Gastkommentar von Johannes Huber. Die Bundespräsidenten-Wahl wird so wenig ernst genommen, dass es erste Rufe gibt, sie abzuschaffen. Das gehört zurückgewiesen, es richtet sich gegen die Bürger.
Zugegeben, es fällt schwer, diese Bundespräsidenten-Wahl
ernst in dem Sinne zu nehmen, dass man allen Kandidaten die nötige
Aufmerksamkeit schenkt. Das hängt damit zusammen, dass andere Fragestellungen
(Ukraine-Krieg, Teuerung etc.) im Moment im Vordergrund stehen; dass es einen
so haushohen Favoriten gibt (Amtsinhaber Alexander Van der Bellen), dass das
Rennen für diesen bereits gelaufen scheint; und dass sich diejenigen, die vor
allem auch zur Demokratiepflege verpflichtet wären, nicht weiter darum kümmern.
Klar, zur Demokratiepflege ist jede einzelne Bürgerin, jeder
einzelne Bürger aufgerufen. Ihre Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, sind jedoch
begrenzt. Bei Parteien und Politikern schaut die Sache anders aus. Ihnen werden
Millionen zur Verfügung gestellt und damit bestimmen sie zum Beispiel auch
Bundespräsidenten-Wahlen: Ihre Kandidaten sind es, die noch immer am besten
abschneiden. Umgekehrt ist eher chancenlos, wer nicht über ihre Unterstützung
verfügt. Damit geht eine große Verantwortung einher für sie.
Bei der Wahl an diesem Sonntag üben sich die meisten
Parteien in Zurückhaltung. Die FPÖ finanziert im Wesentlichen die Kampagne von
Walter Rosenkranz, die Grünen sind die einzigen, die für die Initiative von Van
der Bellen gespendet haben. Türkisen, Roten und Pinken würde es zwar gefallen,
wenn er sich durchsetzen könnte, sie engagieren sich aber nicht weiter dafür.
These: Das ist mit ein Grund dafür, dass diese
Bundespräsidenten-Wahl eher unter der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle bleibt.
Wenn insbesondere die Großparteien Van der Bellen nicht durch eine eigene
Kandidatin oder einen eigenen Kandidaten herausfordern, müssten sie ihn
zumindest aktiv unterstützen und mit überzeugenden Argumenten für ihn werben;
auch wenn er so oder so mehr als 50 Prozent erreichen könnte.
Daraus, dass sie das unterlassen, kann man ihnen einen Vorwurf
machen. Schlimmer wird das Ganze jedoch, wenn etwa der Tiroler ÖVP-Klubobmann
Jakob Wolf daherkommt und unter den gegebenen Umständen überhaupt die ganze
Wahl in Frage stellt. Genauer: Ihm zufolge könnte man die Direktwahl abschaffen
und die Kür der Bundesversammlung überlassen, die durch National- und Bundesrat
gebildet wird. Abgesehen davon, dass der Vergleich mit Deutschland hinkt, wo
das so, vieles weitere aber eben anders geregelt ist, wäre das glatter
Demokratieraub: Das Volk dürfte noch weniger mitentscheiden.
Ja, aus dem Munde eines Politikers ist ein solcher Vorschlag besonders frech: Zuerst nicht dazu beitragen, dass diese Wahl zu einer echten Wahl mit einem intensiven, aufschlussreichen Wahlkampf werden kann; und dann auch noch an dieser Wahl rütteln. Das muss man sich erst einmal trauen.
Johannes Huber betreibt den Blog – Analysen und Hintergründe zur Politik