Nachdem mehrere Frauen in den vergangenen Tagen Vorwürfe des sexuellen Übergriffs gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann erhoben hatten, ist die Band nun in "Schockstarre".
Während viele Auseinandersetzungen rund um die deutsche Band Rammstein und Sänger Till Lindemann in der Vergangenheit erst öffentlich ignoriert, dann abgetan oder weggelacht wurden, dürfte es damit nun nicht mehr getan sein. Mehrere Frauen haben in den vergangenen Tagen - teilweise anonym - den Vorwurf des sexuellen Übergriffs gegen Rammstein-Frontmann Lindemann erhoben. Die Frauen schildern Situationen, die sie teils als beängstigend empfunden hätten. Junge Frauen seien während Konzerten ausgewählt und gefragt worden, ob sie zur Aftershowparty kommen wollen. Dabei soll es nach Schilderungen einiger Frauen auch zu sexuellen Handlungen gekommen sein. Teils wurde über die Verwendung von K. O.-Tropfen und anderen Substanzen spekuliert.
Rammstein nach Vorwürfen gegen Lindemann in "Schockstarre"
In einer
Stellungnahme von Rammstein hieß es, die Vorwürfe hätten sie sehr
getroffen und man nehme sie außerordentlich ernst. "Unseren Fans sagen
wir: Es ist uns wichtig, dass Ihr euch bei unseren Shows wohl und sicher
fühlt - vor und hinter der Bühne." Weiter hieß es in dem Schreiben:
"Wir verurteilen jede Art von Übergriffigkeit und bitten euch: beteiligt
euch nicht an öffentlichen Vorverurteilungen jeglicher Art denen
gegenüber, die Anschuldigungen erhoben haben. Sie haben ein Recht auf
ihre Sicht der Dinge." Auch die Band habe aber ein Recht - nämlich
ebenfalls nicht vorverurteilt zu werden.
Gedrückte Stimmung und "Schockstarre" im Umfeld der Band
Aus dem Umfeld der Band
wird von gedrückter Stimmung, Nachdenklichkeit, ja "Schockstarre"
berichtet. Mit den Münchner Konzerten als Auftakt des Deutschlandteils
der Europatour steckt Rammstein in der Krise. Die als gigantische
Spektakel konzipierten Konzerte sollen weiter laufen. Unklar scheint bei
Beteiligten, wie die Band das bei dem Druck schaffen soll.
Rammstein-Konzerte: Keine Gästegruppen mehr in Row Zero
Für
die anstehenden Konzerte gibt es bereits Konsequenzen. In der
sogenannten Row Zero, dem Sicherheitsbereich unmittelbar vor der Bühne,
sollen keine Gästegruppen mehr sein. Dort waren seit vier Jahren jeweils
am rechten und linken Bühnenrand kleine Gruppen meist sehr junger,
häufig auffällig gekleideter Frauen zu sehen.
Keine kleine Aftershowpartys mehr für Lindemann und Frauen
Das Konzept für die Aftershowpartys sei ebenfalls geändert, heißt es im Umfeld der Band. Es solle nicht mehr zwei Partys geben - eine große für Fans und Band, eine kleine für Lindemann und Frauen. Künftig, wenn überhaupt, nur noch eine Feier nach den Konzerten. Für München gibt es noch unterschiedliche Angaben. Das neue Konzept werde auch Auswirkungen haben auf die Einladung für Rammstein-Fans, die bei solchen Gelegenheiten gern Selfies mit den Musikern schießen. Das sei nun "blöd für alle", wird Lindemann dazu zitiert.
Fans wenden sich enttäuscht von Rammstein ab
Manche Fans wenden sich bereits enttäuscht von der international gefeierten Band ab. Im Internet sind entsprechende Postings zu finden. Zudem werden Karten der eigentlich ausverkauften Konzerte über Wiederverkaufsplattformen angeboten. Unklar ist allerdings, ob dies im Umfang ungewöhnlich ist.
Band hat für Konzerte ein Awarness-Konzept in Auftrag gegeben
Für die Konzerte
hat die Band ein Awareness-Konzept in Auftrag gegeben. Bereits geplant
für die Auftritte in Dänemark, soll es nun in München realisiert werden.
Sechs Mitarbeiter sollen in Verbindung mit der Security nach
Auffälligkeiten im Stadion Ausschau halten. Zudem soll es einen
Safe-Space-Bereich geben, in den sich Betroffene zurückziehen können.
