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Vierter Jahrestag des Ukraine-Krieges

Heute, 08:03

Gegen vier Uhr früh am 24. Februar 2022 meldeten die Nachrichtenagenturen mit höchster Dringlichkeit: "Putin kündigt eine Militäroperation in der Ukraine an".

Ziel der "Spezialoperation" sei es, die Ukraine zu "entmilitarisieren" und zu "entnazifizieren", sagte der russische Präsident Wladimir Putin in einer Fernsehansprache in der Nacht. Russische Truppen waren bereits Monate davor an der Grenze zur Ukraine aufmarschiert.

Am 24. Februar wurden dann von Kiew über die Hafenstadt Odessa bis nach Charkiw im ganzen Land Ziele bombardiert. Russische Bodentruppen drangen mit Panzern vom Norden, Süden und Osten in die Ukraine ein. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verhängte das Kriegsrecht. Männer im wehrfähigen Alter durften das Land nicht mehr verlassen. In einem selbstgedrehten Video mit führenden Mitstreitern versicherte Selenskyj, in Kiew zu bleiben und die Ukraine zu verteidigen. Vor allem Frauen und Kinder flüchteten aus dem Land.

Strategieänderung nach Gegenwehr

In einer Gegenoffensive der Ukraine ab dem Frühling 2022 konnten die ukrainischen Streitkräfte einige Gebiete zurückerobern - etwa in der Region Charkiw. Nach der erfolgreichen Gegenwehr änderte Moskau seine Strategie und konzentrierte sich auf den Osten und Süden des Landes. Hier gelangen Russland bedeutende Gebietsgewinne. In den zurückeroberten Gebieten offenbarte sich jedoch die Brutalität, mit der die russischen Soldaten vorgegangen waren. Massengräber wurden entdeckt, Leichen mit Folterspuren gefunden.

Insbesondere die Massaker von Butscha schockierten die Weltöffentlichkeit. Zwei Tage nach dem Rückzug der russischen Armee aus der Stadt nördlich von Kiew Ende März 2022 wurde das Ausmaß der Taten bekannt. Die ukrainische Staatsanwaltschaft registrierte mehr als 9.000 Kriegsverbrechen in und um Butscha. Mehr als 1.400 Menschen seien demnach getötet worden. Moskau wies die Anschuldigungen vehement zurück und sprach von einer "zynischen Inszenierung".

Nicht anerkannte Annexion

Diplomatische Bemühungen liefen auf Hochtouren. Verhandlungen zwischen Mittelsmännern in Istanbul ab März 2022 brachten keine Lösung, ebenso wie Vermittlungsbemühungen von Staats- und Regierungschefs wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz oder Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP). Nehammer traf im April 2022 sowohl Putin als auch Selenskyj.

Im September desselben Jahres erklärte Putin vier besetzte ukrainische Regionen zu russischem Staatsgebiet: Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson. Die Annexionen wurden international nicht anerkannt und sie deckte sich auch nicht mit den militärischen Realitäten: Die Stadt Saporischschja wurde etwa zu keinem Zeitpunkt von Russland kontrolliert und auch die Provinzhauptstadt Cherson wurde im Herbst 2022 von ukrainischen Truppen wieder befreit.

In der darauffolgenden ersten russischen Winteroffensive konzentrierte sich Russland vor allem auf kritische Infrastruktur und zerstörte große Teile der Energieversorgung. Diese Strategie fuhr Russland fortan jeden Winter und besonders hart zuletzt. Bei Temperaturen von Minus 20 Grad fielen im besonders kalten Winter 2025/26 Strom, Heizsysteme und Wasser aus.

Ukrainische Armee auf dem Rückzug

Die ukrainische Armee befindet sich seit Herbst 2023 auf einem sehr langsamen Rückzug. Sie steht vor allem im Osten im Gebiet Donezk unter Druck, aber auch im Gebiet Saporischschja bleibt die Lage angespannt. Zuletzt meldete Kiew die Zurückgewinnung von hunderten Quadratkilometern an Boden. Vor allem die Abschaltung der Starlink-Satellitenkommunikation für Russland dürfte den ukrainischen Streitkräften behilflich sein.

Knapp ein Fünftel der Ukraine ist russisch kontrolliert. Die überraschende Besetzung von Teilen der russischen Region Kursk durch ukrainische Truppen im August 2024 war ein symbolischer Erfolg und motivierte die ukrainische Armee. An der russischen Gegenoffensive in Kursk beteiligen sich offiziell auch Soldaten aus Nordkorea. Damit galt erstmals seit Februar 2022 ein weiterer Staat als Kriegsteilnehmer.

