Viele Erwachsene gelten als psychisch robuster als junge Menschen heute. Eine Studie zeigt nun: Der entscheidende Unterschied liegt nicht in Strenge, sondern in etwas, das Kindern heute zunehmend fehlt.
Viele Erwachsene, die in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen sind, gelten als besonders belastbar. Eine aktuelle wissenschaftliche Analyse zeigt nun: Der Unterschied liegt weniger in strenger Erziehung als in einem Faktor, der Kindern heute zunehmend fehlt.
Weniger Freiheit, mehr psychische Probleme
Eine 2023 im Journal of Pediatrics veröffentlichte Studie unter der Leitung des Psychologen Peter Gray (Boston College) kommt zu einem klaren Ergebnis:
Der Rückgang eigenständiger Aktivitäten von Kindern seit den 1960er-Jahren steht laut den Forschern in Zusammenhang mit dem Anstieg psychischer Probleme bei jungen Menschen.
Dazu zählen unter anderem:
- Angststörungen
- Depressionen
- zunehmende psychische Belastungen
Warum freie Zeit so entscheidend ist
Laut der Studie verbrachten Kinder früher deutlich mehr Zeit unbeaufsichtigt: draußen, mit Freunden, ohne feste Struktur.
Genau diese unstrukturierte Zeit sei entscheidend für die Entwicklung wichtiger Fähigkeiten:
- Konflikte selbst lösen
- Entscheidungen treffen
- Risiken einschätzen
- mit Frust umgehen
Die Forscher verweisen dabei auf die sogenannte "interne Kontrollüberzeugung". Diese beschreibt das Gefühl, das eigene Leben beeinflussen zu können – ein wichtiger Schutzfaktor für die mentale Gesundheit.
Deutlicher Wandel seit den 1970ern
Wie stark sich Kindheit verändert hat, zeigen Zahlen aus den USA:
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1971 gingen rund 80 % der Drittklässler allein zur Schule
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1990 waren es nur noch etwa 9 %
Parallel dazu nahm die organisierte und überwachte Freizeit deutlich zu.
Überbehütung mit messbaren Folgen
Auch andere Studien bestätigen diesen Trend. Laut Untersuchungen der American Psychological Association steht stark kontrollierende Erziehung im Zusammenhang mit geringerer Selbstregulation.
Betroffen sind unter anderem:
- emotionale Kontrolle
- Impulsverhalten
- eigenständige Entscheidungsfähigkeit
Smartphones verstärken den Effekt
Seit den 2010er-Jahren hat sich die Lebenswelt von Kindern zusätzlich verändert.
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt beschreibt in seinem Buch The Anxious Generation, dass sich Kindheit zunehmend in digitale Räume verlagert.
Parallel dazu steigen international die Zahlen psychischer Probleme bei Jugendlichen.
Was bedeutet das für Eltern?
Die Forschung fordert keine Rückkehr in die Vergangenheit.
Aber sie zeigt klar: Kinder brauchen Freiräume, um sich gesund zu entwickeln.
- unbeaufsichtigte Spielzeit
- eigene Entscheidungen
- altersgerechte Risiken
Diese Erfahrungen könnten laut Studienlage entscheidend dafür sein, wie belastbar Menschen später im Leben sind.