweichliche Strafe"
In seiner
Rede am Samstag legte Putin nun nach und verlangte, dass die Drahtzieher
des Aufstandes ihrer "unausweichlichen Strafe" zugeführt werden
sollten. Dafür habe er den Streitkräften den Befehl gegeben. Die
Staatsagentur Ria Nowosti schrieb von einem Befehl zur
"Neutralisierung", also zur Ausschaltung der aufständischen
Wagner-Leute. Das war aber eine Interpretation. Putin selbst benutzte
das Wort "Neutralisierung" nicht.
Gruppe um Ex-FSB-Offizier kündigen "Plan zur Rettung" an
Eine Gruppe russischer Nationalisten und Kriegsbefürworter um einen früheren Offizier des Inlandsgeheimdienstes FSB kündigt einen Plan zur Rettung des Vaterlandes an. Russland stehe am Rande einer Katastrophe, heißt es in einer Erklärung der Gruppe. Ein Bürgerkrieg könnte zu einer demütigenden militärischen Niederlage in der Ukraine führen. "Patriotische Kräfte" wollen sich demnach am Sonntag treffen, um über die Lage zu sprechen.
Behörden fordern Bevölkerung auf in ihren Häusern zu bleiben
Die Behörden der
russischen Region Lipezk forderten die Bevölkerung auf, aus
Sicherheitsgründen ihre Häuser und Wohnungen nicht zu verlassen. Die
Region liegt nördlich der Stadt Woronesch, wo die Söldner-Gruppe Wagner
russischen Sicherheitskreisen zufolge die militärischen Einrichtungen
kontrolliert. Berichten zufolge ist ein Militärkonvoi der Wagner-Gruppe
unterwegs durch die Region Richtung Moskau. Die von Süden nach Moskau
führende Autobahn M-4 ist nach Angaben des Gouverneurs der Region Lipezk
deshalb gesperrt.