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Muss sich Kickl vor Stocker fürchten?

Heute, 09:01

Gastkommentar von Johannes Huber. Für den FPÖ-Chef geht im Moment keine Gefahr aus vom Kanzler. Das könnte sich jedoch ändern.

Christian Stocker will endlich sagen, was er will. Spät, aber doch: Gut ein Jahr, nachdem er das Kanzleramt und die Führung der Volkspartei übernommen hat, möchte er „die Richtung vorgeben“ und „zentrale Pflöcke einschlagen“; in einer Rede nämlich, zu der er für diesen Freitag in die Donaustädter „METAStadt“ geladen hat. 

Muss sich FPÖ-Chef Herbert Kickl fürchten? Zugegeben: Stocker ist bisher furchtbar blass gewesen; und auch aufgrund der unpopulären Maßnahmen (Stichwort Sparpaket), die er zu vertreten hat, liegt er in Umfragen so weit abgeschlagen, dass die Frage eher nur ein Schmunzeln hervorruft. Bei einer Kanzlerdirektwahl würde er laut einer Umfrage der Tageszeitung „Österreich – oe24“ auf gerade einmal zwölf Prozent kommen. Chancenlos gegen Kickl, der mit 32 Prozent fast dreimal so viel zusammenbringen würde. 

Bei einer Nationalratswahl würde es nicht viel anders ausschauen: Stockers ÖVP würde weiter verlieren und nur noch gut 20 Prozent erreichen. Klarer Gewinner wäre die FPÖ mit Kickl (über 35 Prozent); und zwar so klarer Gewinner, dass Stocker kaum noch eine Koalition gegen ihn bilden könnte. Nicht einmal mehr Schwarz-Rot-Pink würde sich sicher ausgehen. 

Kickl muss Stocker zwar nicht fürchten, er muss ihn aber ernst nehmen. Erstens: Stockers Schwächen könnten sich in Stärken verwandeln. Auf Dauer muss die Ruhe, die er verkörpert, kein Nachteil sein für ihn. Gerade in unruhigen Zeiten wie diesen. 

Zweitens: Infolge der Teuerung hätte es wohl jeder Kanzler schwer gehabt, auf passablen Zuspruch zu kommen. Steigen die Preise, haben viele Leute das Gefühl, dass sich die Lebensverhältnisse für sie persönlich verschlechtern; neigen sie dazu, Regierende dafür verantwortlich zu machen. In den kommenden Monaten wird die Teuerung jedoch zurückgehen, wird eine gefühlte Verschlechterung und damit auch ein Grund wegfallen, Stocker und seinesgleichen etwas übel zu nehmen.

Vor allem aber drittens: Kickl könnte es zunehmend schaden, nicht nur dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahezustehen und diesem de facto die Ukraine überlassen zu wollen, sondern auch US-Präsident Donald Trump sowie dessen Remigrations- und EU-Zerschlagungskurs. Das wird immer mehr zu einer Belastung für den FPÖ-Chef.

Nicht einmal mehr eine Mehrheit der Amerikaner unterstützt Trump. In Europa macht er sich noch viel mehr Gegner, und damit steht Kickl plötzlich auf der falschen Seite der Geschichte. Wobei: Ob ihm das zum Verhängnis wird, hängt unter anderem von Stocker ab. 

Entscheidend ist, ob der Kanzler beginnt, eine Anti-Trump- und damit auch Anti-Kickl-Politik zu machen. Und zwar, indem er sich für ein Europa einsetzt, in dem weiterhin die Stärke des Rechts gilt und Menschen nicht wie in Minnesota von Vertretern eines zunehmend diktatorischen Staates buchstäblich hingerichtet werden auf offener Straße.

Johannes Huber betreibt den Blog  – Analysen und Hintergründe zur Politik

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