Gastkommentar von Johannes Huber. Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Das ist schlecht für die SPÖ und gut für die FPÖ.
Wien
biete eine „unübertroffene Kombination“ aus Stabilität, guter
Infrastruktur, Gesundheitsversorgung sowie Kultur- und
Unterhaltungsangeboten. Zu den wenigen Nachteilen zähle ein Mangel an
großen Sportveranstaltungen. Doch das ist für die „Economist
Intelligence Unit“ kaum ins Gewicht gefallen: Sie hat die Stadt gerade
zur lebenswertesten Metropole der Welt erklärt. Es ist nicht zum ersten
Mal. In vier von fünf Kategorien gab es diesmal 100 von 100 möglichen
Punkten.
Wen wundert’s? Die „New York Times“
hat Wien unlängst als Paradies für Mieter bezeichnet. So viele
gemeinnützige Wohnungen gemessen an der Bevölkerung gibt es sonst
nirgends. Es existieren auch nur wenige Millionenstädte auf der Welt, in
denen man sich nachts überall hin trauen kann, ohne mit einem Überfall
rechnen zu müssen. So weitläufige Erholungsgebiete wie den Prater und
die Donauinsel bestehen sonst ebenfalls kaum wo.
Für
die regierende SPÖ von Bürgermeister Michael Ludwig ist das jedoch
nichts, auf dem sie sich ausruhen kann. Es ist kein Vorteil für sie.
Umgekehrt ist es kein Dämpfer für die Freiheitlichen oder die Türkisen
in der Stadt, die versuchen, sie zu kopieren. Die nächste
Gemeinderatswahl ist deswegen noch lange nicht entschieden.
Ludwig
ist eher mit einem Problem konfrontiert: Lebenswerteste Stadt der Welt
zu sein, ist das eine. Es in einem globalen Wettbewerb zu bleiben, das
andere. Auf Dauer wird es kaum möglich sein, diesen Status zu halten.
Man wird ihn früher oder später mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit nachhaltig verlieren.
Wichtiger
ist jedoch dies: Wer in Wien lebt, ist wirklich gute Verhältnisse
gewohnt. Im internationalen Vergleich ist Wohnen alles in allem günstig.
Sind die Spitäler ebenso top wie die öffentlichen Verkehrsmittel. Das
ist jedoch gefährdet: Ausgehend von einem hohen Niveau gibt es zunehmend
spürbare Verschlechterungen. Wohnen wird wesentlich teurer, im
Gesundheitswesen und bei den Wiener Linien macht sich Personalmangel
bemerkbar. Zugespitzt formuliert könnte man sagen, dass man bisher
verwöhnt war. Niemand tut sich jedoch schwerer, Abstriche hinzunehmen,
als jemand, der verwöhnt ist. Vor allem wenn dann auch noch einer wie
Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) daherkommt und so tut als wär‘
nix.
Das schafft ein erhebliches Potenzial
für Parteien, die auf Protestwähler setzen; auf Wähler, die von Unmut
oder Abstiegsängsten getrieben werden. Herbert Kickl weiß das. Seine
Strategie ist es daher, das alles zu verstärken und den Eindruck zu
vermitteln, dass eine Katastrophe nahe sei.
Johannes Huber betreibt den Blog - Analysen und Hintergründe zur Politik