Seltene, teils lebensbedrohliche Blutgerinnsel nach Corona-Impfungen geben Forschenden seit Jahren Rätsel auf. Eine neue Studie liefert jetzt erstmals konkrete Hinweise auf den möglichen Auslöser.
Auch Jahre nach der Corona-Pandemie beschäftigt eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Impfnebenwirkung die Forschung. Nach Impfungen mit bestimmten Vektorimpfstoffen kam es in sehr wenigen Fällen zu ungewöhnlichen Blutgerinnseln. Jetzt liefert eine neue internationale Studie konkrete Hinweise, warum das passieren konnte.
Seltene Fälle, schwere Folgen
Als die ersten Fälle im Frühjahr 2021 bekannt wurden, war die Verunsicherung groß. Die Blutgerinnsel traten teils an ungewöhnlichen Stellen auf, etwa in den Hirnvenen oder im Bauchraum. Gleichzeitig fiel bei Betroffenen die Zahl der Blutplättchen ab.
Medizinisch wird dieses Krankheitsbild als TTS bezeichnet, kurz für Thrombose mit Thrombozytopenie. Die engere immunologische Form heißt VITT. Gemeint ist damit eine fehlgeleitete Immunreaktion, bei der Antikörper körpereigene Strukturen angreifen und so gefährliche Gerinnsel auslösen können.
Die gemeldeten Fälle standen überwiegend im Zusammenhang mit Vektorimpfstoffen, darunter Präparate von AstraZeneca und Johnson & Johnson.
Was die neue Studie zeigt
Ein internationales Forschungsteam hat Antikörper von betroffenen Patientinnen und Patienten genau untersucht. Dabei fanden die Forschenden ein auffälliges Muster.
Im Mittelpunkt steht das körpereigene Protein PF4, das an der Blutgerinnung beteiligt ist. Bei VITT bilden sich Antikörper gegen genau dieses Protein. Diese Antikörper können Blutplättchen aktivieren und so Thrombosen auslösen.
Lange war unklar, warum das Immunsystem plötzlich PF4 angreift. Genau hier setzt die neue Studie an. Sie liefert Hinweise darauf, dass die Antikörper ursprünglich gegen ein Adenovirus-Protein gerichtet gewesen sein könnten, das in Vektorimpfstoffen eine Rolle spielt.
Mutation kippt die Immunreaktion
Entscheidend ist laut der Studie offenbar eine seltene Veränderung während der Reifung der Antikörper. Durch diese Mutation verändert sich das Angriffsziel.
Statt vor allem das Virusprotein zu erkennen, greifen die Antikörper plötzlich das körpereigene PF4 an. Genau dadurch könnte die gefährliche Kettenreaktion entstehen, an deren Ende seltene, aber schwere Blutgerinnsel stehen.
Die Forschenden beschreiben damit einen Mechanismus, der an molekulare Mimikry erinnert. Dabei erkennt das Immunsystem fremde und körpereigene Strukturen so ähnlich, dass es zu einer Fehlreaktion kommt.
Warum nur sehr wenige betroffen waren
Ein wichtiger Punkt der Studie: Offenbar reicht ein einzelner Auslöser nicht aus. Mehrere seltene Bedingungen müssen gleichzeitig zusammenkommen.
Dazu gehören eine bestimmte genetische Ausgangslage, eine seltene Mutation im Antikörper und eine Kreuzreaktion zwischen Virusprotein und PF4.
Genau diese Kombination könnte erklären, warum VITT nur bei sehr wenigen Menschen auftrat, obwohl Millionen Impfungen verabreicht wurden.
Wichtiger Fortschritt
Die Studie gilt als wichtiger Schritt, weil sie erstmals sehr konkret beschreibt, wie diese seltene Immunreaktion entstehen könnte.
Nicht belegt ist damit, dass jeder einzelne VITT-Fall exakt auf diesem Weg entstanden ist. Auch lässt sich daraus nicht direkt ableiten, wie hoch ein individuelles Risiko wäre oder wie häufig bestimmte genetische Voraussetzungen in der Bevölkerung vorkommen.
Die Arbeit zeigt also vor allem einen plausiblen Mechanismus. Sie ist ein wichtiger Baustein, aber keine vollständige Erklärung für alle Fälle.
Einordnung
An der grundsätzlichen Nutzen-Risiko-Bewertung der Impfprogramme ändert die Studie nichts. Behörden hatten die betroffenen Impfstoffe trotz sehr seltener schwerer Nebenwirkungen insgesamt positiv bewertet. Zudem zeigten große Datensätze schon früh, dass Thrombosen nach einer SARS-CoV-2-Infektion deutlich häufiger waren als nach einer Impfung.
Die neue Studie verändert also nicht die bekannten Risikozahlen. Sie hilft vor allem dabei, einen seltenen Mechanismus besser zu verstehen.