Eigene Untersuchungen der Band seit Tourauftakt in Vilnius
Konsequenzen
hat die aktuelle Debatte auch abseits der Bühne: Bereits seit dem
Tourauftakt in Vilnius gibt es im Umfeld eigene Untersuchungen der Band.
Dazu sollen schon Zeugenaussagen vorliegen. Eine Anwaltskanzlei befragt
Mitarbeiter der Crew, das Sicherheitsteam, die Band. Auch
möglicherweise betroffene Frauen sollen befragt werden. Bisher unklar
ist den Angaben zufolge, ob noch in dieser Woche erste Ergebnisse
veröffentlicht werden sollen.
Entscheidungen für Konsequenzen bei Rammstein einstimmig beschlossen
Die Entscheidungen für Konsequenzen
sollen nach dem Sechs-zu-Null-Prinzip gefallen sein, was für
Einstimmigkeit bei Lindemann, Paul Landers und Richard Kruspe (Gitarre),
Christian "Flake" Lorenz (Keyboard), Oliver Riedel (Bass) und Christoph
Schneider (Schlagzeug) steht. Lindemann umschrieb vor einiger Zeit im
Gespräch mit der dpa die Entscheidungsfindung in der Band: "Ich arbeite
mit fünf Leuten zusammen, da driften die Meinungen schon mal
auseinander. Es gibt immer eine Menge Diskussionen und Kämpfe, in welche
Richtung es weitergehen soll, über die Themen, um so ziemlich alles."
Kritik am Video-Teaser zu Song "Deutschland" aus dem Jahr 2019
Für
Diskussionsstoff über die Band sorgen die Musiker dann meist zusammen.
Tagelang massive Kritik gab es etwa, als 2019 im Video-Teaser für den
Song "Deutschland" Band-Mitglieder in einer sehr kurzen Sequenz in
KZ-ähnlicher Kleidung während einer Hinrichtung zu sehen waren. Im
kompletten Video war die Szene eingebettet und vergleichsweise
reflektiert. Ein anderes Video mit Material der Naziikone Leni
Riefenstahl ist bis heute umstrittenen.
Umgang mit dem Thema Frauen und Sex durch Rammstein oft kritisiert
Auch der Umgang der sechs
Männer mit dem Thema Frauen und Sex wird immer wieder thematisiert. Für
das "Pussy"-Video stellten die Musiker Pornoszenen nach. In der
Konzertvariante des Songs bespritzt Lindemann das Publikum seit Jahren
mit einer riesigen, penis-förmigen Schaumkanone. Sado-Maso-Praktiken -
auch homoerotische - sind immer wieder Bestandteil von Bühnenshow oder
Videos.
Vergewaltigungsfantasien in Till Lindemann Song "Wenn du schläfst"
Mit seinen Soloprojekten geht Lindemann häufig sogar noch
weiter. Sein Band "100 Gedichte" war 2020 in der Diskussion. Und zwar
wegen Vergewaltigungsfantasien, K.o.-Tropfen und Sex mit Schlafenden in
dem Gedicht "Wenn du schläfst". Nicht nur Kritikerinnen interpretieren
die Zeilen aus Täterperspektive als Relativierung krimineller Handlungen
und Beschönigung sexueller Übergriffe. Sie nehmen Lindemann das von ihm
häufig verwendete lyrische Ich nicht ab, also die Erzählform einer
fiktiven Figur in der ersten Person Singular.
Porno-Video zu LIdemann-Song "Till The End" kursiert seit drei Jahren im Netz
In einem seit drei Jahren im Netz kursierenden Video zum Lindemann-Song "Till The End" ist der inzwischen 60-Jährige zudem in zahlreichen pornografischen Szenen mit jungen Frauen zu sehen. In einigen Sequenzen wird ein Gedichtband dabei verwendet und ein Gedicht zitiert. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat jüngst die Zusammenarbeit mit dem Autor aufgekündigt.
Lindemann selbst mag seine Texte nicht interpretieren
Lindemann und Rammstein spielen häufig mit Ambivalenzen. In Texten wird Sehnsucht zu Hass, Leid zu Liebe, immer wieder ist Gewalt in allen Formen im Spiel, die Übergänge sind fließend und Teil des Konzepts. Lindemann selbst, einmal darauf angesprochen, mag seine Texte nicht interpretieren: "Wenn ich über die wahren Hintergründe von allem sprechen würde, was ich singe, würde ich nur Schubladen schaffen. Ich glaube, es ist besser, das nicht zu tun und die Leute einfach zu ihrer eigenen Interpretation der Texte anzuregen."