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Heimkommen

15-09-2017, 06:00

Heimkommen ist niemals einfach. Dorthin, wo man das erste Wort gesprochen, die ersten wackeligen Schritte gemacht, die ersten ernsten Verhandlungen geführt hat. Darüber, ob und wie lang man allein die Welt da draußen erkunden darf, auf eigenen Füßen stehen, eine eigene Geschichte schreiben. Ganz ohne Blick über die Schulter, der irgendwann lästig wird. Aber nie ganz verschwindet. Zu Hause ist man immer Kind.

Wenn mein Freund, bald 40 wie ich, auf den Hof seiner Eltern fährt, ist er am ersten Tag Besuch. Bekommt Kaffee und Kuchen, darf sich in die Sonne setzen und von sich erzählen. Ab dem zweiten Tag sitzt er am Traktor, um mitzuhelfen. Fährt auf ihm durchs Dorf wie früher und wird bei einem Spitznamen gerufen, den er seit 20 Jahren nicht mehr gehört und zum Glück vergessen hat. Und hofft jedes Mal, dass seine Kinder ihn nicht hören.

Wenn ich nach Klagenfurt fahre, treff ich am Markt im Viertel dieselben Menschen wie vor 25 Jahren. Den Hausarzt, die Kindergartentante, meine Volksschullehrerin. "So ein kurzer Rock" sagt sie tadelnd zu mir, es ist Sommer und er geht bis zu meinen Knien, "du wirst dich noch verkühlen". Im Bus, der nur alle 30 Minuten die Teenager aus dem Viertel in die Innenstadt bringt wie damals, setzt sich eine ältere Frau neben mich und erklärt mir ungefragt die Gegend, durch die wir fahren. Kreuzbergl, Steinerne Brücke, Lendkanal. "Kenn ich", nick ich schließlich, "ich bin hier aufgewachsen". Ungläubiges Staunen. "Was ist passiert?"

Schwerwiegende Gründe

Wer wegzieht, muss schwerwiegende Gründe haben. Auch die Dame vor uns hat sich mittlerweile umgedreht und hört zu, weil außer uns drei auch niemand im Bus ist. Wo ich lebe? Wien. Kinder? Nein. Verheiratet? Ja. Wie ich die Wiener aushalte? "Na ja", lach ich, "ich bin mit einem verheiratet". "Da kann man nix machen", sagt meine Sitznachbarin ernst, "das ist Pech". Und die Dame vor uns nickt mitfühlend. Beide schweigen bis zur Endstation. Den Nachmittag verbringe ich im Strandbad mit meiner Mutter. Wir sitzen auf der Brücke, auf der wir immer gesessen sind, Wassermelonen gegessen haben und Eistee getrunken. Jeden Sommer seit ich denken kann.

Meine Mutter mit angezogenen Beinen, immer den Blick auf mich gerichtet, während ich meine ersten Längen zog. Sobald ich übers Nichtschwimmer-Schild hinaus bin, hat sie die Hand gehoben und mir herrisch zugewinkt. Zurück mit dir! Ich schwimme hinaus auf den See und blicke zurück auf die Strandpromenade.

Dort bin ich oft mit meinem Großvater entlangspaziert. Als wir uns das letzte Mal sahen, hab ich ihm stolz mein Sponsionszeugnis gezeigt. Und er hat auf seinen Finger gespuckt und ist damit über die Unterschrift des Rektors gefahren. Um zu prüfen, "ob sie echt ist". Sie war es und er war zufrieden. Als ich zurück zur Brücke schwimme, seh ich meine Mutter als kleinen Punkt in der Ferne. Sie hebt die Hand und winkt mir und ich denk mir, was solls und winke zurück. Ein junger Mann am Ende der Brücke, der aussieht wie die Jungen, in die ich früher verliebt war, sieht es und ruft mir zu: "Brauchen Sie Hilfe?" Ja, denk ich, irgendwie schon. Und schüttel den Kopf. Heimkommen ist niemals einfach.

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