
Die Wiener Handsemmel bekommt einen ungewöhnlichen Auftritt. Im Rahmen des kunst.fest.währing wird sie Anfang Oktober vom klassischen Gebäck zum Kunstobjekt.
Die Ausstellung „Semmelreich“ ist von 1. bis 4. Oktober 2026 in der ehemaligen Semmelweisklinik in Wien-Währing zu sehen. Zehn Bäckereien aus Wien und Umgebung präsentieren dort die Vielfalt ihres Handwerks.
Im Mittelpunkt steht dabei bewusst ein Produkt, das für viele zum alltäglichen Einkauf gehört: die handgemachte Semmel.
Die Ausstellung will sichtbar machen, wie viel Handwerk hinter einem scheinbar einfachen Gebäck steckt.
Für Josef Angelmayer, Innungsmeister des Lebensmittelgewerbes der Wirtschaftskammer Wien, steht die Handsemmel stellvertretend für Tradition, Können und echte Handarbeit.
„Die Handsemmel zeigt sehr schön, was unser Lebensmittelgewerbe ausmacht: Tradition, Können und echte Handarbeit“, sagt Angelmayer. Hinter einem scheinbar einfachen Produkt stecke viel Wissen und Erfahrung.
Die Ausstellung macht dieses Können aus unterschiedlichen Betrieben sichtbar und rückt damit ein klassisches Stück Wiener Esskultur ins Rampenlicht.
Die Ausstellung ist gleichzeitig Anlass, auf die wirtschaftliche Situation des Bäckerhandwerks hinzuweisen.
Seit 1. Juli 2026 gilt für ausgewählte Grundnahrungsmittel ein neuer Umsatzsteuersatz von 4,9 Prozent. Auch Brot und Gebäck wie die klassische Semmel fallen grundsätzlich unter diese Begünstigung.
Für die Betriebe bringt die Umstellung laut Wirtschaftskammer allerdings zusätzlichen organisatorischen Aufwand mit sich. Unterschiedliche Produktzusammensetzungen und steuerliche Abgrenzungen machen die praktische Umsetzung komplex.
„Eine steuerliche Entlastung ist grundsätzlich zu begrüßen. Sie darf aber nicht dazu führen, dass die Betriebe gleichzeitig mit zusätzlicher Bürokratie und neuen Abgrenzungsfragen belastet werden“, so Angelmayer.
Neben der Bürokratie stehen Bäckereien weiterhin unter Kostendruck.
Backöfen, Kühlung und weitere Produktionsschritte benötigen viel Energie. Gleichzeitig können Wetterextreme und Dürreperioden die Verfügbarkeit und Preise wichtiger landwirtschaftlicher Rohstoffe beeinflussen.
Auch Transport und Logistik schlagen laut Wirtschaftskammer weiterhin mit hohen Kosten zu Buche.
„Wenn Energie, Rohstoffe und Logistik teurer werden, kommt eine Steuersenkung bei den Betrieben nicht automatisch als echte Entlastung an“, sagt Angelmayer.
Trotz dieser Herausforderungen sieht die Wiener Lebensmittelinnung gute Perspektiven für das Handwerk.
Angelmayer betont dabei insbesondere den Faktor Mensch: „Bäcker zu sein ist ein wunderbarer Beruf. Es ist ein Handwerk, bei dem an vielen Stellen echte menschliche Arbeit, Erfahrung und Fingerspitzengefühl gefragt sind.“
Damit dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben werden kann, brauche es entsprechende Rahmenbedingungen für Ausbildung, Investitionen und Unternehmertum, so die Innung.
Auch die Weiterentwicklung des Lehrberufs steht bevor: Mit der Novelle der Backtechnologie-Ausbildungsordnung soll der Lehrberuf ab 1. Jänner 2027 stärker an die Anforderungen der modernen Bäckereipraxis angepasst werden.
Die Landesinnung Wien der Lebensmittelgewerbe vertritt laut Aussendung 748 Unternehmen mit 4.667 unselbstständig Beschäftigten und 205 Lehrlingen.
Zu den vertretenen Berufsgruppen zählen unter anderem Bäcker, Fleischer, Konditoren und Müller.
Die Innung setzt sich nach eigenen Angaben unter anderem für bessere rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Ausbildung und Weiterbildung sowie fachliche Unterstützung der Betriebe ein.
Wer die Handsemmel einmal abseits der Bäckertheke erleben möchte, kann die Ausstellung ab Donnerstag, 1. Oktober 2026, besuchen.
„Semmelreich“ ist bis 4. Oktober in der Semmelweisklinik, Haus 4, Hockegasse 37, 1180 Wien, zu sehen. Der Eintritt ist frei.
Die Vernissage findet am 1. Oktober um 18 Uhr statt.
Damit wird ein alltägliches Wiener Lebensmittel für wenige Tage zum ungewöhnlichen Kulturobjekt – und zugleich zum Schaufenster für ein Handwerk, das in der Stadt seit Generationen verankert ist.
(Red)
