Gastkommentar von Johannes Huber. So wenig Spielraum die ÖVP im Bund den Grünen lässt, wo wenig lässt die SPÖ in Wien die Neos neben sich leben. Das spricht für eine Neuauflage der rot-schwarzen Koalition.
Wiens Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr hat vor wenigen
Tagen von sich reden gemacht: Die Gebührenerhöhungen in der Stadt seien
„enttäuschend“, sagt er in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“.
An ihm soll’s jedoch nicht gelegen sein: Ein Aussetzen der Erhöhungen, die
gerade in Zeiten einer hohen Inflation notwendig gewesen wäre, sei mit der SPÖ
nicht möglich gewesen, so der Neos-Mann.
Es ist bezeichnend für den Zustand dieser Koalition: Der
große „Partner“ (die SPÖ) zieht durch, was er für notwendig hält, ohne
Rücksicht auf den kleinen zu nehmen (also die Neos). Das ist zwar möglich, aber
nicht gerade im Sinne einer gedeihlichen Zusammenarbeit: Zusätzlich zur
allgemeinen Teuerung, zu stark steigenden Strom- und Gaspreisen, sorgen die
Gebührenerhöhungen fürs Parken sowie für Wasser und Müllentsorgung für
besondere Empörung in weiten Teilen der Gesellschaft; sie wirken wie der eine
Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die Empörung darüber bekommen
nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die Neos zu spüren: Ihrem Anspruch
hätte es entsprochen, in der Stadtverwaltung zu sparen, statt den Bürgerinnen
und Bürgern eine weitere Belastung zuzumuten.
Derartige Rücksichtslosigkeiten sind Wiederkehr und Co.
jedoch gewöhnt. Sie klagen selten, die Liste ist jedoch lang. Es ist unheimlich
mühsam für sie, Transparenz einkehren zu lassen; insbesondere bei den
Inseraten. Im Übrigen müssen sie sich im Regierungsalltag mit Krisenmanagement
beschäftigen, sei es in Bezug auf die Schulen oder Missbrauchsfälle an
Kindergärten.
In Summe führt das dazu, dass mit Türkis-Pink nichts
Pfiffiges einhergeht, kein frischer Wind, der für eine neue Politik steht. Und
das setzt naturgemäß eher den Neos zu. Genau genommen heißt es ja „das“ Neos,
steht die Abkürzung doch für „Neues Österreich“. Praktizieren können sie ein
solches jedoch nicht in Wien.
Der SPÖ kann ihr Schicksal egal sein und ist es ihr wohl
auch. Besonders Finanzstadtrat Peter Hanke (SPÖ), der in der Vergangenheit auch
schon einmal als Kanzlerkandidat gehandelt wurde, macht keinen Hehl daraus,
Anhänger einer großen Koalition auf Bundesebene zu sein. Das trifft sich
zunehmend mit Vorstellungen von Vertretern der dortigen ÖVP: Für sie ist klar,
dass die Zusammenarbeit mit den Grünen von Vizekanzler Werner Kogler keine
Zukunft hat. Klar, sie selbst verlieren zu stark dafür. Es ist aber auch so,
dass ihnen diese beharrlichen Rufe nach Klimaschutz und Korruptionsbekämpfung
lästig geworden sind. Und dass sich nach einer Neuwahl für sie aus heutiger
Sicht nur eine Regierungsbeteiligung unter Führung der SPÖ ausgehen wird.
Trost für die ÖVP: Bei der Sozialdemokratie weiß sie
wenigstens, woran sie ist. Jahrelang haben die beiden Proporz und Stillstand
walten lassen. Zu Ende war die Beziehung zuletzt erst, als sich Christian Kern
(SPÖ) und Reinhold Mitterlehner (ÖVP) um einen Neustart bemühten, aber
Sebastian Kurz (ÖVP) dazwischenfuhr.
Johannes Huber betreibt den Blog – Analysen und Hintergründe
zur Politik