Die ukrainische Kursk-Offensive, die bis Frühjahr 2025 dauerte, konnte den allgemeinen Trend aber nicht umkehren. Ebenso nicht die ukrainischen Drohnenangriffe, die wiederholt Ölraffinerien in Russland gelten. Für Schlagzeilen sorgte auch eine spektakuläre Geheimdienstoperation, bei der im Juni 2025 Drohnen vier russische Militärflughäfen attackieren und dort geparkte Flugzeuge zerstörten. Russland überzog die Ukraine indes nahezu allwöchentlich mit groß angelegten Angriffen aus der Luft und terrorisierte damit insbesondere auch die Zivilbevölkerung.

Westliche Waffenlieferungen kommen aus Kiewer Perspektive stets in zu geringer Quantität und verspätet ins Land. Nachdem sich die ukrainische Führung mehr als ein Jahr darum bemüht hatte, erlaubten im November 2024 die USA, Großbritannien und Frankreich, mit von ihnen gelieferten Raketensystemen auch militärische Ziele in Russland selbst anzugreifen. Der Kreml reagierte mit dem Einsatz einer Hyperschallwaffe gegen eine Raketenfabrik im ukrainischen Dnipro.

Änderung der US-Politik unter Trump

Die Hoffnung, dass der ab Jänner 2025 erneut amtierende US-Präsident Donald Trump sein Wahlversprechen für ein schnelles Kriegsende einlöst, schwand bald. Vor allem nach dem ersten Treffen Trumps mit Selenskyj im Februar 2025, das in einem Eklat endete. Obwohl Selenskyj mit der Bereitschaft für ein Abkommen über den Zugriff der USA auf ukrainische Rohstoffe, darunter die weltweit begehrten seltenen Erden, nach Washington reiste, überzog Trump Selenskyj vor laufenden Kameras mit heftigen Vorwürfen. "Sie setzen das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel. Sie riskieren einen Dritten Weltkrieg", sagte er zu seinem Gast. Trump forderte Selenskyj auf, dankbar für die US-Hilfe im Kampf gegen Russland zu sein und verlangte von ihm, seine Haltung zu ändern. Schützenhilfe erhielt Trump von US-Vizepräsident JD Vance. Der "Rohstoff-Deal" platzte und wurde erst später unterzeichnet.

Ein Treffen zwischen Trump und Putin im August 2025 in Alaska verlief dagegen friedlicher. Putin konnte zeigen, international keinesfalls isoliert zu sein. Und das, obwohl seit März 2023 ein internationaler Haftbefehl gegen ihn vorliegt. Der Internationale Strafgerichtshof hatte ihn wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen erlassen: Putin und die russische Kinderrechtsbeauftragte Maria Lwowa-Belowa seien mutmaßlich verantwortlich für die Deportation Tausender ukrainischer Kinder aus besetzten Gebieten nach Russland.

Ende November 2025 lag ein US-Friedensplan auf dem Tisch, der Moskau entgegenkam. Es wurde massiver US-Druck auf Selenskyj ausgeübt, der nach einem Korruptionsskandal in seinem Umfeld innenpolitisch merklich geschwächt war. Der ukrainische Präsident wehrte sich mit Rückendeckung der Europäer gegen geforderte Gebietsabtretungen, räumte aber Mitte Dezember ein, im Fall von Sicherheitsgarantien der USA auf einen NATO-Beitritt verzichten zu wollen. Selenskyj strebt einen EU-Beitritt im Jahr 2027 an. Den EU-Beitrittskandidatenstatus hatte die Ukraine bereits im Juni 2022 erhalten.

Im Jänner 2026 begannen erstmals wieder Friedensgespräche zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine unter Vermittlung der USA mit ihrem Chefunterhändler Steve Witkoff. Mit einem schnellen Durchbruch wurde allgemein jedoch nicht gerechnet.

Vierter Jahrestag des Ukraine-Krieges

Der Großangriff Russlands auf die Ukraine jährt sich am Dienstag zum vierten Mal. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist zu diesem Anlass in Kiew zu Besuch. Das Europaparlament hält in Brüssel eine Sondersitzung ab. Auch die UNO-Generalversammlung berät. Die "Koalition der Willigen" hält erneut eine Videokonferenz ab, an der auch Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) teilnimmt.

In Österreich sind ebenfalls Gedenkveranstaltungen geplant, etwa ein "Marsch des Lichts" in Wien um 18.00 Uhr vom Parlament. Am Nachmittag um 14.30 Uhr findet ein ökumenisches Friedensgebet im Stephansdom statt. In Linz wird eine Mahnwache in Gedenken an den Jahrestag abgehalten.

Bereits seit Wochen verhandeln die USA und Russland unter Ägide der USA über eine Waffenruhe. Bisher brachten die Gespräche auf Grundlage eines von US-Präsident Donald Trump vorgelegten Plans, die in Abu Dhabi und in Genf stattfanden, kaum greifbare Erfolge. Russland fordert umfangreiche Gebietsabtretungen, denen Kiew nicht zustimmt. In der EU hat zuletzt Ungarn mit der Blockade des geplanten 90-Milliarden-Euro-Kredits für die Ukraine und des 20. Sanktionspakets gegen Russland für Unmut gesorgt.

(APA/Red)

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